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Politik „Am Ende entscheidet der Sprachgebrauch“
Nachrichten Politik „Am Ende entscheidet der Sprachgebrauch“
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15:38 08.03.2019
Sprachforscher Anatol Stefanowitsch Quelle: Bernd Wannenmacher/FU Berlin

Kritiker befürchten, dass die Sprache durch äußere Eingriffe bemüht, ängstlich und unnatürlich werden könnte. Was entgegen sie denen?

Über subjektive Werturteile wie „bemüht“ oder „ängstlich“ kann man schlecht streiten. Ich würde aber vielleicht darauf hinweisen, dass sich derselbe Sachverhalt auch mit den Begriffen „sorgfältig“ und „umsichtig“ beschreiben ließe. Es kommt eben auf die Perspektive an: Wenn ich zu einer Gruppe gehöre, die von sprachlicher Diskriminierung nicht betroffen ist, kommt mir jeder Eingriff in die Sprache wie eine Beschränkung meiner Redefreiheit vor. Gehöre ich dagegen zu einer sprachlich diskriminierten Gruppe, stellt derselbe Eingriff für mich ein Stück sprachliche Gerechtigkeit her. Ich würde denen, die nicht betroffen sind, also zu einem Perspektivwechsel raten. Und „natürlich“ kommt uns immer das vor, an das wir gewöhnt sind.

Lesen Sie hier: Gender-Stern: Wörter scheren sich nicht um das biologische Geschlecht

Ist es sinnvoll, das Gender Mainstreaming auch gegen den Willen einer größeren Mehrheit politisch durchzusetzen?

Erstens gibt es keine größere Mehrheit, die gegen eine geschlechtergerechte Sprache ist – ablehnende und befürwortende Meinungen sind hier ziemlich ausgewogen verteilt. Zweitens ist geschlechtergerechte Sprache keine Frage von Mehrheiten, sondern eine Frage der Moral. Wir sind uns einig, dass alle Menschen den gleichen Wert haben, also sollten wir eine Sprache verwenden, die alle Menschen gleichermaßen sichtbar macht und allen Menschen den gleichen Respekt entgegenbringt.

Was steckt aus Ihrer Sicht hinter der verbreiteten Ablehnung des „Gendersternchens?

Meines Wissens gibt es keine zuverlässige Umfrage, die eine mehrheitliche Ablehnung des Gendersternchens zeigt. Allgemein gibt es aus meiner Sicht zwei unterschiedliche Gruppen, die der geschlechtergerechten Sprache ablehnend gegenüber stehen: Die einen stören sich ganz grundsätzlich an gesellschaftlichen Entwicklungen, die an der traditionellen Dominanz von Männern kratzen. Die anderen sehen zwar die gesellschaftlichen Entwicklungen positiv, wollen aber an ihren sprachlichen Gewohnheiten festhalten.

Wie könnte ein sprachlicher Kompromiss aussehen, der sowohl Anerkennung impliziert als auch die Skeptiker befriedigt?

Einen Kompromiss, der alle zufrieden stellt, kann ich mir nicht vorstellen, denn für viele Menschen ist jede Veränderung zu viel Veränderung. Frauen und andere Gruppen, die in der Sprache bisher nicht sichtbar waren, werden zunehmend in gesellschaftliche Positionen gelangen, in denen sie den öffentlichen Sprachgebrauch mitbestimmten können. Schon heute zeigt sich, dass junge Menschen der geschlechtergerechten Sprache gegenüber aufgeschlossener sind als alte, sodass die Skeptiker irgendwann in der Minderheit sein werden. Das heißt natürlich nicht, dass sich unbedingt eine der aktuell vorgeschlagenen Formen – etwa das Gendersternchen – durchsetzen wird. Denn welche der aktuellen oder zukünftigen Vorschläge am Ende erfolgreich sein werden, entscheidet sich nicht durch Verwaltungsvorschriften, sondern im Sprachgebrauch

Von RND/Imre Grimm

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