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Panorama Freikirchen in Deutschland: Halleluja und Remmidemmi
Nachrichten Panorama Freikirchen in Deutschland: Halleluja und Remmidemmi
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13:02 16.06.2018
Party für Gott: Mit Musik, Scheinwerfern und riesigen Leinwänden feiert die Freikirche ICF ihre „Conventions“. Gleichzeitig wird die Bibel von der Freikirche sehr wörtlich ausgelegt. Quelle: Fotos: Schulz (3)
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Berlin

Sonntagabend, 18 Uhr, Berlin-Tempelhof. Der Saal liegt in völliger Dunkelheit. Ein Countdown zählt die Sekunden bis zum Start. Drei noch. Zwei. Eine. Dann bebt ein gewaltiges Bassgrollen durch den Raum, Dutzende Scheinwerfer leuchten auf, treibende Musik setzt ein, auf drei riesigen Leinwänden ist nun ein Film zu sehen. Darin machen viele, meist schön anzusehende Menschen viele sehr angesagte Sachen.

In wenigen Sekunden fährt die Stimmung von null auf 100 hoch. Nur die wenigsten der rund 200 Gäste hält es noch auf ihren Sitzen. Einige klatschen, andere reißen ihre Hände nach oben, viele tanzen im Rhythmus. Der Bass wird drängender, bis auf den Leinwänden zwei Worte in weißen Lettern erscheinen: „Let’s celebrate!“ Lasst uns feiern! Jetzt bebt der Saal vollends.

Party für Gott: ICF-Messe in Berlin. Quelle: saschasascha

Eine Party ist das, allerdings keine gewöhnliche, sondern eine für Gott und den Glauben. „Celebration“ nennt sie die ausrichtende Gemeinde, die International Christian Fellowship, kurz ICF, eine evangelikale Freikirche. Dazu eine durch und durch ungewöhnliche. Gegründet 1996 in der Schweiz von Pop-Prediger Leo Bigger (läuft nachts um 4 Uhr auf SuperRTL), weitete sich die Kirche in den vergangenen Jahren rapide aus. 28 Gemeinden zählt sie allein in Deutschland, erst vor wenigen Wochen eröffnete die neueste in Dresden. Und das in einer Zeit, in der die katholische und die evangelische Kirche jedes Jahr dramatisch an Mitgliedern verlieren, in einer Zeit, in der Statistiker die zunehmende Säkularisierung längst belegt haben wollen.

Säkularisierung bedeutet, kurz gefasst, eine Abkehr der Gesellschaft von der Religion. Eine Studie der Religionssoziologen Detlef Pollack und Gergely Rosta von der Universität Münster kam nach einer internationalen Erhebung sogar zu dem Ergebnis, die Säkularisierung halte an, egal wie gut oder einnehmend Gottesdienste auch sein mögen. Wie also kann es sein, dass heutzutage, an einem Sonntagabend, 18 Uhr, in Berlin-Tempelhof trotzdem 200 Menschen Gottesdienst feiern, während halb Berlin in Parks und Vorgärten in der Sonne sitzt? Wie kann es sein, dass die Zahl der Besucher immer größer wird und, vor allem, dass die Besucher dieser Popmessen so auffällig jung sind? Das ICF vereinigt im Kern genau solche Menschen, die die Etablierten in vielen Bereichen am wenigsten erreichen: die 20- bis 40-Jährigen.

Mitgliederzahl der Freikirchen steigt

Die Mitgliederzahlen der katholischen und der evangelischen Kirche gehen seit Jahren zurück. So waren 2013 noch 23 Millionen Deutsche in der evangelischen und 24,2 Millionen in der katholischen Kirche. 2016 waren es noch 21,9 Millionen (evangelische Kirche), beziehungsweise 23,9 Millionen (katholische Kirche). Das sind 1,4 Millionen Mitglieder weniger.

Die beiden größten freikirchlichen Vereinigungen, der Bund evangelisch-freikirchlicher Gemeinden und der Bund freikirchlicher Pfingstgemeinden, haben in der Zeit Mitglieder gewonnen. Zählten sie 2013 noch 130 000 Mitglieder in Deutschland, waren es vier Jahre später bereits 140 000. Diese beiden Entwicklungen haben allerdings nicht unbedingt etwas miteinander zu tun. So sinkt die Zahl der Kirchenmitglieder unabhängig von der Zufriedenheit mit Gottesdiensten schon allein durch den demografischen Wandel. Freikirchen sind davon durch ihre Altersstruktur weniger stark betroffen.

Ein Teil der Antwort mag im modernen Erscheinungsbild der Kirche liegen. Während Katholiken und Protestanten sich auf ihre jahrhundertealte Tradition, ihre alten Kirchen, ihre Geschichten und Bräuche besinnen, feiert das ICF seine Gottesdienste als emotionale Party-Events an hippen Orten mit hippen Pastoren. Ihre Predigten sind schnell, eloquent und multimedial. Die Musik ist live gespielt, mitreißend und professionell, die verwendete Sprache oft Englisch. Zudem ist das ICF auf Instagram und Facebook aktiv, Predigten veröffentlichen viele Gemeinden als Podcasts und Youtube-Videos. Sie umwerben die Gläubigen mit den Mitteln des Marketings, zielgruppengerecht und am Puls der Zeit.

Auch für Kinder und Jugendliche macht die Freikirche Angebote. Quelle: Jacqueline Schulz

Gleichzeitig offenbaren die Predigtvideos und all die anderen Veröffentlichungen bei allem bunten und lauten Rahmenprogramm auch den antimodernen Kern. Denn das ICF versteht sich als bibeltreu in einem sehr engen Sinne. Homosexualität, Pornografie, vorehelicher Sex und Abtreibung sind für sie Sünde, die Prediger der Freikirche urteilen darüber in hartem Ton. Das zeigt beispielsweise ein Predigt-Podcast der Gemeinde in München. Darin verurteilt Gemeindeprediger Tobias Teichen einen ehemaligen Mitarbeiter hart und öffentlich für seinen Ehebruch. Gott versteht das ICF als einen aktiv eingreifenden, der Wunder vollbringt und Heilungen ermöglicht. Es ist eine eigentümliche Mischung aus Hochglanz-Party-Oberfläche und erzkonservativen Positionen, die offenbar auf einige junge Menschen eine besondere Anziehungskraft ausübt.

Sektenbeauftragte beobachten das ICF deswegen genau, wenn auch das ICF offiziell nicht als Sekte gilt. Allein deshalb nicht, weil es seinen Mitgliedern freistellt, ob sie sich als solche verstehen. Es kann kommen und sich engagieren, wer immer mag. Auch finanzielle Abgaben sind – anders als bei anderen Kirchen – keine Pflicht. Die Gemeinden finanzieren sich allein durch Spenden, in fast jedem Gottesdienst wird dazu aufgerufen. Auf allen Stühlen liegt ein Spendenumschlag, zusätzlich wird eine Kollekte gesammelt. Durch diese Mobilisierung kommt das ICF Berlin mit seinen drei Gemeinden monatlich auf Einnahmen von rund 35 000 Euro.

Kirchen stehen im Wettbewerb

Klar, dass die evangelischen Landeskirchen von diesem personellen und finanziellen Wachstum wenig begeistert sind. Trotzdem beginnen Protestanten und Evangelikale in einigen Regionen zaghaft zu kooperieren. In Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern etwa sitzen sie zusammen an einem Tisch, um etwas gegen den Rückgang der Gläubigen zu tun.

Wie aber können Freikirchen junge Menschen für sich begeistern, wenn sie die Werte der Alten predigen? Dem Schweizer Religionssoziologen Jörg Stolz zufolge liegt genau darin sogar eine der Gründe für den Erfolg von Freikirchen. Stolz‘ Forschung beschäftigt sich seit Jahren mit dem evangelikalen Milieu. Für ihn befinden sich Religionen und Kirchen in einem ständigen Wettbewerb, gleich dem der Wirtschaft. Gegen die Säkularisierung, einerseits; gegen andere Kirchen und Religionen andererseits. Um hier zu bestehen, sagt Stolz, brauche es inhaltliche Positionen, die sich von denen der Mehrheit abheben. „Es ist eine soziologische Einsicht, dass jede Kirche Punkte braucht, die sie von der Mehrheit unterscheiden.“ Sonst fehle es an Identifikationsmöglichkeiten. Warum in eine Kirche eintreten, wenn der Eintritt keinen Unterschied macht?

Zumal: „Einer Kirche anzugehören, die sich anders positioniert als die meisten, bedeute ja nicht, dass alle ihre Mitglieder auch so denken“, sagt Louise Willmer. Seit zwei Jahren besucht die Studentin, die ihren echten Namen nicht veröffentlicht sehen will, die „Celebrations“ des ICF. „Es ist ja auch nicht jeder Katholik homophob und nicht jeder CSUler für die Obergrenze.“ Die Studentin spricht schnell, wenn sie ihre Kirche verteidigt. „Ich meine, klar: Einige denken traditionell“, sagt sie. „Und das ist auf eine Art auch in Ordnung so. Aber viele denken eben auch anders.“

Stefan Hänsch, der Prediger der Berlin-Tempelhofer ICF-Gemeinde, stützt ihre These: „Würden sich unsere Mitglieder mal über Vorstellungen von Gott unterhalten, da würden sich die meisten wundern“, sagt er. Während sich die Ideen von Gott und seinem Wirken teils stark unterschieden, verbinde die Mitglieder das gemeinsame Milieu. Damit meint er das evangelikale, familienorientierte Umfeld. Hier rekrutiert das ICF die meisten seiner Mitglieder.

Die Familie steht im Zentrum: ICF-Veranstaltung in Berlin. Quelle: Jacqueline SchulzJacqueline Schulz

Stärker als anderen Freikirchen gelingt es dem ICF jedoch zudem, auch Protestenten und Atheisten für sich zu gewinnen. Religionswissenschaftler Stolz begründet diesen Erfolg mit der Organisation des ICF: Die Kirche biete ihren Anhängern mehr als nur Religion. Sie vermittle Musik und Party, Identifikation und Aktionen, vor allem jedoch enge Freundschaft und Nähe.

Am Eingang des ICF stehen zwei junge Begrüßerinnen und geben Hilfestellung. Im Aufgang verkünden zwei Schilder: „Willkommen zu Hause“ und „Schön, dass du da bist“. Gleich oben wartet das nächste Begrüßer-Paar mit einem Bonbon-Tablett. Ihre ICF-Ausbildung lehrte sie, Leute da abzuholen, wo sie abgeholt werden möchten: durch Kontaktangebote, Begleitung oder Zurückhaltung. In der Studie von Detlef Pollack und Gergely Rosta, in der es heißt, auch brillante Predigten könnten die Kirchen nicht retten, heißt es zudem: Religion sei immer dann stark, wenn sie neben religiösen auch außerreligiöse Bedürfnisse befriedige. Im Deutschland des 19. Jahrhunderts etwa sei das noch der Fall gewesen: Damals besetzte insbesondere die katholische Kirche das gesamte Leben ihrer Anhänger durch Kolpinggruppen, Wallfahrten, Bildungsreisen und weiteres mehr. Auch jetzt versucht sich die Kirche in vielen Gemeinden daran. In der Breite jedoch geht dieses Konzept nicht mehr auf. Wie auch das ICF nicht die breite Masse bedient. „Ihren Mitgliedern jedoch bietet es die Möglichkeit, alle außerreligiösen Bedürfnisse innerhalb der Kirche zu befriedigen. Wer mag, kann sein gesamtes Leben durch seine Freikirchenaktivität gestalten. Und die Kirche versucht, diesen Weg attraktiv zu machen“, sagt Soziologe Stolz. Es ist auch deshalb attraktiv, weil enge Gemeinschaften wie die der Freikirchen vor allem über private Kontakte und Freundschaftspflege funktionieren. Mitgliedern bieten sie ein Umfeld, in dem sie sich geborgen und von Gleichgesinnten umgeben fühlen. So sagt auch Louise, die Berliner Studentin: „Mir war Kirche immer peinlich. Beim ICF ist das zum ersten Mal anders. Es ist leichter, für seine Sache zu werben, wenn es eine coole Sache ist.“

Eine Show für die Jungen

Cool ist die Sache auch deshalb, weil das ICF seine Angebote besonders zielgruppenorientiert umsetzt. So ziehen Kirchen traditionell eher Frauen an. „Deswegen bieten wir auch Angebote speziell für Männer“, sagt ICF-Prediger Hänsch. „Die sind eher praktisch angelegt, allerdings immer mit einem spirituellen Input.“ Auch für Kinder hat das ICF Berlin zwei eigene Räume geschaffen. Während die Eltern nebenan die „Celebrations“ besuchen, gibt es dort eine eigene Show für junge Besucher.

Selbst die einzelnen Gemeinden bedienen ihre ortsbedingt verschiedenen Mitglieder unterschiedlich. Berlin-Grünheide übernimmt Jugendlichen und Studenten, Berlin-Friedrichshain die Hipster, Berlin-Tempelhof die jungen Familien. Sie alle bekommen die Form der Andacht, für die sie empfänglich sind. Mit dieser zielgerichteten Rekrutierung tun sich die Etablierten schwer. Weil ihnen die Engagierten fehlen, einerseits. Weil der Wille zum Wandel noch zu gering ist, andererseits.

Das ICF könnte ihnen in puncto Auftreten und Zielgruppen-Arbeit ein Vorbild sein. Das zeigt eine Frau, 40 vielleicht. Am Sonntag, 18 Uhr, besucht sie das ICF zum ersten Mal. Mit Kirche kann sie „eher nicht so“. Aber sie ist Touristin, also kam sie halt mal her. Den Gründer der Kirche, Leo Bigger, kennt sie aus dem Internet. „Fescher Typ“, sagt sie. Als der Gottesdienst vorbei ist, hebt die Frau ihren Arm, hält ihn vor sich und sagt: „Gänsehaut. Ich habe Gänsehaut. Krass. Das will ich noch mal.“ Sätze wie diesen hört man tatsächlich selten in einer Kirche.

Von Julius Heinrichs

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