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Panorama Für immer jung? Bloß nicht!
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09:00 12.01.2019
Middle-Ager haben den Anspruch, mit jedem Trend Schritt halten zu können. Das muss scheitern – und führt zu noch mehr Defizitsgefühlen. Quelle: kycstudio/iStock
Hannover

Mir kann keiner was vormachen. Ich mir selbst leider auch nicht mehr: Meine Kindheit ist vorbei. Meine Jugend auch. Danach muss ich irgendwann erwachsen geworden sein, aber ich kann nicht mehr nachvollziehen, wann und wie das passiert ist. Zumindest behandeln mich meine Kinder wie eine Erwachsene, aber hinter dem bisschen Respekt verbirgt sich vielleicht auch nur die Angst davor, dass ich ihre Smartphones beschlagnahme.

Angesichts der ersten unübersehbaren Spuren und Wunden des Alters flüchten sich viele von uns in Selbstironie, das ist auch meine Rettung. Andere greifen zu einem Strohhalm, den sie für Selbstironie halten. Vor allem Frauen geben ihren Körper schnell der Lächerlichkeit preis. Um zu vermeiden, dass jemand anderes zuerst lacht, nehme ich an. Dabei hat niemand vor zu lachen.

Verunsicherung angesichts des Reifeprozesses

Aber die Verunsicherung angesichts des Reifeprozesses treibt seltsame Blüten: weibliche Comedians, die auf der Bühne das „Welkfleisch“ an ihren Oberarmen zum Schaukeln bringen oder über Brüste witzeln, die sich in den Knien verfangen, oder die Sätze sagen wie: „Ab 40 haste nur noch ’nen Knackarsch, wenn du beim Fummeln ’nen Furz unterdrückst“. Im ersten Moment pruste ich auch los, aber das Restlachen bleibt dann doch stecken, weil irgendwo zwischen Bühne und Zuschauerraum ein Stück Würde flöten geht.

Haben Sie umgekehrt schon mal einen Atze Schröder über seine eigenen Problemzonen herziehen hören, einen Dieter Nuhr, wie er über Hängehoden referiert, oder Mario Barth über Erektionsprobleme? Männer machen sich sehr selten über ihren eigenen Körper lustig. Was nicht heißt, dass mittelalte Männer weniger Probleme haben mit ihrem Selbstwert. Sie kompensieren nur anders – zum Beispiel mit einer Ernährungsumstellung. Oder sie fangen an, für einen Halbmarathon zu trainieren.

Über Laufbänder vorbei an Weizengras- und Chiasamenfeldern

Unser Weg in die zweite Lebenshälfte führt über Laufbänder vorbei an Weizengras- und Chiasamenfeldern, an Bikramyogastudios, Paarberatungspraxen und buddhistischen Retreatzentren, oder lieber gleich zurück in ein früheres Leben (in Rückführungssessions) – und endet angeblich in einer Selbsterneuerung. Oder in einem Neuanfang. Hauptsache, was anderes als einfach nur älter.

Ständig sollen wir aussortieren, im Kleiderschrank wie im eigenen Unbewussten. Wir müssen immer bereit sein, Gewohntes loszulassen oder uns neu zu erfinden. Warum eigentlich? Und wer oder was waren wir bisher, wenn wir nun so schnell wie möglich Verdrängtes hochholen und den Körper entschlacken müssen? Lebende Provisorien?

Gutschein für Gesichtsyoga

Dem sichtbaren Alterungsprozess trotzen zu wollen ist langfristig eine gigantische Zeit- und Energieverschwendung, bei der am Ende nicht einmal mehr Lebenszufriedenheit rausspringt. Im Gegenteil. Nach jedem Etappensieg im Kampf gegen das Älterwerden entdecken wir die nächste Baustelle.

Der jüngste Vorschlag in diese Richtung war ein Gutschein für Gesichtsyoga, der seit meinem vorigen Geburtstag an der Pinnwand hängt. Gegen „das Verschwimmen der unteren Kinnkonturen“. Um das Kinn zu straffen, muss man eigentlich nur zuschauen. Beim Schlapplachen werden sogar noch mehr Muskeln bewegt. Mehrere Industrie- und Dienstleistungszweige leben davon, dass sich die solventen älteren Jahrgänge einreden lassen, sie seien körperlich und seelisch eine Zumutung für den Rest der Gesellschaft.

Inzwischen kann man mit den Eitelkeiten, Sorgen und Defizitgefühlen der Middle-Ager sehr viel mehr Geld machen als mit jeder anderen Alterskohorte. Zumal wir immer länger arbeiten (müssen). Wir sind unglaublich flexibel, und wir sind die letzte Generation, die mit einem calvinistischen Arbeitsethos groß geworden ist und auch krank arbeiten geht. Oder joggen. Um dann mit Anfang 50 an einer verschleppten Herzmuskelentzündung zu sterben.

Überlebenstipps für Millennials mit Ü40ern als Vorgesetzten

Wir stellen uns jeder Challenge. Der Satz „Dafür fühle ich mich zu alt“ würde uns nie über die Lippen kommen. Als wir klein waren, hatten die Telefone noch Wählscheiben und Apple war noch nicht mal gegründet. Zusammengefasst kommt alles, was danach erfunden wurde und zum alltäglichen Einsatz kam, einer kopernikanischen Wende gleich. Die haben wir lässig gewuppt.

Wir haben den Anspruch, mit jedem Trend Schritt halten zu können. Wir werfen uns der Digitalisierung in die Arme, bevor sie uns überrollen kann. Weil alles Neue und Junge nur cool sein kann. Während wir zehn Stunden ableisten und die Arbeit mit ins Wochenende nehmen, rollen wir jedem jungen Bewerber den roten Teppich aus, wenn er schon beim Erstgespräch nach einem Sabbatical fragt.

Im Netz kursieren Überlebenstipps für Millennials, die es mit Ü40ern als Vorgesetzten zu tun haben. Zitat: „Wie wendet man seinen Wissensvorteil am besten an, ohne die älteren Kollegen dumm dastehen zu lassen?“

Wir geben noch sehr viel mehr, als wir nehmen

Unsere Teenagerkinder dürfen uns als „frühdement“ beschimpfen, weil wir vergessen haben, ihre Lieblingsshirts zu waschen. Sie erklären uns zu analogen Trotteln, weil wir noch nicht kapiert haben, dass Facebook „tot“ ist („Aber du ja bald auch, Mama“). Was sie nicht daran hindert, uns gleichzeitig das Geld aus der Tasche zu ziehen. Wir lassen uns das alles gefallen. Weil wir ihnen tief in unserem Inneren recht geben.

Wir sind viele, sehr viele. Allein schon durch unsere zählbare Dominanz könnten wir viel bewegen: politisch, gesellschaftlich, wirtschaftlich … Es gibt also keinen Anlass, sich klein zu machen. Oder der Youtube-Generation den Hof zu machen. Wo bleibt das mittelalte Empowerment? Wir sind in der Mehrheit, aber angesichts unserer schieren Masse werden wir vor allem als Bedrohung wahrgenommen. Auch weil wir in naher Zukunft zu viel Rente verschlingen und zu viele Pflegekräfte verschleißen werden.

Tatsächlich sieht es jedoch so aus: Zurzeit geben wir noch sehr viel mehr, als wir nehmen – Arbeit, Steuern, Fürsorge, Konsum und Ehrenämter. Könnte mal jemand Danke sagen?

Lisa Ortgies: „Ich möchte gern in Würde altern, aber doch nicht jetzt – Erwachsensein für Profis Quelle: Verlag

Zur Person: Lisa Ortgies (53) ist Fernsehjournalistin und Autorin. Bei Kiepenheuer & Witsch erschien ihr Buch „Ich möchte gern in Würde altern, aber doch nicht jetzt“ (256 Seiten, 14,99 Euro).

Von Lisa Ortgies

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