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Politik „Bauern brauchen eine bessere Risikoabsicherung“
Nachrichten Politik „Bauern brauchen eine bessere Risikoabsicherung“
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22:20 17.01.2018
Christian Schmidt, Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft. Quelle: dpa
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Immer häufiger haben Deutschlands Bauern mit Wetterextremen zu kämpfen, mit Trockenheit oder Starkregen. Ist das nur ein Vorgeschmack auf das, was der Klimawandel noch bringen wird?

Der Klimawandel wirkt sich schon jetzt heftig auf die Landwirtschaft aus. Niemand kann diese Entwicklung leugnen. Der Schutz gegen zunehmende Wetterextreme ist eine zentrale Zukunftsfrage für unsere Bauern.

Was tun?

Wir brauchen nicht nur widerstandsfähigere Pflanzensorten – deren Erforschung wir vorantreiben –, sondern auch eine bessere Risikoabsicherung für Frost oder Hochwasser. Mit Hagelversicherungen allein ist es nicht getan. Eine Möglichkeit wäre beispielsweise ein Fonds. Das ist ein Punkt, den wir auch auf EU-Ebene noch besprechen werden müssen. Ich habe außerdem eine Expertengruppe für Extremwetterlagen in meinem Haus eingesetzt.

Die Landwirtschaft ist nicht nur betroffen vom Klimawandel, sondern trägt auch dazu bei. Wo bleiben Maßnahmen zur Reduzierung der Emissionen?

Klar ist: Lebensmittel lassen sich nicht mit null Emissionen erzeugen. Klar ist aber auch: Der CO2-Ausstoß der Landwirtschaft muss gesenkt werden. Im Klimaschutzplan der Bundesregierung ist das Ziel formuliert, die Emissionen des Agrarsektors bis 2030 auf rund 60 Millionen Tonnen zu senken – aktuell sind wir bei etwa 70 Millionen. Eine Maßnahme dabei ist die Bodenbeschaffenheit. Wir brauchen dickere Humusschichten, die CO2 speichern und seinen Eintrag in die Atmosphäre verringern.

In Berlin beginnt jetzt die Grüne Woche. Ist die Landwirtschaft in Deutschland noch eine Branche, die wächst? Oder werden die Betriebe nur weniger und größer?

Unser Hauptaugenmerk muss künftig auf Agrarstrukturpolitik liegen. Wir brauchen die kleinen und mittleren Betriebe, um unsere Kulturlandschaft zu erhalten – sie müssen mehr in das Zentrum unserer Bemühungen gerückt werden. Bei den Direktzahlungen aus Europa muss künftig der in der Region verwurzelte Landwirt im Fokus stehen. Ich will eine gute Zukunft für die bäuerliche Landwirtschaft in Deutschland.

Gerade geht Aldi mit einem neuen Tierwohl-Label an den Start. In den Sondierungen haben Union und SPD ebenfalls eine entsprechende Kennzeichnung vereinbart. Wollen Sie die Verbraucher verwirren?

Mit meinem staatlichen Tierwohllabel schaffen wir eine verlässliche Kennzeichnung. Wenn jeder mit jeweils anderen Standards sein eigenes Label macht – wer soll da noch durchblicken? Im Übrigen: Wenn jede Lebensmittelkette ihre eigenen Standards hat, ist das aus der Sicht der Bauern schwierig für den Wettbewerb. Ein Tierhalter kann dann nur noch für einen Großabnehmer produzieren. Das sorgt zwar für höhere Preise, aber nicht für einen auskömmlichen Ertrag der Landwirte. Nur mit einem verlässlichen Label mit hoher Marktdurchdringung lohnen sich die Investitionen der Landwirte in mehr Tierwohl.

Wie soll das staatliche Label aussehen und wann wird es eingeführt?

Wir beginnen mit dem Schweinefleisch – dafür haben wir bereits die Kriterien festgelegt. Sobald die neue Regierung steht, können wir unmittelbar mit den notwendigen Rechtssetzungsmaßnahmen beginnen. Mein Ziel ist, dass wir in der zweiten Jahreshälfte so weit sind. Es wird ein mehrstufiges Label sein. Und es wird transparent: Jeder Verbraucher kann sich ein Bild machen, wie der Stall aussieht, wie viel Platz und Spielmaterial es für die Tiere gibt und was gefüttert wird.

Sind die Verbraucher bereit, für mehr Tierwohl mehr zu bezahlen?

Alle Umfragen, die wir haben, deuten darauf hin. Dass es die Bereitschaft gibt, bei garantierten Standards mehr zu zahlen, erleben wir im Biosektor. Ökomilch ist deutlich teurer als normale – trotzdem wird sie gekauft und hat ihren Marktanteil sogar ausgebaut. Tierwohl gibt es nicht zum Nulltarif. Wir werden die Bauern bei den notwendigen Investitionen in neue Ställe unterstützen, darauf haben wir uns auch in den Sondierungen verständigt.

Die Afrikanische Schweinepest rückt näher. Ist der Masterplan für den Tag X fertig?

Wir haben mit den Ländern im November eine Übung für den Fall des Ausbruchs durchgeführt, um bestmöglich vorbereitet zu sein. Jetzt geht es darum, mit allen Kräften einen Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest in Deutschland zu verhindern. Sollte es dennoch so weit kommen, müssen wir das Geschehen schnell eindämmen. Die Strukturen für einen Tierseuchenfall sind ständig einsatzbereit und können kurzfristig aktiviert werden.

Was ist jetzt das Gebot der Stunde?

In erster Linie müssen die Tierhalte ihre Schweine schützen: Stallhygiene, konsequente Reinigung von Transportfahrzeugen und Abschottung des Bestands gegenüber Wildschweinen sind die wirksamsten Maßnahmen. Die Afrikanische Schweinepest ist eine Tierseuche, die sowohl Wildschweine als auch Hausschweine befällt. Für den Menschen ist sie ungefährlich. Aber der Mensch kann den Erreger nach Deutschland bringen, etwa unter den Schuhen oder am Autoreifen. Auch ein weggeworfenes Wurstbrot, das vielleicht in Weißrussland geschmiert worden ist, kann für einen Ausbruch in Deutschland sorgen. Hygienemaßnahmen haben oberste Priorität.

Bringt es wirklich etwas, den Bestand an Wildschweinen zu reduzieren und dafür Prämien zu zahlen?

Ja, absolut. Wir haben in Deutschland zu viele Wildschweine. Je stärker wir den Bestand reduzieren, desto geringer die Wahrscheinlichkeit einer schnellen Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest. Um das Ziel zu erreichen, müssen auch die Schonzeiten für Wildschweine aufgehoben werden. Einige Länder zahlen beispielsweise Abschussprämien – auch das kann helfen.

Von Rasmus Buchsteiner/RND

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