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Politik Abgasttests mit Affen – ohne Herz und Hirn
Nachrichten Politik Abgasttests mit Affen – ohne Herz und Hirn
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10:00 30.01.2018
VW hat Affen gezielt Abgasen ausgesetzt. Mehr als 100 Millionen Wirbeltiere sterben jährlich weltweit in oder nach wissenschaftlichen Experimenten. Quelle: dpa
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Berlin

Der Aufsichtsratsvorsitzende ist konsterniert, Ministerpräsident Weil fordert als Vertreter des VW-Großaktionärs Niedersachsen Aufklärung, und die Bundesregierung verurteilt scharf. Die Reflexe in Politik und Wirtschaft funktionieren wie geschmiert, wenn Skandale bekannt werden, die Kontrolleure eigentlich hätten verhindern müssen. Jedes Mal ist es wie Ringelpiez: Da wird von imaginären Verantwortlichen gesprochen, werden Sondersitzungen einberufen und umfassende Untersuchungen eingeleitet. Hauptsache, alle und alles drehen sich schön im Kreis. Und die Öffentlichkeit gleich mit!

Als ob die inzwischen bestätigten Berichte aus den USA, nach denen Affen gezielt und stundenlang schädlichen Autoabgasen ausgesetzt waren, nicht reichten. Am Montag wollten dann noch einige im Zuge des Abgasskandals „Menschenversuche“ mit Stickstoffdioxid an der Universität Aachen ausgemacht haben. Doch abgesehen davon, dass diese arbeitsmedizinische Studie von derselben obskuren Lobby-Organisation deutscher Autokonzerne finanziert wurde wie die Affenversuche, hatte sie höchstwahrscheinlich nichts mit Diesel-Schadstofftests zu tun. Dennoch hielten das die meisten sofort für möglich, sogar die Bundeskanzlerin. So weit sind wir inzwischen: Vertrauensverlust selbst bei der ersten Frau im Staate.

Die Versuche mit den zehn Langschwanzmakaken werfen ein bezeichnendes Licht auf eine Branche, in der zumindest zeitweilig Herz und Verstand ausgesetzt haben müssen. Welche Frage sollte eigentlich beantwortet werden, als die Affen für Stunden in Abgaskammern gesetzt wurden? Nein, das war nicht nur eine kostspielige Marketingmaßnahme, in der Menschen Tiere missbrauchten, um die angebliche Sauberkeit deutscher Motoren zu beweisen. Das Ganze hat durchaus historische Dimensionen: Es weckt bedrückende Assoziationen – zumal deutsche Hersteller an der Auftragsvergabe für diese Tests beteiligt waren.

Die Empörung ist also zu Recht gewaltig. Aber wie ehrlich ist sie? Hand aufs Herz: Würden wir so sensibel reagieren, wenn es nicht um Affen, sondern um Ratten oder Mäuse gegangen wäre? Mehr als 100 Millionen Wirbeltiere sterben jährlich weltweit in oder nach wissenschaftlichen Experimenten. Viele verenden qualvoll, damit später Menschen etwa von lebensbedrohlichen Krankheiten geheilt werden können – weil derzeit Humantherapien zumeist nicht anders entwickelt werden können. In diesem Zusammenhang waren die Affenversuche in den USA besonders sinnlos. Denn dass Abgase für menschliche und tierische Organismen schädlich sind, ist hinlänglich bekannt. Und saubere Verbrennungsmotoren bleiben Ammenmärchen von Autoverkäufern.

Von Thoralf Cleven/RND

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