Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Panorama Kranke Kinder für Medizintests missbraucht
Nachrichten Panorama Kranke Kinder für Medizintests missbraucht
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:15 15.01.2018
Das Eingangsschild der Klinik, in der in den 1970er Jahren Medizin-Versuche an Kindern vorgenommen worden sein sollen. Quelle: Tobias Kleinschmid
Hannover

In der Kinder- und Jugendpsychiatrie in Wunstorf haben Ärzte in den 1970er Jahren offenbar Arzneimittel und fragwürdige Untersuchungsmethoden an jungen Patienten getestet. Laut Recherchen von NDR 1 und Hallo Niedersachsen wurden die teils extrem schmerzhaften Untersuchungen ohne die dafür nötige Zustimmung der Erziehungsberechtigten durchgeführt. Auch eine Aufklärung über die Risiken unterblieb. Nach den Worten des Medizinhistorikers Heiko Stoff von der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) erfüllten die Versuche auch nach dem damaligen Rechtsverständnis bereits den „Tatbestand der Körperverletzung“.

Wie aus einer Ende 2016 veröffentlichten Dissertation der Krefelder Pharmakologin Sylvia Wagner hervorgeht, waren mindestens 286 Kinder von Versuchen mit Schlafmitteln und Psychopharmaka betroffen. Darüber hinaus wurde nach NDR-Recherchen eine Untersuchungsmethode angewandt, die schon seinerzeit als medizinisch fragwürdig galt. Konkret geht es um die sogenannte Pneumoenzephalografie, eine Lumbalpunktion im Lendenwirbelbereich, bei der Hirnwasser entzogen und Luft eingeführt wird; danach wird der Kopf des Patienten geröntgt. Für die Betroffenen ist die Punktion mit tagelangen Kopfschmerzen und Erbrechen verbunden – wie Patienten berichten.

Ursprünglich wollten Mediziner mit dieser Methode Behinderungen und Nervenkrankheiten auf Röntgenaufnahmen sichtbar machen. Mitte der Siebzigerjahre gehörte die Methode nach Aussage von Experten allerdings schon nicht mehr zur Standarduntersuchung in der Psychiatrie – auch, weil die Untersuchung extrem schmerzhaft und mit einem Infektionsrisiko verbunden gewesen sei. Anfang der Siebzigerjahre sei sie durch die Computertomographie abgelöst worden.

Offen bleibt, warum die Ärzte in der Wunstorfer Klinik trotzdem an der umstrittenen Methode festgehalten haben. In den Krankenakten sind nach Aussage von Medizinern, die später an der Klinik tätig waren, keine Gründe für die sehr häufig durchgeführten Pneumoenzephalografien vermerkt. Laut MHH-Medizinhistoriker Stoff liegt darum der Verdacht nahe, dass es sich um klinische Forschungen gehandelt haben könnte. „Die Kinder sind nicht mehr als Menschen mit einer eigenständigen Geschichte wahrgenommen worden, sondern nur noch als Objekte, an denen etwas bewiesen werden kann“, sagt Stoff. Für die Ärzte seien die Versuche zudem förderlich für die eigene Karriere gewesen.

Heute gehört die Wunstorfer Psychiatrie zum Verbund des Klinikums Region Hannover. In den Siebzigerjahren war der Träger das Land Niedersachsen. Nach NDR-Informationen hat daher das Sozialministerium Mitte vergangenen Jahres einen Forschungsauftrag mit einem Volumen von 150 000 Euro an das Institut für Medizingeschichte der Robert Bosch Stiftung in Stuttgart vergeben – mit dem Ziel, Arzneimittelversuche in Niedersachsen die wissenschaftlich aufzuarbeiten. Mitte dieses Jahres sollen erste Ergebnisse vorgestellt werden, voraussichtlich Ende des Jahres soll der Abschlussbericht folgen.

Von Juliane Kaune/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die gute Nachricht vorweg: Auch dieser Tag wird vorüber gehen. Doch schenkt man einem britischen Psychologen Glauben, werden die nächsten Stunden besonders unschön – es ist „Blue Monday“, der vielleicht traurigste Tag des Jahres.

15.01.2018

Plötzlich brach ein Zwischengeschoss weg: Bei einem Einsturz in der Börse von Jakarta gab es fast 80 Verletzte. Ein Anschlag als Ursache wird ausgeschlossen. Der Aktienhandel wurde trotz des Vorfalls am Nachmittag fortgesetzt.

15.01.2018
Panorama BBC-Interview mit der Queen - Die humorvolle Hoheit

Das Leben einer Königin kann ganz schön anstrengend sein: schwere Kronen, unbequeme Roben und langwierige Zeremonien. Zu ihrem 65. Krönungsjubiläum hat Königin Elisabeth II. ein seltenes Interview gegeben – und dabei durchaus Humor bewiesen.

15.01.2018