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Panorama Im Schlauchboot: Deutschlands irrster Schulweg
Nachrichten Panorama Im Schlauchboot: Deutschlands irrster Schulweg
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10:22 07.09.2018
Mutter und Tochter auf dem Weg zur Schule. Quelle: Elbe-Jeetzel Zeitung
Neu Darchau

Kühl ist es an diesem Morgen. Dichter Nebel liegt über der Elbe bei Neu Darchau in Niedersachsen. Still ist es, nur das leise Plätschern kleiner Wellen an der Bordwand der Fähre „Tanja“ ist zu hören. Und dann das Klatschen von Rudern. Ein flacher dunkler Schatten taucht im Nebel auf – ein Schlauchboot. Zwei Menschen sitzen darin. Es sind Gunda Wegener und ihre Tochter Charlotte. Es ist kein Ausflug, den die beiden auf der Elbe machen: Es ist Charlottes Schulweg.

Seit fast drei Wochen sind sie gezwungen diese Anstrengung auf sich zu nehmen. Nachdem die Fähre „Tanja“ wegen Niedrigwassers den Betrieb einstellen musste, ist nun auch die Bleckeder Fähre trockengelegt. Die Fahrt im Gummiboot ist die einzige Möglichkeit für Charlotte den Bus zur Schule zu erreichen. Eine Alternative gibt es nicht.

Das Auto ist zu teuer

„Naja, nicht ganz“, sagt Gunda Wegener: „Ich könnte Charlotte auch über die Dömitzer Elbbrücke fahren. Das wären von uns aus hin und zurück 140 Kilometer.“ Frau Wegener ist Betreiberin eines Reiterhofes. Zur Schule nach Hitzacker geht die 13-jährige Charlotte, da in der Umgebung aus Lehrermangel keine weitere Oberstufe angeboten wird.

700 Euro im Jahr zahlt Gunda Wegener seither für den Bustransport ihrer Tochter von Neu Darchau nach Hitzacker. Mit dem Auto fahren sie täglich ans Nordufer der Elbe, um sie zu überqueren. „Und die 700 Euro zahle ich, egal, ob wir den Bus nutzen oder nicht“, erzählt die Mutter. „Und dann auch noch jeden Tag zehn oder 15 Euro für Sprit, den ich verfahren würde, das ist nicht einzusehen.“ Also mit dem Schlauchboot über die Elbe. Egal, bei welchem Wetter.

„Bislang hatten wir ja meistens Glück, nur einmal hat es morgens geregnet“, erzählt Gunda Wegener. Das Boot gehört eigentlich ihrem Sohn, für die täglichen Fahrten über die Elbe hat die Familie einen kleinen Elektromotor angeschafft, damit nicht die ganze Zeit gerudert werden muss. „Der Fluss ist zwar fast ausgetrocknet, aber er fließt natürlich immer noch, und das auch nicht gerade langsam“, lächelt die gebürtige Hamburgerin, die mit ihrer Familie im Geburtshaus ihres Mannes lebt.

Ihr Ehemann sei zunächst strikt dagegen gewesen, dass sich Mutter und Tochter auf den Wasserweg über die Elbe machen, doch „wir haben das dann einmal zusammen gemacht, und dann waren seine Bedenken weg.“ Zumal ja auf der Elbe gerade so gut wie kein Verkehr herrscht, und man angesichts von rekordverdächtig niedrigen Pegelständen vielerorts im Fluss sogar stehen kann.

Nicht die einzigen Elbe-Pendler

Die Wegeners sind nicht die einzigen, die an diesem Morgen über den Fluss setzen. Ein junger legt mit seinem Kanu am Fähranleger an, er ist auf dem Weg zur Arbeit. Am anderen Ufer wartet sein Vater, der ihn den restlichen Weg fährt. Und noch bevor die Wegeners in ihrem Schlauchboot über die Elbe setzen, fährt ein Mann seine Frau mit einem Motorboot hinüber nach Darchau am Nordufer. „Sie ist Lehrerin in Neuhaus“, erzählt Gunda Wegener. Man kennt sich.

Zwei weitere Kanus am Elbufer und frische Fuß- und Schleifspuren deuten auf weitere Pendler hin. „Hier über die Elbe zu setzen spart einfach Zeit und Geld“, sagt Gunda Wegener.

Und so wundert es nicht, dass auch Gunda Wegener zu jenen Menschen gehört, die den Bau einer Elbbrücke bei Neu Darchau begrüßen würden. „Wer hier wohnt, am Nordufer, ist für die Brücke. Aber wir haben das Gefühl, dass das wohl nicht gewollt ist“, meint Wegener. „Vielleicht sollten sich ein Herr Landrat oder ein Ministerpräsident Weil mal überlegen, ob sie wollen würden, dass ihre Frauen und Kinder in ein Gummiboot steigen müssten, um zur Schule zu kommen“, sagt Gunda Wegener: „Ich kann mir das nicht vorstellen.“

Von Rouven Groß

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