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Panorama Menschlicher Roboter: Künstlerin trägt Erdbeben-Sensoren in ihrem Körper
Nachrichten Panorama Menschlicher Roboter: Künstlerin trägt Erdbeben-Sensoren in ihrem Körper
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09:24 14.10.2018
Erdbebenmeldung per Implantat: Moon Ribas verwendet technische Erweiterungen für Kunstperformances. Quelle: GETTY
Hannover

Im Scheinwerferlicht steht Moon Ribas, ganz in Weiß, und wartet, dass die Erde bebt. Hunderte Zuschauer tun es ihr gleich. Zunächst gespannt, dann zunehmend gelangweilt. Denn keiner weiß, wann es losgeht. Geschweige denn, ob es überhaupt losgeht. Manchmal dauert es eine Minute, bis es so weit ist, manchmal zehn davon, manchmal auch zehn Stunden. Gemeinsames Beben-Warten also.

Statistisch rumort die Erde alle zehn Minuten, 9500-mal allein im Jahr 2017. Die meisten Erdbeben gibt es im Pazifik, wo niemand sie mitbekommt. Niemand außer Ribas – genauer: Ribas‘ Fuß. Der nämlich fängt zu vibrieren an, wenn die Welt es ebenfalls tut. Je stärker das Erdbeben, desto stärker die Vibration.

Möglich macht das ein Implantat, das Echtzeit-Beben-Daten von ihrem Smartphone empfängt. Seit 2013 ist es Teil von Ribas‘ Körper. Erst steckte es im Ellenbogengelenk, nun eben im Sprunggelenk. „Da ist es nicht so bequem, aber natürlicher“, sagt Ribas im Interview, bei dem ihr Fuß ausnahmsweise still hält.

Das Beben wird in einen Tanz übersetzt

Als es auf der Bühne so weit ist, reißt Ribas plötzlich ihre Arme gen Himmel, als habe sie versehentlich mit Schmackes in die Steckdose gepackt. Ihre Augen weiten sich und von den Armen gleitet das Zucken in Nacken und Schulter. Ihr Körper beginnt zu grollen, geht in weitere, aber keineswegs ruhigere Bewegungen über – wie fremdgesteuert. Äußerst ruppig fremdgesteuert. Und während Ribas sich selbst über die Bühne schleudert, wirken die schwarz gelackten Holzbalken unter ihren Füßen plötzlich labiler.

Genau darum geht es Ribas. Darum, eine neue Art des Fühlens zu vermitteln. Ribas ist Performancekünstlerin. Diese Performance heißt „Waiting for Earthquake“ – Warten auf das Erdbeben. Zuschauer und Tänzerin tun dabei genau das, was der Titel sagt. Hat das Warten ein Ende, übersetzt Ribas das Beben in einen Tanz, choreografiert sozusagen von Mutter Natur.

„Technik hat mich nie interessiert“

Ribas bezeichnet sich selbst als Cyborg, also Menschmaschine. Selbstverständlich ist sie dennoch immer ein Mensch, „aber eben nicht mehr zu 100 Prozent“. Wie ein zweiter Herzschlag fühlt sich die Vibration ihrer Beschreibung nach an. Manchmal ist dieser Herzschlag so stark, dass sie nachts deswegen aufschreckt. Dann weiß Ribas, dass irgendwo etwas Schreckliches passiert ist. Meistens jedoch rumort ihr Fuß nur leise vor sich hin.

Ribas ist keiner dieser Tech-affinen Menschen, die aus dem Schwärmen von neuen Technologien gar nicht mehr herauskommen. Sie ist auch keine von denen, die sich in stundenlangen Ausführungen über das Menschsein der Zukunft verlieren. „Im Gegenteil: Technik hat mich nie interessiert, ebenso wenig Science-Fiction.“

Stattdessen schlug ihr Herz schon immer für die Kunst, das Theater und den Tanz, den sie nach abgeschlossenem Hippie-Dasein studierte. Genauer studierte sie erst experimentellen Tanz, dann Choreografie (beides in London) und später Bewegungsforschung an der Theaterschule Amsterdam. Erst dabei entdeckte sie neue Technologien für sich. Denn in der modernen Choreografie ist der Einsatz jeder Technik gerade recht angesagt.

Gläubige deuten das Implantat als unangebrachten Eingriff in die Natur

Aufmerksamkeit erregte Ribas dann 2008, als sie monatelang mit einem Handschuh durch Europa reiste, der ihr anzeigte, wie schnell andere sich bewegten. Aus den Bewegungsabläufen der Länder entwickelte sie später ebenfalls eine Perfomance, „The Speeds of Europe“ – die Geschwindigkeiten Europas. Zwei Jahre später wechselte die Künstlerin zu Ohrringen, die vibrierten, wann immer jemand ihren Weg kreuzte.

Heute nun vibriert ihr Fuß. „Die Aufregung vor dem Einsetzen des Implantats war ein wenig wie die vor dem ersten Mal Achterbahnfahren“, sagt Ribas, deren Schüttelfuß die einen mit Interesse, die anderen mit Ablehnung begegnen.

Vor allem Gläubige deuten das Implantat als unangebrachten Eingriff in die Natur. Freilich sieht Ribas das anders. Die Natur sei immer schon im Wandel, sagt sie. „Erst waren wir Materie, dann im Wasser, dann sind wir auf Bäume geklettert. Jetzt gerade sind wir Menschen, aber das heißt doch nicht, dass wir aufgehört haben, uns zu entwickeln.“

Wetterfühlig per Chip

Für Ribas wird sich diese Entwicklung in den nächsten Jahren so fortsetzen, dass die Diversifizierung weiter zunimmt. „Ich glaube, es wird in Zukunft mehr Geschlechter geben, mehr Individualität, mehr künstliche Körperteile und mehr Menschen mit mehr Sinnen.“ Sinnen wie einem für Erdbeben wie dem ihren. Neosenses wird diese Technologie auch genannt, also Neusinne.

In ihrem Studio in Barcelona plant Ribas derartige Neusinne zusammen mit Interessierten. So gibt es bereits Menschen, die sich per Chip wetterfühlig machen ließen. Ihr farbenblinder Kollege Neil Harbisson hingegen trägt einen Sensor am Kopf, der Farben in Töne übersetzt. Seine Kleidung wählt er danach aus, wie gut sie für ihn klingt.

Gefragte Vortragende auf Technologiemessen

Zusammen gründeten Harbisson und Ribas 2010 die Cyborg Foundation, die Menschen ermutigt, ebenfalls Menschmaschinen zu werden. Zugleich ist Ribas Mitbegründerin der Gesellschaft für Transspezien, die „nicht menschlichen Identitäten“ eine Stimme geben soll.

Ihr Wille zur Transformation macht Ribas zur gefragten Vortragenden. So pendelt die Spanierin von ihrem Studio zu Erdbeben-Performances zu Technologiemessen. Anfang September beispielsweise war sie auf der Internationalen Funkausstellung in Berlin zu Gast.

Mit ihrer Kunst, sagt Ribas bei Vorträgen dann immer wieder, wolle sie Menschen eine erweiterte Art des Fühlens aufzeigen. Und doch drängt sich die Frage auf, wo der tiefe Sinn des Ganzen liegt. Ribas: „Ich mache Kunst. Und Kunst muss nicht unbedingt sinnvoll sein.“

Von Julius Heinrichs

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