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Politik Der Feind in meinem Weißen Haus
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09:09 06.03.2017
Das Verhältnis zwischen dem US-Präsidenten Donald Trump und den Medien ist angespannt. Quelle: AP
Washington

Es sind bizarre Momente. Sean Spicer tritt durch die Seitentür herein, eilt zum Rednerpult und legt mit seiner Schimpfkanonade los. Keine Begrüßung, keine Erklärung, einfach nur Attacken, die wie aus dem Nichts auf die Zuhörer einprasseln. „Zunächst wusste ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll“, sagt April Ryan. Die Radiojournalistin berichtet seit zwei Jahrzehnten aus dem Weißen Haus. Aber das, was sich hier seit Ende Januar abspielt, habe sie noch nicht erlebt: „Einfach unfassbar.“

Es war der Präsident persönlich, der den Journalisten in Washington den Krieg erklärt hat. Donald Trump ließ die verblüfften Kollegen wissen, dass es einen „war on media“ gebe. Der Präsident spricht nicht von einem Streit oder einer ernsthaften Auseinandersetzung. Nein, es muss schon eine Nummer größer sein. Die Journalisten seien Volksfeinde. Unehrliche Leute. Versager.

Für die Betroffenen sind das keine Worthülsen. So mancher der durchaus stolzen White-House-Korrespondenten fühlt sich persönlich beleidigt: „Seit 20 Jahren übe ich hier meine Pflicht aus. Meine Sendungen werden im ganzen Land gehört und respektiert. Und dann muss ich mich so beschimpfen lassen?“ Ryan, die auf afroamerikanische Themen spezialisiert ist, kann mit Blick auf die jüngsten Auseinandersetzungen nur den Kopf schütteln. Sie und ihre Kollegen wissen natürlich, dass dieses Theater nur Teil einer Show ist, um den Amtsinhaber als starken Mann erscheinen zu lassen.

In Kriegszeiten gerät alles durcheinander

Aber manchmal ist es eben nicht ganz leicht, die professionelle Distanz zum Geschehen zu wahren: „Wir sind keine Maschinen, wir sind Menschen“, sagt ein Kollege, dessen Schreibtisch unmittelbar neben dem Konferenzsaal steht. Es gehört zu den Besonderheiten im Weißen Haus, dass die Nähe zwischen Regierenden und den 250 hier offiziell registrierten professionellen Beobachtern eigentlich besonders ausgeprägt ist. Auf engstem Raum stehen zwei Dutzend Arbeitsplätze in den Fluren des Westflügels, an denen die Journalisten in aller Eile Meldungen absetzen können, bevor sie in ihre Büros zurückkehren. Journalisten, Techniker und Mitarbeiter des Pressestabs des Präsidenten begegnen sich dort von morgens bis abends – und in Krisenzeiten selbst in nächtlichen Stunden. Ein ständiges Kommen und Gehen, unzählige Gespräche am Computer, in der Teeküche und in den Büros der Presseabteilung. Eigentlich ist es selbstverständlich, dass man sich kennt, hin und wieder einen Kaffee zusammen trinkt und sich mit Vornamen anspricht. Aber in Kriegszeiten gerät eben alles durcheinander.

Es begann mit der allerersten Begegnung. Schon am Tag nach der Amtseinführung beschimpfte der Pressesprecher die Kollegen: „Lügenpack! Ihr seid allesamt ein Lügenpack.“ Die Zahl der Landsleute, die der Zeremonie am Kongress beigewohnt haben, sei viel zu niedrig angegeben worden. Trump zu Ehren seien eine Million Amerikaner in die Hauptstadt gereist. „Mehr als zu Obamas erster Amtseinführung, weit mehr!“, so Spicer.

„Was ist aus ihm geworden?“

Anhand von Luftaufnahmen und Statistiken der Nahverkehrsbehörden lässt sich einige Tage später zwar rekonstruieren, dass sich Spicer die Fakten nach Kräften zurechtbiegt. Von einer Entschuldigung ist der 45-Jährige aber weit entfernt. So mancher Kollege, der den Pressesprecher noch aus früheren Zeiten kennt, ist fassungslos: „Was ist aus ihm geworden?“, fragt ein Washingtoner Zeitungskollege. Früher, als Spicer noch Sprecher der Republikanischen Partei war, habe er einen ordentlichen Job gemacht. Aber heute?

Es ist ein Trost, dass es in diesen turbulenten Tagen so viel Zuspruch von Lesern und Zuhörern gibt. Die Abonnements der seriösen Zeitungen schießen in die Höhe, und so mancher Leser bedankt sich in ganz praktischer Form: „Kämpft weiter für Wahrheit, Gerechtigkeit und die amerikanische Lebensart“, steht auf der neuen Kaffeemaschine, die der Hollywoodstar Tom Hanks kürzlich den Hauptstadtjournalisten übergab. Der Spruch geht auf den Comic-Helden Superman zurück und erscheint zurzeit gar nicht so abwegig: Seit dem Regierungswechsel sehen sich die Medien vor sehr grundsätzliche Herausforderungen gestellt.

Im Wahlkampf genoss es Trump sichtlich, gemeinsam mit seinen Anhängern die unabhängigen Beobachter niederzubrüllen. Bei jeder Veranstaltung beleidigte der Geschäftsmann die Journalisten als Lügner und wiegelte die Menge zu Sprechchören gegen die Medien auf. Neuerdings dreht der Präsident die Eskalationsschraube sogar noch ein Stück weiter. Der Begriff „Volksfeinde“ zum Beispiel erinnert an Joseph Goebbels.

Die Stunde des Qualitätsjournalismus’ schlägt

Was aber bedeuten die Ausfälle und Beleidigungen des Staatsoberhauptes für die alltägliche Arbeit der Journalisten? So mancher versteht es eher als Ansporn. „Wir geben unser Bestes“, sagt Ryan. Wenn der „Commander in Chief“ schamlos die Realität verdreht, die freie Presse attackiert und die Autorität der Justiz untergräbt, komme es mehr denn je darauf an, die Aussagen zu überprüfen und genau zu beobachten. „Vielleicht liegt es an meiner langen Berufserfahrung. Vielleicht bin ich auch zu optimistisch. Aber ich bin fest überzeugt, dass wir auch dieses Chaos überstehen“, sagt Ryan, die von vielen Kollegen auf die Stimmung im Weißen Haus angesprochen wird.

Angesichts der, vorsichtig ausgedrückt, unorthodoxen Regierungsspitze schlage die Stunde des Qualitätsjournalismus. Wenn Trump „fake news“ oder „very fake news“ zischt, sollte die Antwort eben lauten: Fakten, Fakten, Fakten.

Doch ganz so einfach dürfte die Kontrolle nicht fallen, wenn sich die Regierung die kritischen Geister auf Distanz hält – so wie vor wenigen Tagen, als der Präsidentensprecher die Pressekonferenz kurzerhand in einen kleineren Raum verlegte und ausgerechnet Topmedien wie die „New York Times“ und CNN außen vor ließ. Ohnehin verwandeln sich die tagtäglichen Frage-Antwort-Runden mit dem Regierungsvertreter zunehmend in einen aggressiven Schlagabtausch. Höchst eigenwillig entscheidet Spicer, welchem Medium er wie viel Zeit einräumt. Vertreter der renommierten Nachrichtenagentur Associated Press oder der „New York Times“, die traditionell in der ersten Reihe des Konferenzraumes sitzen und die Frage-Runde eröffnen, werden neuerdings einfach übergangen.

Tom Hanks Kaffeemaschine kommt gerade recht

Der von einem blauen Stoffbezug eingefasste Presseraum, der sogenannte Briefing Room mit seinen 49 Sitzen, in dem stets eine US-Fahne neben dem Rednerpult steht, hat viel von seiner seriösen Aura eingebüßt, seitdem hier mehr gebrüllt als ernsthaft diskutiert wird. Und die wenigen Kollegen, die über einen Schreibtisch unmittelbar neben dem Konferenzsaal verfügen, beklagen die unzähligen Sticheleien in der alltäglichen Arbeit. Die Flure und Arbeitsbereiche im Weißen Haus, in denen sie sich frei bewegen dürfen, werden im Vergleich zur Vorgängerregierung deutlich eingeschränkt und die Zahl der Ansprechpartner reduziert. Ohnehin gestalte sich das Verhältnis zum Pressestab zurzeit überaus schwierig. Da kommt die neue Kaffeemaschine von Tom Hanks als Bestärkung in schwierigen Zeiten gerade recht.

Eine weitaus größere Herausforderung als Spicers aggressives Auftreten ist ohnehin die Kommunikationskultur des Amtsinhabers. Waren es die Korrespondenten von Obama gewohnt, dass er jedes Wort sorgsam wählte, poltert Trump streckenweise einfach drauflos: „Ich habe eine Katastrophe geerbt“, gehört zu seinen gängigen Äußerungen – wohlwissend, dass sich die Arbeitslosenzahlen und das Wirtschaftswachstum in den vergangenen Jahren spürbar verbessert haben. Maßlose Übertreibungen fließen ebenso in den alltäglichen Sprachgebrauch ein wie Schönredereien.

So haarsträubend der Umgang mit den Medien auch sein mag, weiß Trump letztlich sehr genau, um welches Publikum er sich bemühen muss: „Der Präsident verhält sich problematisch, aber keineswegs irrational“, sagt Peter Kleim. Noch mehr als unter früheren Präsidenten würde die Administration nach einem strikten Freund-Feind-Schema arbeiten. Die Regierung bediene Sender wie „Fox News“, „Breitbart“ oder stramm konservative Spartenkanäle demonstrativ freundlich, sagt der langjährige RTL- und n-tv-Korrespondent, der an den Konferenzen im Presseraum der Regierungszentrale fast täglich teilnimmt.

„Wir sollten gelassen bleiben“

„Trump arbeitet sehr zielgruppenorientiert“, so Kleim. Ob diese Strategie letztlich aufgehe, bleibe allerdings zweifelhaft: „Die massive Medienschelte erscheint mir wie ein durchsichtiges Manöver, um von wesentlichen Problemen abzulenken.“

Tatsächlich gehen die Kollegen der „New York Times“ und der „Washington Post“, die vom Präsidenten am häufigsten attackiert werden, in ihrer Berichterstattung kaum auf den Streit ein und konzentrieren sich auf ein ganz anderes Thema: die Kontakte des trumpschen Wahlkampfteams zu Russland. Wie es in Washington heißt, sollen US-Geheimdienstler die Gespräche abgehört, dokumentiert und in einem Dossier zusammengetragen haben. Nach den jüngsten Vorwürfen gegen Justizminister Jeff Sessions und gegen Schwiegersohn Jared Kushner stellt sich ihnen einmal mehr die Frage, ob der Kongress einen Sonderermittler einsetzt, um den Vorwürfen auf den Grund zu gehen.

Zur Wahrheit gehört aber auch, dass Trumps Ausfälle den Medien keinesfalls nur schaden: „Wir sollten gelassen bleiben und uns über die guten Nachrichten freuen“, sagt zum Beispiel Mark Landler von der „New York Times“. Seine Zeitung gewann im letzten Quartal 2016 knapp 300.000 Abonnenten hinzu – mehr als in den beiden Jahren zuvor. Die zusätzlichen Einnahmen will der Verlag nutzen, um sein Washingtoner Büro aufzustocken und die Nachforschungen zu verstärken. In jeder Krise steckt eben auch eine Chance.

Von RND/Stefan Koch

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