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Panorama Mammutbäume in Gefahr
Nachrichten Panorama Mammutbäume in Gefahr
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18:02 21.07.2018
Proben aus der Krone: Um die Ursache für das Absterben der Riesenmammutbäume zu finden, müssen Baumforscher hoch hinaus. Quelle: Corey Rich
Three Rivers

Die Riesen rauben den Besuchern die Sprache. Schweigend gehen die Forscher über den federnden Boden. Das Licht der Stirnlampen fällt auf mächtige rote Säulen. Kathedralenstimmung. Jedes Wort wäre zu laut, jedes Geräusch würde die ehrfürchtige Stille zerreißen. Ein heiliger Ort.

Wendy Baxter blickt auf ihre handgemalte Karte, dann auf die mächtigen Baumstämme, die sich um sie herum nach oben in die Dunkelheit verlieren. “Das muss er sein“, sagt sie leise und zeigt auf einen der Baumriesen, “das ist Nummer 233.“ Sie lässt ihren Rucksack mit dem Klettergurt auf den Boden gleiten.

Der “Wald der Giganten“ (Giant Forest) im Sequoia Nationalpark in Kalifornien beherbergt die mächtigsten Bäume der Erde. Tausende Riesenmammutbäume wachsen hier, darunter der Rekordhalter, der “General Sherman Tree“, mit 84 Metern Höhe, 31 Metern Stammumfang und 1500 Kubikmetern Stammvolumen der größte Baum der Welt. Wollten sie ihn umarmen, müssten 17 Erwachsene ihn mit ausgestreckten Armen umfassen.

Seit sieben Jahren zu wenig Schnee und Regen

Der hölzerne Riese wiegt so viel wie 20 ausgewachsene Blauwale oder vier voll beladene Airbus A380. Um ihn herum recken sich vier weitere der zehn größten Bäume der Welt in den Himmel. Der älteste von ihnen war schon 700 Jahre alt, als die Griechen mit dem Bau des Parthenon begannen. Hier in der Sierra Nevada stehen auf etwa 150 Quadratkilometern die weltweit letzten Bestände des Sequoiadendron giganteum.

Eine Dürre hat Kalifornien vertrocknen lassen. Auch wenn der vergangene Winter niederschlagsreicher war, gibt es seit fast sieben Jahren zu wenig Schnee und Regen. 2016 starben nach Angaben der US-Forstbehörde 62 Millionen Bäume. Mehr als 102 Millionen Bäume sind in der ab 2011 herrschenden Dürrephase verdurstet und ausgetrocknet, Millionen weitere sind dem Tod geweiht.

Zunächst verendeten nur die Bäume in den Ebenen, die Kiefern, Pappeln, Fichten und Eichen, dann kroch der Tod die Berge hoch. Nun bedroht er die Mammutbäume, die in 1600 bis 2200 Metern Höhe wachsen. Bäume, die Stürmen, Waldbränden und Krankheiten getrotzt hatten, zeigen Anzeichen von Stress, braune Blätter, absterbende Zweige.

Der “Wald der Giganten“ (Giant Forest) im Sequoia Nationalpark in Kalifornien beherbergt die mächtigsten Bäume der Erde. Quelle: imago

Es ist 3.50 Uhr am Morgen. Vor eineinhalb Stunden hat der pene­trante iPhone-Klingelton die Baumforscherin Wendy Baxter, 38, und ihren Kollegen Anthony Ambrose, 50, aus den Schlafsäcken katapultiert. Sie haben sich einen Bagel mit Frischkäse beschmiert und im Pickup-Truck den flott gebrauten Kaffee getrunken. Es ist ein Augustmorgen, aber hier auf 2000 Metern Höhe ist es kalt. Unter den Fleecejacken tragen die beiden nur T-Shirts. Sie frösteln, als sie aus dem Truck steigen, aber nach einer halben Stunde Fußmarsch sind sie aufgewärmt.

Baum 233 ist 72 Meter hoch, Durchmesser knapp fünf Meter, “ein kräftiger Bursche“ meint Anthony. Vergangene Woche haben sie Dutzende Bäume ausgewählt, mit Armbrüsten Nylonschnüre über abstehende Äste geschossen, dann schwerere Schnüre hochgezogen, schließlich ihre Kletterseile in Position gebracht. Nun ist 233 “rigged“, also bereit.

Die beiden Waldökologen der Universität von Kalifornien in Berkeley untersuchen die Gesundheit der Riesenmammutbäume. Um herauszufinden, wie die Giganten mit den sich wandelnden Lebensbedingungen zurechtkommen, sammeln sie Proben. “Wir brauchen kleine Zweige von der Krone des Baumes“, erklärt Wendy, “idealerweise eine Probe vor der Morgendämmerung, wenn die Bäume am entspanntesten sind, und eine in der Mittagshitze, wenn sie am meisten unter Stress stehen.“

Entscheidende Rolle im Wasserkreislauf

Sie hakt ein paar Seilklemmen ein und beginnt sich mit einer raupenartigen Bewegungsabfolge nach oben zu ziehen. Bald sieht man nur noch ihr Helmlicht, nach ein paar Minuten ist auch der helle Schein im Astwerk des Kolosses verschwunden.

Riesenmammutbäume spielen eine entscheidende Rolle im Wasserkreislauf. Ihre Stämme sind wie riesige Strohhalme, die bis zu drei Tonnen Wasser am Tag aus dem Boden saugen, mehr als alle anderen Bäume. Die Feuchtigkeit geben sie über ihre Schuppenblätter an die Luft ab. Dieser Vorgang erzeugt Unterdruck in den Wasseradern des Baums.

Je trockener die Atmosphäre ist und je weniger Grundwasser zur Verfügung steht, desto stärker wird die Spannung. Unter Extrembedingungen kann der Wasserfluss wie ein Gummiband abreißen. Dann bilden sich Gasblasen, die die Kapillaren im Stamm verstopfen. Passiert das häufiger, verliert der Baum seine Blätter und stirbt.

Die Stämme der Riesenmammutbäume sind wie riesige Strohhalme, die bis zu drei Tonnen Wasser am Tag aus dem Boden saugen. Quelle: iStockphoto

Eineinhalb Stunden später. Ausgepumpt ist Wendy wieder am Boden angelangt. Sie nimmt ihren lila Helm, das Haar klebt verschwitzt am Kopf. Die Forscherin hat Plastikbeutel mit kleinen Zweigen des Baumes mitgebracht – und eine großflächige Schürfwunde am Oberarm. Fünf Besteigungen liegen noch vor ihr, die Bäume 231 und 272 und natürlich noch mal Baum 233 in der Nachmittagshitze.

“Es ist jedes Mal eine irre Erfahrung hochzuklettern. Ich fühle mich wie eine Ameise, wenn ich oben auf der Krone sitze. Man kann Mammutbäume nicht verstehen, wenn man ihnen nicht aufs Dach gestiegen ist.“ Wenn ihr Blick auf der Baumspitze umherschweift, sehen die umgebenden Mammutbäume aus wie riesige Ausrufezeichen, die aus dem Wald emporragen.

Die Baumkolosse stehen seit Hunderttausenden Jahren auf den Hängen der Sierra Nevada. Sie gehören zu den widerstandsfähigsten Organismen der Erde. Niemand weiß, wie alt sie werden können. Das älteste datierte Exemplar ist 3200 Jahre alt. Erreichen Mammutbäume nach einigen Hundert Jahren ihr Jugendalter, sind sie so gut wie unzerstörbar. Ihre Rinde ist weich und faserreich, sie enthält nur wenig Pech. Das macht die Bäume sehr feuerfest. Die Tannine, die ihrem Holz einen starken Zimtduft verleihen, vertreiben Insekten und Pilze.

“Eine perfekte Konstruktion“

“Eine perfekte Konstruktion“, sagt Anthony Ambrose, “eigentlich müssten die schon einige Dürren überlebt haben, wenn sie 2000 oder 3000 Jahre alt sind.“ Doch genau das ist die Frage: Schädigt die herrschende Dürre die Mammutbäume mehr als alles bisher Dagewesene? Und welche Rolle spielt es, dass nur wenige Dutzend Kilometer westlich der Sequoiawälder das Central Valley liegt, die Gegend mit der schwersten Luftverschmutzung der USA.

Später am Nachmittag stößt Nate Stephenson zu den Kletterern. Der bärtige 61-jährige Waldökologe und Sequoia-Spezialist lebt seit 38 Jahren im Ort Three Rivers am Rande des Nationalparks. Er trägt grüne Hose zu grünem Hemd und grüner Jacke. Seine Baseballmütze: grün. Er ist es, der vor vier Jahren den Mammutbaum-Alarm ausgelöst hatte.

Er war im Giant Forest auf Händen und Knien auf dem Boden herumgekrochen, um die Auswirkungen der Dürre auf die zentimetergroßen Jungpflanzen zu untersuchen, als er kurz nach oben blickte. “Ich konnte nicht glauben, was ich da sah: einen ausgewachsenen Mammutbaum mit braunen Blättern. Dann fand ich noch einen anderen Sequoiabaum, dessen Äste nah am Boden waren. Tote Blätter rieselten herab. So etwas hatte ich in mehr als 30 Jahren Baumforschung nicht gesehen.“

In ihren Laboren verknüpfen Wendy und Anthony die Daten ihrer Messungen und Proben mit den Daten, die sie aus den Luftbildern gewinnen konnten. Quelle: Corey Rich

Normalerweise sterben die Bäume nicht stehend, sondern durch Umstürzen. War das die Dürre? Und was, wenn die Dürre eine Art Generalprobe für den Klimawandel wäre? Nachdem er einige weitere Dutzend vertrocknende Mammutbäume gesehen hatte, schlug Nate Stephenson Dürre-Alarm bei den Behörden. Schließlich sind die Sequoias auch so etwas wie ein Symbol für die USA: groß, stark, einzigartig und – unzerstörbar.

In Windeseile wurden Forscher abgestellt, mit dem Auftrag zu untersuchen, ob und wie sehr die Trockenheit die resistenten Riesen stresst. Ein Spezialflugzeug misst bei Überflügen die chemische Zusammensetzung und die Struktur der Wälder. In ihren Laboren verknüpfen Wendy und Anthony die Daten ihrer Messungen mit den Daten, die sie aus den Luftbildern gewinnen konnten.

“Betrachtet man die Wälder Kaliforniens vom Flugzeug aus, sieht mit dem menschlichen Auge alles grün und gesund aus“, erzählt Wendy. Die Spektrometer zeichnen allerdings ein anderes Bild. Die Aufnahmen zeigen riesige rote, also tote Flächen. “Bei vielen Wäldern erkennen wir nur noch nicht, dass sie tot sind“, meint Wendy. “Zum Glück zeigen die Bilder die meisten Sequoiahaine noch in beruhigendem Blau. Das heißt, sie haben genug Wasser.“ Wendy macht eine nachdenkliche Pause, dann sagt sie: “Noch!“

“Wir wissen mehr über die Tiefsee als über diese Bäume“

Wendy und Anthony sitzen auf dem sonnengewärmten Waldboden. Erschöpft stopfen sie sich Energieriegel mit Erdnussbutter und Schokolade in den Mund, dazu Käsestücke und Cracker, das Ganze spülen sie mit Riesenschlucken aus der Wasserflasche hinunter. Nate und einige Helfer sammeln die in luftdichten Behältern verpackten Zweige ein. Es soll der letzte Baum für heute gewesen sein.

“Wir wissen so wenig über die Sequoias“, sagt Nate, der Mann, der sie seit fast vier Jahrzehnten studiert. “Wir wissen mehr über die Tiefsee als über diese Bäume.“ Seine Finger spielen mit einem Mammutbaumzapfen. “Das hier ist die Krönung der Pflanzenwelt, und wir kapieren nichts.“ Anthony Ambrose steht stumm auf und lehnt sich an den warmen roten Stamm von Nummer 264, an die Rinde, die schon Dutzende Waldbrände vom Inneren des Baumes ferngehalten hat. Er schließt seine hellen blauen Augen, und erst jetzt sieht man die ganze Müdigkeit seines staubigen Gesichts.

Nach einer endlosen Minute öffnet er die Augen abrupt. Er zeigt zum nächsten Baum. Die anderen sehen ihn fragend an. Dann sagt er: “Come on, den steig ich jetzt noch hoch.“ Er zieht den Klettergurt straff und setzt den Helm auf. “Wir haben schließlich nicht viel Zeit, oder?“

General Sherman Tree Quelle: Jim Bahn/Wikipedia

Sechs Fakten zu Mammutbäumen

Mammutbäume haben die dickste Rinde aller bekannten Bäume. Am Fuß der Bäume wurden Dicken von bis zu 90 Zentimetern gemessen.

Allein der Stamm des “General Sherman Tree“ wiegt etwa 1400 Tonnen.

Zur Fortpflanzung brauchen die Sequoiabäume Waldbrände. Erst die Feuerhitze bringt die am Boden liegenden Zapfen dazu, die Samenkörner freizusetzen. Außerdem vernichten Brände das dichte Unterholz, das den kleinen Sequoias Licht rauben würde. Die Asche dient als nährstoffreicher Humus für die (noch) kleinen Riesen.

Die Bäume enthalten große Mengen an Gerbstoffen – dies hält Krankheitspilze und Schädlinge fern.

Ein großer Mammutbaum wirft etwa 300 000 bis 400 000 in Zapfen enthaltene Samen ab.

Einer der bekanntesten Sequoiabäume, der 2000 Jahre alte “Pioneer Cabin Tree“ im Calaveras Big Trees State Park in Kalifonien, stürzte im Januar 2017 um. Pioniere hatten Ende des 19. Jahrhunderts einen Tunnel in den Baum geschnitten, durch den Touristen auf Pferden, in Kutschen oder Autos passieren konnten.

“Bei uns sollten die Alarmglocken schrillen“

Kletterin Wendy Baxter Quelle: Stefan Wagner

Für viele ist Ihr Job ein Traumberuf. Wie wird man Baumforscherin?

Eigentlich wollte ich Ärztin werden, habe dann aber im College auf Ökologie umgesattelt. Vor acht Jahren las ich eine Stellenausschreibung der Universität Berkeley nahe San Francisco. Es wurde eine Baumökologin gesucht. Da stand noch: Bewerber sollten Interesse an großen Bäumen haben und in guter körperlicher Verfassung sein. Das hat mich neugierig gemacht, denn ich war schon immer sehr sportlich. Klettern, Bergsteigen, Radfahren und so. Es ging ganz schnell, und nun bin ich da, wo ich immer hinwollte. Im Grunde bin ich jetzt auch eine Ärztin, nur ist es ein wenig mühsamer, zur Diagnose zu kommen, als bei Menschen.

Verfluchen Sie Ihren Job nicht manchmal, wenn Sie um 2 Uhr früh aufstehen müssen, um auch noch den 146. Baum hochzuklettern?

Das macht mir nichts aus. Ich liebe die Natur und die Wälder. Es gibt nichts Schöneres, als an einem Junimorgen um 5 Uhr in einer Baumkrone zu sitzen und die Sonne aufgehen zu sehen. Schließlich klettere ich auch nicht jeden Tag da hoch, meist sind es etwa drei Monate, die ich im Feld bin, dann kommen viele Monate in diversen Laboren. Da freut man sich schon wieder darauf, bald unter freiem Himmel zu sein.

Warum begeistert Sie Ihre Arbeit so?

Weil sie wichtig ist. In der letzten Dürrephase sind alleine in Kalifornien mehr als 102 Millionen Bäume verdurstet. Diese Dürren kommen immer häufiger und dauern immer länger. Das ist ein Teilaspekt der globalen Klimaerwärmung, und es wird sehr schwer sein, das Tempo dieser Zeitlupenkatastrophe zu verringern. Wenn dann selbst Lebewesen, die mehrere Tausend Jahre prima überlebt haben, nun gefährdet sind, sollten bei uns die Alarmglocken schrillen.

Was sind die größten Hindernisse bei Ihrer Arbeit?

Sie werden lachen, neben der schlechten Bezahlung und der Schwierigkeit, Forschungsgelder für diese Projekte zu erhalten, sind es vor allem die Bären. Aus irgendwelchen Gründen finden die immer unsere an Bäumen befestigten Messgeräte und zerstören sie. Wir haben schon viel versucht, aber noch kein Mittel dagegen gefunden. Manchmal wünschte ich mir, “Bärisch“ zu sprechen, dann könnte ich ihnen sagen, dass wir doch nur versuchen, ihren Lebensraum zu schützen.

Von Stefan Wagner

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