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Schrill, schräg, stark: Amanda Palmer und Anna Aaron

Musik Schrill, schräg, stark: Amanda Palmer und Anna Aaron

Die eine lässt sich durchaus selbstbewusst als Pop-Pionierin des Internets feiern, die andere blüht mit ähnlich exzentrischer Musik (noch) im Verborgenen: Vorhang auf für die neuen Alben von Amanda Palmer und Anna Aaron.

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Amanda Palmer hat viele Unterstützer.

Quelle: Shervin Lainez

Berlin. Über die US-Amerikanerin Palmer wurde schon viel geschrieben, und das hatte weniger mit ihrer Kunst zu tun als damit, wie sie diese finanziert. Denn die frühere Dresden-Dolls-Pianistin, Sängerin und Songschreiberin hatte etwas ziemlich Einmaliges geschafft: Über die Geldsammel-Webseite "Kickstarter" brachte die 36-Jährige ihre Fans weltweit dazu, statt der erhofften 100 000 rund 1,2 Millionen Dollar zur Finanzierung einer neuen Platte beizusteuern - und ihr so eine unabhängige Produktion ohne Label-Zwänge zu ermöglichen.

"Ich hatte gehofft, dass meine Kampagne gigantischen Erfolg hätte, aber man kann sich im Vorfeld natürlich nie sicher sein", sagte die 36-Jährige kürzlich der Zeitung "Die Welt". Unverhoffte Millionärin sei sie damit aber nicht geworden. "800 000 oder 900 000 Dollar kostet allein die Produktion der Platte." Das viele Geld hört man "Theatre Is Evil" (Cooking Vinyl/Indigo) von Amanda Palmer und ihrer neuen Band The Grand Theft Orchestra immerhin auch an.

Womit wir bei den 15 Tracks dieses randvollen Artpop-Albums wären. Wer die Dresden Dolls, Palmers schräges Duo mit Über-Drummer Brian Viglione, noch im Ohr hat, wird sich umstellen müssen. Denn im Gegensatz zum einstigen Cabaret-Punk-Pianopop, der von hämmernden Klavierakkorden und peitschendem Schlagzeug geprägt war, ist das neue Werk ein echtes Band-Album. Opulente Streicher-Arrangements umrahmen überwiegend wuchtige Lieder mit schön schummrigen Titeln wie "Do It With A Rockstar" oder "The Bed Song".

Palmer, seit kurzem mit dem britischen Schriftsteller Neil Gaiman verheiratet, lässt es in ihren Vocals wieder erotisch knistern, theatralische Töne scheut sie nur selten. In einigen Piano-Balladen kommt sie zur Ruhe, aber meist lässt die schrille Frontfrau ihre Band kräftig drauflosrocken. Bei einer Musik, die an Tori Amos oder Kate Bush ebenso nah dran ist wie an P.J. Harvey oder Tom Waits, kann das auch mal anstrengend klingen. Aber insgesamt präsentiert sich Amanda Palmer auf dem zweiten Solo-Album als Künstlerin, die jeden Dollar ihrer Fans wert ist.

Während Palmer ihrem Publikum auf dem Albumcover als grell geschminkte Schauspielerin entgegentritt, tarnt Anna Aaron ihr Gesicht mit dunkler Farbe und den Buchstaben "Dogs In Spirit". So heißt auch das Debüt der jungen Schweizerin, die in Fachkreisen schon vor der offiziellen Veröffentlichung für Euphorie sorgte. Denn das Anfang September beim kleinen Label Two Gentlemen erschienene Werk hat Erstaunliches zu bieten.

Auch Anna Aaron (bürgerlich Cécile Meyer aus Basel) ist Theatralik nicht fremd. Wenn sie etwa in Piano-Popsongs wie "Sea Monsters" ihre dunkle Stimme düster aufraut und dann dramatisch in Sopranhöhen aufschwingen lässt, stellt sie ein ähnliches Vokaltalent zur Schau wie die viel berühmtere Amanda Palmer. Auch die großartige Joan Wasser (Joan As Police Woman), die Schweizer Landsmännin Sophie Hunger oder abermals P.J. Harvey lassen sich ausmachen in Aarons zwischen Indie-Rock, Soul und Pop pendelnden Liedern.

Die enorme Kraft und Reife der 13 Tracks von "Dogs In Spirit" scheint aus dem Nichts zu kommen, denn auch live ist die ehemalige Philosophie- und Literaturstudentin erst seit kurzem wahrnehmbar unterwegs. Die Produktion von Marcello Giuliani (Sophie Hunger, Young Gods), die Mitwirkung des Jazz-Trompeters Eric Truffaz ("The Drainout") und die schiere Klasse von Aarons Band geben dem Album aber sogleich ein internationales Flair.

Das virtuose Pianospiel und der hochvariable Gesang der 27-Jährigen bilden dann das Sahnehäubchen auf einer faszinierenden Artpop-Platte, die sich vor dem schwer gehypten Werk der großen Amerikanerin Palmer auf keinen Fall verstecken muss.

Konzerte: Amanda Palmer: 28.10. Berlin 30.10. Zürich 03.11. Köln 05.11. Wien

Anna Aaron: 18.09. Kaufleuten/Schweiz 03.10. Innsbruck 05.10. Wien 09.10. Dresden 11.10. Berlin 12.10. Hamburg 13.10. Bremen 14.10. Koln 16.10. Frankfurt/Main 17.10. Ingolstadt 18.10. München 15.11. Basel

dpa

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