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00:46 07.11.2015
Von Uwe Janssen
Mehrere Menschen machen mit einem Smartphone ein Selfie von sich. Quelle: EPA/DAVID MOIR AUSTRALIA AND NEW ZEALAND OUT

Es wird einmal knallen unter dem Tisch, aus dem Rechnergehäuse wird es kurz qualmen, ein wenig verbrannt riechen, dann wird der Monitor das letzte Bild einfrieren. Es zeigt den Sicherungsvorgang der letzten 3000 Handybilder, die dann vielleicht genau die 3000 zu viel waren.

Man weiß ja nie

Man hätte sie auch löschen können. Aber man weiß ja nie. Vielleicht schreibt man statt seiner eigenen Biografie irgendwann das reich bebilderte Buch "Was ich aß und nie vergaß" oder "Das da hinten ist die Band – Konzertfotos aus der letzten Reihe" mit vielen kunstvoll angeblitzten Hinterköpfen und Jackenkragen.

Natürlich wäre es an der Zeit, die Erklärungstafeln aus dem botanischen Garten endlich mal zu löschen oder die heimlich und komplett abfotografierte Hörzu, aus der man sich mit Drucker und Klebstoff seine eigene Fernsehzeitung zusammengebastelt hat.

Jedes Bild könnte zu Ruhm führen

Oder die Screenshots von Angry-Bird-Spielständen. Oder die schwer zu deutenden Bilder von der verunglückten Schussfahrt mit dem Rodelschlitten. Oder die Bilder, die die Kamera versehentlich in der Hosentasche gemacht hat. Kann eigentlich alles weg.

Andererseits gibt es das "Time"-Titelfoto mit Monica Lewinsky und Bill Clinton im Wahlkampf 1996 auch nur, weil Fotograf Dirck Halstead es archiviert hatte und sich zwei Jahre später an das Gesicht der jungen Frau erinnerte. Also: Jedes der vier Millionen Fotos könnte irgendwann zu Ruhm führen.

Vielleicht braucht jemand ein Alibi

Vielleicht ist auf den 200 wegen einsetzender Trunkenheit zumeist verwackelten Silvesterfotos von 2009 auf dem proppevollen Marktplatz eine Frau, die irgendwann mal ein Praktikum beim Bürgermeister macht. Vielleicht ist auf den Fußgängerzonen-Selfies im Hintergrund ein Straßenklampfer, der demnächst bei Coldplay einsteigt.

Vielleicht ist auf den Preisvergleichs-Handyfotos aus dem Elektronikmarkt ein Verkäufer zu sehen, für den es bald vor Gericht wichtig ist, dass er zur angegebenen Zeit ein Alibi hat. Falls er freigesprochen wird, könnte er vielleicht Rabatt auf einen neuen Rechner geben.

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