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Panorama Nüchtern und ohne Dirndl – so lief meine Wiesn-Premiere
Nachrichten Panorama Nüchtern und ohne Dirndl – so lief meine Wiesn-Premiere
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07:12 24.09.2018
Gäste feiern auf dem Oktoberfest in einem Festzelt. Quelle: Angelika Warmuth/dpa
München

Eines vorneweg: Man muss es machen, ganz oder gar nicht, von Null auf Tausend, keine Kompromisse. Das Wasser wird nicht wärmer, je länger man wartet mit dem Sprung. Aber von Anfang an. Zunächst gab es einen Auftrag (Berichterstattung über das Oktoberfest), dann einen Vorsatz (mal ganz vorbehaltslos hinfahren). Natürlich hat das ganz und gar nicht funktioniert – zu groß waren die Vorkenntnisse, zu einprägsam die Bilder betrunkener Menschenmassen, die eher früher als später am Tag nicht mehr Herr über sich sind. Und trotzdem war da eine echte Neugier: Es kostet viel Geld, Zeit und Nerven. Bier gibt es überall, Schützen-, Stadt- und sonstige Feste doch eigentlich auch. Warum Oktoberfest?

Es beginnt bereits mit der Kleiderfrage, die vielmehr andere stellen als man sich selbst. Erst ist es eine grundsätzliche Abwehr gegen den Zwang, sich als Frau im 21. Jahrhundert in einem Kleid mit Schürze und Rüschenbluse zeigen zu müssen. (Die Lederhosen-Variante ist weder in der Theorie, noch in der Praxis ein Thema, wie sich später auf den Wiesn zeigt.) „Und, hast du schon ein Dirndl?“, heißt es Wochen vorher von Kollegen, Freunden, Familienmitgliedern. Nein, ist die Antwort. Nach einigen Recherchen aber nicht nur aus Überzeugung, sondern auch aus Kostengründen. Wer es wirklich ernst meint mit der Zuneigung zum Oktoberfest, sollte ein bisschen investieren. Denn billige Kleider, das ist ganz simpel, sehen meistens auch so aus.

Das lassen sich auch die Promis nicht nehmen. Tag eins der Wiesn, Tag eins auch für Schwarzenegger und Co., sich auf der Theresienwiese in München blicken zu lassen. Für viele Prominente gehört der Wiesn-Besuch zum guten Ton.

Schon beim Dirndl gibt es einiges zu beachten

Vor allem Einheimische sind zunehmend genervt von Touristinnen, die mit ihrer Auswahl die Trachtentradition abwerten. Dabei gibt es im Prinzip nur drei Dinge zu beachten: Ein Dirndl sollte mindestens bis übers Knie reichen, die Schürze nur ein wenig kürzer sein. Ein Dirndl ohne Bluse ist eigentlich kein Dirndl. Und: Turnschuhe sind kein Bestandteil einer traditionellen Tracht, auch nicht wenn sie glitzern. Eine kleine Ledertasche, eine Strumpfhose und eine Strickjacke sind Accessoires für Fortgeschrittene. Männer sollten vor allem eins beachten: Nur eine Hose aus Leder gilt als Lederhose, sie darf und sollte sogar möglichst alt sein und wird – ja das ist wahr – nicht gewaschen.

Die meisten kamen tatsächlich in Tracht. Die Option, gar nicht nach Oktoberfest auszusehen, hatten am Auftaktwochenende die wenigsten gewählt. Die Unvorbereiteten (ob nun spontan angereist oder geplant), versuchten sich vielmehr vor Ort zu behelfen. Dies ist auch möglich, ungefähr an jedem Kiosk zwischen Hauptbahnhof und Theresienwiese. Dort gibt es Dirndl für 49 Euro und T-Shirts mit lustiggemeinten Dirndl-Prints ab 15 Euro. Einige auf dem Festgelände hatten allerdings augenscheinlich ihre Karnevalskostümierung reaktiviert und in wenigen Fällen glich das eher einer weiblichen Robin-Hood-Verkleidung.

Die Wiesn – eine Ballermannsaison verkürzt auf 16 Tage

Die optische Entscheidung für den Selbstversuch also: neutral. In Jeans, T-Shirt und Lederjacke käme man vielleicht mancherorts als Zivilbeamtin auch schneller durch, so der Gedanke. Weit gefehlt. Der traditionelle Einzug der Wiesn-Wirte am Eröffnungs-Sonnabend, der Ausmaße des Kölner Karnevalsumzugs hat (allerdings ohne Kamelle), lähmt für gewöhnlich die gesamte Innenstadt. Einziges Fortbewegungsmittel: die Pferde, die vor den Wagen gespannt sind. Fußwege: verstopft. Und natürlich reagieren Menschen auf ihresgleichen positiver, als auf jemanden, der schon rein optisch gegen den Strom schwimmt. Das ist im Karneval genauso. Das ist einer Exil-Düsseldorferin natürlich bewusst. Ein Dirndl wäre vielleicht doch die bessere Wahl gewesen.

Auf dem Festgelände angekommen, hat man eine Reizüberflutung zu verarbeiten – für alle Sinne. Musik kommt von überall her, alles blinkt bunt, es riecht abwechselnd nach gebrannten Mandeln, gebratenem Fleisch und Pferd. Die Wiesn sind ein Konzentrat aus allem, eine Ballermannsaison verkürzt auf 16 Tage, die Dorfkirmes der Welt, Schützenfest, Karneval, Schlagerkonzert – eine Mischung aus allem, mehrfach potenziert.

Großer Ansturm noch vor offiziellem Wiesn-Start. Schon am Morgen warteten tausende Besucher auf die Eröffnung des Oktoberfests 2018.

Das Oktoberfest aber ist auch ein Kontrast, ein Spagat zwischen Nostalgie und Hightech, es gibt die „Oide Wiesn“ nebenan mit allerlei historischen Geräten. Als Ehrung des bayerischen Königspaars 1810 mit einem Pferderennen begonnen, gibt es heute mehr als 170 Fahr- und Laufgeschäfte: vom Riesenrad bis zum allerkleinsten Stand: dem Vogelpfeifer. In ihrem Ein-Quadratmeter-Häuschen präsentieren Horst und sein Sohn Tobias Berger den Familienstolz: die handgefertigte, TÜV-geprüfte „Pfeiferlmaschine“, mit der jeder (angeblich) mindestens drei Vogelstimmen imitieren kann: Spatz (tschip tschip tschip), die Kohlmeise (szidäh szidäh szidäh dit) und die Amsel (ziruh beu hau iehrrruh zi iii iziuhrr hau). Die Leute stehen Schlange.

„Oans, zwoa, gsuffa!“

Das Oktoberfest, das merkt man schnell, hat für alle etwas anzubieten. Und doch wollen die meisten trinken, trinken, trinken. 7,5 Millionen Maß gingen 2017 über die Tresen, das sind 7,5 Millionen Liter, weil niemand weniger als einen Liter bestellen kann. Das Spiel gehört zur Wiesn wie der Senf zur Weißwurst: Wer schafft die meisten? Oktoberfest ist ein schmaler Grat von Spaß zur Selbstüberschätzung. Um 12 Uhr war Anstich, um 12.32 Uhr gab es die erste Bierleiche am Sonnabend. Wer morgens kommt und vorher schon trinkt, kann nur verlieren.

Es gibt aber auch zu gewinnen: Spaß, Sorgenfreiheit, neue Freunde – vielleicht nur für einen Abend, aber immerhin. Man trinkt zusammen, man tanzt zusammen, meist geht es gar nicht anders, als zusammenzurücken. In den Zelten mischen sich Generationen und Nationen, dem Prosit der Gemütlichkeit kann sich keiner entziehen: „Oans, zwoa, gsuffa!“ Das ganze über Stunden nüchtern zu betrachten, auch das war vielleicht schlauer gedacht als gemacht.

Die Verlierer finden sich dann am Abend, in der Milde der Dunkelheit, weniger am berühmt-berüchtigten „Kotz-Hügel“, den Sanitäter und Ordnungsdienst mehr im Blick haben als früher einmal. Die Verlierer der Maß-Mutproben stehen, sitzen, oder liegen am Rand. Männer trösten Frauen und umgekehrt. Oft hinterlassen sie Spuren auf dem Boden, in der Bahn, am Wegrand zum Hauptbahnhof. All das gehört dazu, man kann hinsehen, aber man sollte drüber hinwegsehen. Mit ein, zwei Bier fällt es leichter. Gedränge versus Gemeinschaft, Genuss versus Suff, Tracht versus Turnschuhe – man muss es wollen. Dann ist es ein Riesenspaß.

Von Julia Rathcke/RND

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