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Panorama Raser, Drängler und Chaoten: Der Krieg auf der Straße
Nachrichten Panorama Raser, Drängler und Chaoten: Der Krieg auf der Straße
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09:11 03.11.2018
Rund die Hälfte der Autofahrer fühlt sich im Straßenverkehr permanent gestresst. Das führt zu verstärkter Aggression – und wirft die Frage auf, wie sich diese Probleme lösen lassen. Quelle: iStock
Hannover

Wochenende, auf der A 7 in Richtung Hamburg ist der Teufel los. Die Herbstferien sind in mehreren Bundesländern gestartet, außerdem wird auf der Strecke gerade viel gebaut, repariert, die Fahrbahn alle paar Kilometer verengt und kurze Zeit später wieder verbreitert. Die Verkehrsfunkvokabel vom zäh fließenden Verkehr wäre auf dieser Strecke ein grober Euphemismus.

Also wartet man mit Tausenden anderen im Schritttempo darauf, sich einzufädeln, Baustellen zu umfahren, und irgendwie voranzukommen. Plötzlich taucht ein schwarzer VW Golf im Rückspiegel auf, der in einem irren Tempo auf dem Standstreifen am Stau vorbeibraust und, als sich eine kleine Lücke bietet, ohne Vorwarnung von ganz rechts auf die ganz linke Spur schwenkt, dabei zwei Familienväter aus ihrem Staudösen reißt, um kurze Zeit später per Lichthupe zu versuchen, den Stau einfach wegzublinken.

Als er merkt, dass das nicht funktioniert, fährt er kurzerhand durch die Rettungsgasse, die die Autofahrer zwischen der linken und der mittleren Spur artig gebildet haben. Bis ein Volvo-Fahrer die Nerven verliert. Er schließt die Rettungsgasse mit einem beherzten Schwenk in die Lücke, tritt auf die Bremse und lässt den Raser genüsslich an seiner Stoßstange kleben. Seine Botschaft: Hier kommst du nicht vorbei, Freundchen.

Das Rowdytum hat zugenommen

Für viele Autofahrer ist der Straßenverkehr, vor allem der Stau, Krieg mit anderen Mitteln. Während sich der öffentliche Diskurs um Achtsamkeit, korrekte Sprache und ungiftiges Holzspielzeug für Kinder bemüht, herrscht auf deutschen Straßen mitunter das Gesetz des Stärkeren. Zwar gab es schon immer Raser, Drängler und Chaoten. Experten zufolge hat das Rowdytum aber in den vergangenen Jahren noch einmal deutlich zugenommen.

Der Verkehrsgerichtstag in Goslar forderte in diesem Jahr strengere Bußgelder für aggressives Verhalten im Straßenverkehr. „Behindern, links fahren, in der Mitte fahren – das hat sich bedauerlicherweise breitgemacht“, sagte der frühere Generalbundesanwalt und heutige Verkehrsgerichtstags-Präsident Kay Nehm zur Begründung.

Die Beobachtung scheint zutreffend. 44 Prozent der Männer und 39 Prozent der Frauen geben zu, „mindestens manchmal aggressiv“ zu fahren. Bei den 20- bis 45-Jährigen sagt das sogar die Mehrheit, wie aus einer Umfrage der Unfallforscher der Versicherer hervorgeht.

Ganz normale Raser

Nun sind das nicht alles Chaoten, die ihren Kindheitstraum vom Formel-1-Fahrer auf der Autobahn ausleben. Es sind ganz normale Raser. Die Frage ist: Was treibt treu sorgende Familienväter dazu, hinter dem Steuer plötzlich alle guten Manieren zu vergessen und das Kinderhörspiel des Fünfjährigen durch wilde Schimpftiraden zu unterbrechen, weil der „Depp“ vor ihm einfach nicht auf die rechte Spur oder gleich auf den Standstreifen wechseln will, so wie es sich für seinen untermotorisierten Opel Corsa doch eigentlich ziemen sollte?

Sicher ist: Autofahren ist eine stressige Angelegenheit. Der Mensch ist eigentlich nicht dafür gemacht, mit 150 Sachen in einer Blechkiste über eine nur wenige Meter breite Teerdecke zu rasen, links und rechts umgeben von ebenso schnellen Blechkisten. Immer in dem Bewusstsein, dass nur ein Fehler genügt, damit ein Unglück passiert. Das alles verursacht Stress. Und Stress führt zwar kurzzeitig zu erhöhter Aufmerksamkeit, aber eben auch zu Fehlern – und zu Wut und Aggression.

Arbeitsverdichtung, Doppelbelastung, Pendler

Rund die Hälfte der Autofahrer fühlt sich im Straßenverkehr permanent gestresst. Schon seit Jahren werden deshalb Anti-Stress-Trainings für Autofahrer angeboten. Dort lernen Autofahrer, sich nicht provozieren zu lassen und ruhig durchzuatmen, statt den Kampf auf der Straße aufzunehmen.

Experten zufolge gibt es mehrere Gründe dafür, dass Stress und Aggression am Steuer zugenommen haben. Zum einen gibt es schlicht mehr Autos. 46,5 Millionen Pkw sind zurzeit in Deutschland zugelassen, vor zehn Jahren waren es noch 41,1 Millionen. „Enge kann zu Aggressionen führen. Steigende Verkehrsdichte kann also das Stresserleben steigern und aggressives Verhalten auslösen“, sagt der Dresdner Verkehrspsychologe Jens Schade.

Außerdem haben die Deutschen heute weniger Zeit als noch vor 20 Jahren. Arbeitsverdichtung, Doppelbelastungen durch Job und Kinder, viele Pendler. Wer im Verzug zum nächsten Termin zum Kunden ist, oder weiß, dass das Kind schon vor der Schule wartet, dem wird es deutlich schwerer fallen, geduldig und verständnisvoll dem vor ihm her schleichenden Fahrer mit gebotenem Sicherheitsabstand zu folgen, statt ihn schimpfend zu überholen.

Unfallstatistik Deutschland Quelle: RND

Aber auch der zunehmende Egoismus scheint eine Rolle zu spielen – ganz abgesehen vom eigenen Selbstbild. Ausgerechnet viele gut verdienende Akademiker fahren der Studie der Versicherer zufolge besonders rücksichtslos. Die Begründung der Studienautoren: Es handele sich bei den Gutverdienern oft um Menschen, die es gewohnt sind, sich gegen andere durchzusetzen. Anders ausgedrückt: Wer sich auf der Autobahn überholen lässt, hat die nächste Beförderung auch nicht verdient.

Wer einmal einen der übermächtigen SUVs mit ihren oft böse grinsenden Fronten und den funkelnden Scheinwerfern im Rückspiegel erblickt hat, muss glauben, diese monströsen Gefährte seien dafür gebaut worden, anderen Verkehrsteilnehmern Angst zu machen. Gleichzeitig vermitteln die überaus beliebten Spritschlucker ja auch den Insassen das gute Gefühl, sie seien geschützt wie in einem Panzer: Hoher Sitz, viel Blech, viele PS – all das kann unter Umständen Rücksichtslosigkeit befördern.

„Die passive Sicherheit ist so gut wie ausgereizt“

Die Klagen über aggressive Verkehrsteilnehmer – auch Radfahrer können sich daneben benehmen – sind an der Unfallstatistik nur zum Teil abzulesen. Die Politik hat sich in den vergangenen Jahrzehnten vor allem auf die Vermeidung von Verkehrstoten konzentriert – und das durchaus erfolgreich. Trotz einer Vervielfachung des Verkehrs und einer Steigerung der Unfälle in den vergangenen 50 Jahren ist die Zahl der Unfalltoten drastisch gesunken.

2017 sind bei rund 2,6 Millionen Unfällen auf deutschen Straßen 3177 Menschen ums Leben gekommen – so wenig wie seit Beginn der Statistik vor 16 Jahren nicht. Das liegt hauptsächlich an sogenannten Maßnahmen zur passiven Sicherheit, etwa Airbags oder die Helmpflicht für Motorradfahrer.

„Aber die passive Sicherheit ist so gut wie ausgereizt, wenn wir die ganze Automatisierung mal rauslassen. Jetzt müssten wir stattdessen ins Fahrverhalten eingreifen – Geschwindigkeitsbegrenzung auf 30 Stundenkilometer in der Stadt oder 100 auf der Autobahn“, sagt Verkehrspsychologe Schade. Aus psychologischer Sicht sei das sicherlich sinnvoll. „Aber wenn man da anfängt, tut es ganz schnell weh – da gibt es viel Widerstand.“

Computer sind stoische Wesen

In der Tat sind Tempolimits unpopulär – und die Deutschen noch immer stolz auf ihre Autobahn. Auch höhere Bußgelder werden das Problem wohl nicht lösen, weil die allermeisten Delikte von aggressivem Verhalten im Straßenverkehr nie zur Anzeige gebracht werden.

Eine nachhaltige Lösung könnte tatsächlich die Technik bringen. Das autonome Fahren, wenn es denn irgendwann tatsächlich funktioniert, ließe den Autofahrer zum gelassenen Passagier werden. Computer sind in der Regel stoische Wesen. Die Maschine berechnet bei Fahrtantritt, wann das Ziel erreicht ist, sie lässt sich nicht stressen und hält sich penibel genau an Sicherheitsabstände und Verkehrsregeln. So die Theorie.

„Es gibt nichts Monotoneres, als ein Gerät zu kontrollieren, ob es das Richtige macht“

Man muss sich allerdings darauf verlassen, dass die Maschine wirklich immer das Richtige macht – und das fällt vielen schwer. Eine Studie der Hochschule Kempten hat herausgefunden, dass Autofahrer sich durch Fahrassistenzsysteme sogar besonders gestresst fühlen. Zumal nach bisherigem Stand der Technik der Mensch weiterhin die Verantwortung trägt und im Notfall eingreifen muss.

„Das ist etwas, das wir ganz schlecht können. Es gibt nichts Monotoneres, als die ganze Zeit ein Gerät zu kontrollieren, ob es das Richtige macht. Dabei wird man schneller müde, als wenn man selbst fährt“, sagt der Verkehrspsychologe Schade. Müdigkeit ist ein Stressauslöser. Es kann also gut sein, dass sich auch die Autos selbst von ihren Insassen in den nächsten Jahren eine Menge Schimpfereien anhören müssen.

Von Dirk Schmaler und Frederike Müller