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Politik Sexuelle Gewalt durch Zehnjährigen – Sexualpädagoge fordert Konsequenzen
Nachrichten Politik Sexuelle Gewalt durch Zehnjährigen – Sexualpädagoge fordert Konsequenzen
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17:19 05.09.2018
Blick in ein Zimmer einer Jugendherberge: Ein 10-jähriger Junge wurde auf einer Klassenfahrt vergewaltigt. Quelle: dpa
Berlin

Eine Klassenfahrt ist für viele Schüler der Höhepunkt eines Schuljahres. Nicht aber für einen Zehnjährigen aus Berlin-Hellersdorf – für ihn wurde die Klassenreise zu einem Albtraum: Er wurde von einem gleichaltrigen Mitschüler vergewaltigt.

In dem besonders schweren Fall sollen zwei Schüler den Mitschüler festgehalten haben, damit der mutmaßliche Haupttäter sich an ihm vergehen konnte. Der Junge war schon im Vorfeld der Tat wegen seines gewaltbereiten Verhaltens aufgefallen, habe andere Kinder beispielsweise geschlagen. Die mutmaßlichen Täter sollen aus Afghanistan und Syrien stammen, berichten Lokalmedien.

Die Polizei bestätigte, dass es in dem Brennpunktviertel in Berlin zu einer Vergewaltigung gekommen war. Um das Opfer zu schützen, wolle man allerdings keine näheren Angaben zu der Tat und der Herkunft machen.

Was Kinder zu Tätern werden lässt

Doch wie kommt es zu sexueller Gewalt unter Kindern? „Viele Menschen denken, dass Kinder selbst sexuelle traumatische Erfahrung erlebt haben“, sagt Jörg Nitschke, Dozent des Instituts für Sexualpädagogik, im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). Doch der Sexualpädagoge warnt vor dieser automatischen Schlussfolgerung: „Es wirken viele Faktoren zusammen, die zu einem gewalttätigen sexuellen Verhalten führen. Eine eigene Betroffenheitserfahrung kann dazugehören, muss aber nicht.“

Vielmehr sieht er als Ursache auch die Demütigungserfahrung durch andere Kinder. Gerade hierarchische Strukturen durch die einzelnen Klassenstufen begünstigen Demütigungen. Nitschke betont aber auch, dass der Einzelfall beurteilt werden müsse. Dass Doktorspiele, die zum Erkunden der eigenen Sexualität dazugehören, ausarten, komme gelegentlich vor. In diesem Fall handele es sich aber um einen besonders schweren Fall.

Verfahren gegen den mutmaßlichen Haupttäter wurde eingestellt

Der Fall war an die Öffentlichkeit geraten, weil ein Freund des Opfers einem Schulpsychologen von der Tat erzählte. Ein Sprecher der Staatsanwaltschaft bestätigte gegenüber dem RND, dass das Verfahren gegen den Zehnjährigen eingestellt wurde. Grund: Er sei noch nicht strafmündig. Erst ab einem Alter von 14 Jahren können Jugendliche in Deutschland für ihre Taten belangt werden.

Dennoch werden Maßnahmen ergriffen. Die drei mutmaßlichen Täter sollen nun erst mal vom Regelschulbetrieb ferngehalten werden. „Wir wollen alle rechtlichen Möglichkeiten ausschöpfen, dass der Haupttäter keine Regelschule besucht, sondern besondere Schulmaßnahmen erfährt“, sagte eine Sprecherin der Berliner Senatsschulverwaltung. Auch das Opfer habe die Schule inzwischen verlassen. Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) sagte der „Bild“-Zeitung, sie sei „entsetzt über diesen besonders schockierenden Fall. Es muss alles getan werden, um das geschädigte Kind und die Familie zu unterstützen.“

„Sexuelle Gewalt hat nichts mit der kulturellen oder sozialen Herkunft zu tun“

Für Nitschke ist klar, diese Maßnahmen deuten auf die Schwere der Tat hin. „Nicht alle Kinder werden in solchen Fällen von der Schule genommen.“ Häufig werde das Thema im Anschluss an Grunderfahrungen im Klassenverband bearbeitet.

Der Sexualpädagoge sieht dringenden Handlungsbedarf in den Schulen: „Es fehlen eindeutig Schutzkonzepte.“ Es sei schon länger bekannt, dass es in Institutionen wie Schulen zu sexueller Gewalt unter den Kindern kommen könne. „Lehrer brauchen einen Fahrplan, wie sie sich in solchen Situationen angemessen verhalten.“ Auch wenn viele es nicht wahrhaben wollten, so Nitschke, ein Raum kann nie zu hundert Prozent sicher sein. Wichtig ist ihm, dass man sich dabei nicht nur auf Schulen in Brennpunkten konzentriere, sondern auf alle. „Sexuelle Gewalt hat nichts mit der kulturellen oder sozialen Herkunft zu tun. Es ist ein Phänomen, dass sich durch alle sozialen Strukturen zieht.“

Umso deutlicher stellt er klar: Man könne keinen Zusammenhang zwischen der Herkunft der Schüler und der Tat herstellen. Auch, wenn es „zu vermuten ist, dass geflüchtete Menschen überdurchschnittlich häufig sexuelle Gewalt oder Vergewaltigungen erlebt haben, darf nicht automatisch darauf geschlossen werden, dass sie diese Erfahrungen weitergeben.“

Von Mandy Sarti

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