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Panorama „Horrorhaus“ von Höxter: Lange Haftstrafen für Wilfried und Angelika W.
Nachrichten Panorama „Horrorhaus“ von Höxter: Lange Haftstrafen für Wilfried und Angelika W.
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13:18 05.10.2018
Die Angeklagte Angelika W. im Landgericht Paderborn. Quelle: Friso Gentsch/dpa
Paderborn

Bevor Wilfried W. das letzte Wort in diesem Prozess sprechen kann, muss er die Anklagebank verlassen, ein paar Schritte gehen, sich in den Zeugenstand setzen, ausnahmsweise. Sein Mikro tat es nicht, seine Stimme schon gar nicht. Er liest von einem kleinen Zettel ab: „Ich möchte mich bei allen Opfern entschuldigen. Hätte ich gewusst, was falsch oder richtig wäre, hätte ich das nicht getan.“ Er dankt seinen Anwälten, seinen Stiefeltern, und alle, die ihn kennen. „Zum Thema Angelika habe ich keine Worte mehr.“ Alles, was seine Ex-Frau erzähle, seien Lügen.

Über Jahre soll das Paar, das seit 2013 geschieden ist, aber weiter zusammenlebte, Frauen über Kontaktanzeigen in ihr Haus im ostwestfälischen Örtchen Höxter gelockt, eingesperrt, erniedrigt, misshandelt und gequält haben. Wie viele es waren, ist bis heute unklar. Zwei überlebten es nicht. Eine von ihnen brachte Ermittler auf ihre Spur.

Der Angeklagte Wilfried W.. Quelle: Marcel Kusch/dpa

Am Freitag sprach der Vorsitzende Richter Bernd Emminghaus am Landgericht Paderborn das Urteil. Angelika W. muss 13 Jahre in Haft, ihr Ex-Mann Wilfried W. elf Jahre. Der 48-Jährige soll in einer Psychiatrie untergebracht werden. Damit blieb das Gericht unter den Forderungen von Staatsanwaltschaft und Nebenklägern – sie hatten für beide lebenslange Haftstrafen und die Feststellung der besonderen Schwere der Schuld beantragt.

60 Verhandlungstage, zig Zeugenbefragungen – aber keine Reue

Seit dem 26. Oktober 2016 mussten sich Angelika und Wilfried W. vor dem Landgericht Paderborn verantworten: Zunächst angeklagt wegen zweifachen Mordes durch Unterlassen, musste sich die Staatsanwaltschaft im Laufe des Prozesses korrigieren - die Todesumstände der ersten Leiche, der 33-jährigen Annika W. aus Niedersachsen, konnten nie untersucht werden. Sie war nach ihrem Tod durch einen Sturz eingefroren, später zerstückelt, verbrannt und ihre Asche am Straßenrand verstreut worden.

Das andere Opfer, die 41-jährige Susanne F., ebenfalls aus Niedersachsen, lebte noch, schwer misshandelt, als Angelika und Wilfried W. sie im April 2016 mit dem Auto zurück nach Hause bringen wollten. Ein Motorschaden hielt sie auf, sie riefen einen Rettungswagen. Susanne F. erlag zwei Stunden später im Krankenhaus ihren Kopfverletzungen. Die Ermittlungen begannen.

60 Verhandlungstage, zig Zeugenbefragungen, stundenlange Aussagen der Angeklagten und keinen Hauch von Reue – knapp zwei Jahre hat das Landgericht Paderborn versucht, sich der grausigen Lebenswelt des Paares zu nähern. Einem Paar, das die „systematische Entmenschlichung“ von Frauen praktizierte, wie es Angelika W.s Strafverteidiger Peter Wüller formulierte. An Heizungen gekettet, zum Urin trinken genötigt, mit dem Spaten ins Gesicht geschlagen. Die Opfer seien schlechter behandelt worden als Vieh. „Das war abartig, krank“, sagte Wüller in seinem Plädoyer.

Gutachten wurde zum Schlüssel rätselhafter Taten

Was trieb das Paar an? Wer spielte welche Rolle? Wie brachten sie erwachsene Frauen zu all dem? Und wieso blieben sie, meist über Monate oder Jahre?

Immer, wenn es in unbegreiflichen Fällen um das Warum gehe, werde sie gefragt, hat Psychiaterin Nahlah Saimeh mal in einem Interview gesagt. Auch in diesem Fall. Das Gutachten der Düsseldorfer Forensikerin brachte Licht in die düstere Welt von Angelika und Wilfried W., es wurde zum Schlüssel rätselhafter Taten, für die sich die beiden Angeklagten lange gegenseitig die Schuld vor Gericht zuschoben. Auf ganz unterschiedliche Weise.

Angelika W. redete fünf Verhandlungstage lang. Sie legte ein umfassendes Geständnis ab, in kleinsten Details, vollkommen emotionslos. Im Beisein der Mutter ihres 33-jährigenOpfers. Wie sie die gefrorene Leiche von Annika W. mit dem Fuchsschwanz im Keller zerlegte, drei Sägeblätter habe sie verbraucht, der Kopf sei besonders hart gewesen. Wie sie die Teile in Zeitungspapier gewickelt, und Stück für Stück in den Wohnzimmerkamin verfeuert hat, während Wilfried W. auf der Couch schlief. Sie habe damit dem Willen ihres Mannes Genüge tun wollen, der auch sie regelmäßig geschlagen und gequält habe. Sie sei ein Opfer.

Wilfried W. schwieg fünf Monate lang. Verweigerte jedes Gutachten über ihn. Sprach dann doch, schüchtern, zurückhaltend, leise: Angelika W. sei eine Lügnerin, eine Herrscherin, eine Sadistin. In einem Gutachten, das er später doch zuließ, schildert er seine Kindheit voller familiärer Gewalt. Auch vergewaltigt worden sei er. Er sei ein Opfer.

„Einer der längsten Prozesse hier am Landgericht geht zu Ende“

Psychiaterin Nahlah Saimeh setzt das Bild so zusammen: Angelika W. attestiert sie Autismus und die Unfähigkeit, Empathie zu zeigen. Sie sei hochintelligent und herrschsüchtig. Wilfried W. dagegen sei im juristischen Sinne schwachsinnig, habe einen IQ von 57 und das Weltbild eines Grundschulkindes. „Schuld oder Verantwortung sind ihm nicht beizubringen“, heißt es in ihrem Gutachten. Aber erst ihre Symbiose hätten das System ermöglicht, in dem sie Macht ausübten durch Sexualität und Gewalt. Ohne den jeweils anderen hätten die Misshandlungen in Höxter nicht funktioniert, sagt Nahlah Saimeh.

„Einer der längsten Prozesse hier am Landgericht geht zu Ende“, sagt Richter Emminghaus, der eigentlich schon seit Mai im Ruhestand wäre. Fast eine Stunde lang erläutert er Biografien, Beziehungen und Taten von Angelika und Wilfried W., deren Gesichter ausdruckslos wirken. Das Gericht sei überzeugt von der Schuld der Angeklagten am Tod der beiden Frauen. Sie hätten ihn in Kauf genommen, weil ihnen bewusst gewesen sei, dass ihre Misshandlungen aufgefallen wären, hätten sich die Frauen in ärztliche Behandlung begeben. Strafmildernd wirkte für Angelika W. ihr umfassendes Geständnis, ohne das die Taten niemals hätten aufgeklärt werden können, so Richter Emminghaus. Bei Wilfried W. folgte das Gericht dem psychiatrischen Gutachten; er sei vermindert schuldfähig, habe eine Persönlichkeitsstörung. Emminghaus spricht von „seelischer Abartigkeit“.

Viele Bürger verfolgten die Urteilsverkündung im Gerichtssaal. Höxter wird auf ewig den Beisatz Horrorhaus behalten – wohl aber nicht das Haus an sich. Anwohner wollen es nach Medienberichten ersteigern, um es abreißen zu lassen. Zumindest der Sensationstourismus soll so verringert werden. Zunächst muss allerdings der vorherige Besitzer, der wegen des Betreibens einer Drogenplantage verurteilt wurde, noch rechtskräftig vom Land enteignet werden. Erst dann kann das Haus an das Land NRW übertragen und anschließend versteigert werden.

Auch wenn Angelika W. ihr letztes Wort im Saal des Landgerichts Paderborn Ende September schon 90 Minuten lang ausgekostet hat, darf sie am Tag der Urteilsverkündung noch etwas sagen. „Ich möchte mich in aller Form bei allen Frauen entschuldigen, denen ich Leid angetan habe“, sagt die 49-Jährige als lese sie ein Kochrezept vor. Das Gesicht der Mutter von Annika W. bleibt starr. Ob sie die Entschuldigung annehme? „Ich habe sie zur Kenntnis genommen“, sagt sie in einer Verhandlungspause. Ihr hatte Angelika W. im Frühjahr 2016 eine SMS im Namen ihrer Tochter Annika geschickt, die da schon anderthalb Jahre tot ist – zersägt, verbrannt und verstreut: „Es geht mir gut, macht euch keine Sorgen.“

Von Julia Rathcke/RND

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