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Panorama „Wie auf Autopilot“ – wenn Kinder töten
Nachrichten Panorama „Wie auf Autopilot“ – wenn Kinder töten
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22:07 02.11.2018
Mit Flatterband hat die Polizei in Wenden in einem Waldstück nahe des Schulzentrums ein Gebiet abgesperrt. Quelle: Roland Weihrauch/dpa
Köln

„Solche Taten sind sehr selten“, sagt der Kriminalpsychologe Rudolf Egg, Aber es gibt sie immer mal wieder. Die Polizeiliche Kriminalstatistik registriert für das vergangene Jahr 15 Fälle, in denen „Straftaten gegen das Leben“ - also Tötungsdelikte - von strafunmündigen Kindern bis 14 Jahren begangen worden sein sollen. In 57 weiteren Fällen handelte es sich bei den mutmaßlichen Tätern um Jugendliche zwischen 14 und 16 Jahren.

In diesem Jahr machten mehrere Fälle Schlagzeilen: Am Freitag verurteilte das Dortmunder Landgericht einen 16-Jährigen zu sechs Jahren Jugendhaft: Er hat nach Überzeugung der Richter im Januar in seiner Schule in Lünen einen Mitschüler erstochen. Im Februar soll eine 16-Jährige ein 15 Jahre altes Mädchen auf einem Parkdeck in Dortmund im Streit erstochen haben. In Berlin ging die Verabredung zweier Jugendlicher im März tödlich aus: Ein 15-Jähriger soll seine Mitschülerin erstochen haben.

Und nun Wenden im Sauerland. Ein 14-Jähriger hat gestanden, seinen Freund erwürgt zu haben. Die Leiche des 16-Jährigen wurde am Mittwochabend in einem Wald gefunden. Nach Erkenntnissen der Ermittler geschah die Tat im Affekt.

Der Anlass für solche Verbrechen von Kindern oder Jugendlichen liegt laut Egg fast immer im persönlichen Bereich - etwa Eifersucht, verschmähte Liebe oder Beleidigungen. „Die Tat ist aber meist nur die Oberfläche.“ Dahinter lägen in der Regel andere Enttäuschungen, die manchmal gar nichts mit dem späteren Opfer zu tun hätten, sagt Egg.

Ohnmacht immer durch Gewaltausübung kanalisiert

Der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapeut Christian Lüdke, der das Verbrechen im Sauerland ebenfalls aus den Medien kennt, spricht von einem „Wutstau“, der sich mit der Tat Bahn breche: Plötzlich entladen sich lang angestaute Angst und Aggression. „Jeder Mensch kennt das Gefühl, dass er vor Wut ausrasten könnte - aber normalerweise kann man diesen Impuls kontrollieren.“ Manche Menschen allerdings könnten dies nicht.

Der Tat gehe in der Regel eine lange Geschichte voraus, erläutert Lüdke. Häufig liege der Ursprung in der Familie: Der Täter fühle sich zum Beispiel von den Eltern dauerhaft ungeliebt und zurückgewiesen. „Darüber bauen sich enorme Angst und Ohnmacht auf.“ Ohnmacht werde immer durch Gewaltausübung kanalisiert - und so in ein kurzzeitiges Gefühl von Allmacht übertragen. Der Täter handele dann „wie auf Autopilot, in einer gefühlsmäßigen Vollnarkose“, sagt Lüdke.

Wer eine gestörte Sozialisation habe, habe auch ein gestörtes Vertrauen in andere Menschen und könne schneller ausrasten, sagt Kriminalpsychologe Egg. „Wenn ein soziales Korsett nicht richtig funktioniert, gibt es keine richtigen Hemmungen, dann wird aus einem Streit gleich etwas Extremes.“ Wenn man die Vorgeschichte des Täters kennt, könne man seine Tat vielleicht eher begreifen - „aber verstehen muss man sie natürlich trotzdem nicht“.

Von Petra Albers/dpa/RND