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Panorama Chemie und Liebe: Das Wunder des Küssens
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14:01 24.06.2018
Mediziner und Naturkundler können genau erklären, was beim Küssen im Körper passiert. Die große Frage aber bleibt bis heute: Warum küssen sich Menschen überhaupt? Quelle: iStock
Hannover

Ein Samstagabend in den Achtzigern. Ein kleiner Telefunken-Kassettenrekorder spielt “Reality“ von Richard Sanderson. “Dreeeeeeams are my reality, the only kind of real faaantasy …“ Daniels Eltern sind nicht da, wir feiern eine Fete in seinem Keller, zwischen Fahrrädern und Werkbank. Einer hat eine bunt flackernde Lichtorgel zusammengelötet. “Illusions are a common thing, I try to live in dreams…“

Mädchen und Jungs in türkisfarbenen Poloshirts tanzen Klammerblues. “It seems as if it’s ­meant to be …“ Kirsten guckt in meine Augen. “Dreeeeeeams are my reality …“. Sie küsst mich. Duldungsstarr genieße ich den Augenblick. Ich möchte zurückküssen, aber ich weiß nicht, wie man das macht. Es gab damals noch kein Internet.

Feuerwerk im Gehirn. Und jetzt? Augen zu und durch? Sagt man hinterher “danke“? Sind wir jetzt zusammen? Wohin mit dem überschüssigen Sabber? Ich bin vierzehn Jahre alt. Kirsten küsst mich.

Die Hormone übernehmen das Kommando

Der erste Kuss. Und mein Körper reagiert. Temperatur und Blutdruck steigen. Die Pupillen öffnen sich, die Augen schließen sich. 34 Muskeln im Gesicht arbeiten an einem Rück-Kuss, weitere 112 halten den Körper aufrecht. Das Herz pumpt mit 110 Schlägen pro Minute Blut durch meinen Teenagerkörper, normal sind 70. Die Hormone übernehmen das Kommando, die heimlichen Regisseure der Liebe.

Ein Netzwerk unzähliger Nervenzellen in unseren Lippen leitet Reize ins Lustzentrum des Gehirns, die Area tegmentalis ventralis in der Mittelhirnhaube. Das setzt Glücksbotenstoffe wie Serotonin und Dopamin frei, quasi körpereigenes Kokain. Eine Hormonflut überschwemmt die Blutbahnen. Endorphin macht mich zufrieden, das Verliebtheitshormon Phenylethylamin löst ein Hochgefühl aus. Das Kuschelhormon Oxytocin macht mich mild und zahm.

In ein paar Jahren wird beim Küssen auch das Stresshormon Kortisol reduziert werden, aber mit 14 Jahren ist Küssen nackter Stress. Kirstens Speichel aktiviert mein Immunsystem, das schickt Abwehrzellen durch mein Blut. Mein Testosteron wird direkt über ihre Wangenschleimhaut in ihrer Leber resorbiert. Unsere Biochemie feiert eine Party.

Der Kuss als universales Bindungsritual

Der Kuss. Diese Knallgasreaktion der Liebe, in der sich, wie Ernst Jünger schrieb, “gleichsam das Niedere und Triebhafte mit dem Adel des Geistes zu einer einzigen Figur verbindet“. Ein kurzer Moment, der entscheidend sein kann für zwei Leben. Denn nicht nur Liebe macht Küsse – manchmal machen auch Küsse Liebe. Wenn es passt. Wenn es sich sofort richtig anfühlt. Zuneigung kann entstehen, wenn zwei Menschen sich zueinander neigen.

Begrüßung, Abschied, Liebe, Lust, Trost und Verehrung – wir küssen uns. Wir küssen aus Leidenschaft, wir sagen küssend “Auf Wiedersehen“, wir küssen, um unsere Kinder unserer bedingungslosen Liebe zu versichern, bis zu 100 000-mal im Leben. Dem Kuss als universales Bindungsritual ist mit dem “Internationalen Tag des Kusses“ am 6. Juli gar ein globaler Feiertag gewidmet.

Anlässe gibt es reichlich: “Auf die Hände küsst die Achtung / Freundschaft auf die offne Stirn“, schrieb Franz Grillparzer – “auf die Wange Wohlgefallen / Sel’ge Liebe auf den Mund. / Auf’s geschloß’ne Aug‘ die Sehnsucht, / In die hohle Hand Verlangen / Arm und Nacken die Begierde; / Überall sonst die Raserei.“ Aber Achtung: Im US-Bundesstaat Colorado ist es verboten, schlafende Frauen zu küssen. In Wisconsin dagegen ist es erlaubt – außer in fahrenden Zügen.

Die Wissenschaft kennt zahllose Kussvarianten

Das älteste Zeugnis der Knutscherei findet sich, in Sanskrit geschrieben, in den indischen Veden von vor 3500 Jahren. Im Mittelalter dann war der Kuss fester Bestandteil des Rechtswesens: Ein Untergebener küsste zur verbindlichen Vertragsbesiegelung den Siegelring oder das Schwert des Lehnsherrn.

Die Wissenschaft mit dem schönen Namen Philematologie – oder auch: Knutschforschung – kennt zahllose Kussvarianten: den heute gern ironisierten Handkuss als Respektsgeste aus Zuneigung oder Höflichkeit. Den Luftkuss als hingehauchte Liebesbotschaft sich Entfernender. Das trockene Abschiedsküsschen.

Den sozialistischen Bruderkuss als Politritual, entstanden aus dem Osterkuss der orthodoxen Ostkirchen. Den biblischen Judaskuss als falsches Liebeszeugnis, das in Wahrheit Verrat ist. Den angedeuteten Wangenkuss, die sogenannte französische “Akkolade“. Oder den Todeskuss der Cosa Nostra als finale Drohung für in Ungnade gefallene Mafiakumpane.

Warum küssen sich Menschen überhaupt?

Die Biologie des Küssens klingt nüchtern. Mediziner und Naturkundler können genau erklären, was beim Küssen im Körper passiert. Die große Frage aber bleibt bis heute: Warum küssen sich Menschen – und einige Tierarten – überhaupt? Warum legen Menschen in 90 Prozent aller Kulturen der Menschheitsgeschichte die Lippen aufeinander, um Nähe zu erzeugen, und wedeln nicht zum Beispiel singend mit den Armen oder laufen gackernd dreimal im Kreis?

Die Antwort ist wieder unromantisch. Für Sigmund Freud war das Küssen ein angeborener oraler In­stinkt, entstanden aus dem Saugbedürfnis an der Mutterbrust, durch das ein Baby Nähe und Vertrautheit erlebt und erlernt.

Der britische Zoologe Desmond Morris glaubt zudem, das Küssen habe seinen Ursprung bei den Frühmenschen, die sich von Mund zu Mund fütterten, wie es einige Naturvölker (und Vögel) bis heute tun. Aus der Versorgung mit Nahrung ist eine emotionale Versorgung geworden.

Chemisches Testwerkzeug für eine mögliche Beziehung

Inzwischen aber ist eine dritte Theorie zum Ursprung des Kusses im Spiel. Danach ist der Kuss ein Instrument der Evolution. Ein chemisches Testwerkzeug für die Bindungstauglichkeit eines potenziellen Partners. Gegen die Datenflut, die Küssende unbewusst austauschen, ist ein Facebook-Chat ein dünnes Rinnsal.

Gerade Frauen vermitteln Verhalten, Duft- und Geschmacksstoffe eine Vielzahl von Informationen. Küsst er verkrampft? Könnte ein Spießer sein. Knabbert er drauflos wie ein Kaninchen am Löwenzahn? Übereifriger Draufgänger. Sabbert er? Achtung: nassforsches Exemplar. Spitzt er schüchtern seinen trockenen Mund? Spaßbremse. Lässt er wie ein Uhu die Augen offen? Kontrollfreak.

Intimität und Intensität des Kusses geben – im Wortsinne – einen Vorgeschmack auf eine mögliche Beziehung. In Sekunden wissen Frauen beim ersten Kuss: Frosch oder Prinz. “How can I tell if he loves me so?“, singt Cher in ihrem “Shoop Shoop Song“. Ihre Antwort: “It’s in his kiss.“

Welcher Küsser passt zu wem?

Das ist auch der Grund, warum mehr Frauen (56 Prozent) “ausgesprochen gern“ küssen als Männer (44 Prozent): Für die Mehrzahl der Kerle ist der Liebeskuss im Kern bloß ein profanes Instrument der Sexanbahnung – oder wie Robert Lembke mal schrieb: “eine Anfrage im ersten Stock, ob das Parterre frei ist“. Für Frauen dagegen geht es ums Ganze. Denn sie haben bei der Partnerwahl einfach mehr zu verlieren als Männer.

Beim munteren Speichelvermischen werden verräterische Botenstoffe ausgetauscht: Wer ein Übermaß an Dopamin im Speichel hat, gilt laut Studien als wild und abenteuerlustig. Serotonin-Küsser sind eher konservativ und traditionell. Testosteron im Speichel verrät einen Hang zum Pragmatismus. Östrogen-Knutscher sind emotionale Menschen.

Welcher Küsser passt nun zu wem? Die US-Anthropologin Helen Fisher hat in einer Studie mit 40 000 Befragten ermittelt, dass abenteuerliches Dopamin und konservatives Serotonin gerne ihresgleichen wählen. Pragmatisches Testosteron und emotionales Östrogen suchen sich dagegen lieber Gegensätze.

Wissenschaft erklärt nicht den Zauber eines Kusses

Nichts davon jedoch erklärt den Zauber eines Kusses. Das rauschhafte Glück. Das Versinken in einem Moment, in dem die Welt stillstehen kann. Das tiefe Bedürfnis, einem sechsjährigen Schulkind auch gegen heftige Widerstände gegen diese Papa-Peinlichkeit einen Knutscher auf die Stirn zu geben.

Nichts erklärt die Kraft jenes ikonografischen Fotos des Matrosen auf dem Times Square, der in der haltlosen Freude über den Sieg der USA über Japan am 14. August 1945 eine nie eindeutig identifizierte, sich wohl oder übel verbiegen lassende Krankenschwester küsst.

Die Möglichkeit eines glücklichen Augenblicks

Und nichts erklärt die magische Wirkung von Gustav Klimts Gemälde “Der Kuss“ von 1908, auf dem ein ineinander verschmolzenes, von einer ornamentischen Goldflut umschmeicheltes Paar sich in inniger Liebe einem Kuss hingibt, der zu den berühmtesten der Kunstgeschichte wurde. Mann und Frau sind von einem Glanz umgeben, der das Biologische, das Evolutionäre, das Rationale weit hinter sich lässt.

Das Paar erinnert uns an die reizvollste Eigenschaft eines Kusses: dass er die Möglichkeit eines glücklichen Augenblicks in sich trägt. Das ist es wert, als Achtklässler in einem Partykeller ins Schwitzen zu geraten.

Von Imre Grimm

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