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13:49 10.01.2017
Kämpfte für Nationales und für Europäisches gleichzeitig: Roman Herzog Quelle: imago
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Berlin

Obwohl Roman Herzog nur fünf Jahre, zwischen 1994 und 1999, als Staatsoberhaupt im Amt war, ist er heute noch für ganz viele ein Begriff.

Verantwortlich dafür – sein Befund vom 26. April 1997: Angesichts von Lähmung, Stagnation im Land und einer unter ihrem Niveau bleibenden gesellschaftlichen und politischen Elite forderte der in der Wolle gefärbte Konservative seine Bundesrepublik zur Dauer-Revolution heraus. Selbstverständlich in demokratischen Maßen und Grenzen. „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen“, intonierte Herzog vor knapp 20 Jahren mit seiner ersten „Berliner Rede“.

Lust zum ungenierten Zigarrenkonsum

Ein paar Jahre später nahm der rot-grün regierende Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) den Herzog-Appell zum Anlass für seine „Agenda 2010“. Damit fand seinerzeit Gesetzeskraft, was den Freund des klaren Wortes und der volks-verständlichen Aussprache in seiner zweiten, der präsidialen, Karriere in eine Art Dauerwallung gebracht hat. Das Volk bewege sich nicht.

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Bei der Wahl zum Bundespräsidenten 1994 galt Roman Herzog als zweite Wahl. In fünf Jahren überzeugte der ehemalige Verfassungsrichter. Nun ist Roman Herzog gestorben.

Wenn er sich das politisch handelnde Spitzenpersonal ansehe, dann wisse er nicht „ob ich lachen oder weinen soll“, scherzte Herzog bittersüß. Er war auch dank seiner Lust zum ungenierten Zigarrenkonsum eine Mischung aus Gemütlichkeit, Direktheit und immerwährender Unruhe.

„Hier stinkt’s“

Eine Gesellschaft, ein Land, das sich nicht bewegt, sich nicht verändert, Althergebrachtes in Frage stellt ohne gleich alles über den Haufen zu werfen, habe keine Chance in der Welt der Moderne. Diese Erkenntnis brachte ein lebenserfahrener Herzog 1974 mit ins Schloss Bellevue. Einer seiner ersten Kommentare damals lautete, kess und frech: „Hier stinkt’s.“

Herzog meinte freilich nicht den Mief unter den Anzügen der Beamtenmannschaft, sondern schlicht und einfach den Gestank aus den vorsintflutlichen Installationsanlagen der präsidialen Hauptstadt-Bleibe.

Ihm, dem hoch gebildeten Intellektuellen, war das Weltliche nicht fremd. Dass Herzog, ein gelernter Verfassungsjurist und früherer Landesinnenminister von Baden-Württemberg ein paar Jahre nach der Wende überhaupt Präsident wurde, hat er der Fehlentscheidung des damaligen CDU-Chefs und Einheitskanzlers Helmut Kohl zu verdanken.

Bundespräsident aus der Not heraus

Der wollte seinerzeit mit Steffen Heitmann eigentlich einen strammen, scharfen DDR-geschulten Konservativen aus der Union zur protokollarischen Nummer eins befördern.

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Politiker verschiedener Parteien würdigen den verstorben Altbundespräsidenten Roman Herzog. „Wir werden ihn dankbar in Erinnerung behalten“, sagt Bundespräsident Joachim Gauck.

Heitmann, ein Landesminister aus Sachsen, erwies sich aber, kaum war er auf der Kandidatenbühne, als nicht vermittelbar für eine weltoffene Parteienlandschaft. Er präsentierte sich als überfordert, als zu konservativ und altbacken und auch als zu eigenbrötlerisch.

Aus der Not geboren kam damals der Präsident des Bundesverfassungsgerichtes, der hoch angesehene Jurist Herzog ins Gespräch. Der überlegte nicht lang. Er gab sich selbst einen Ruck, wurde ruckzuck Kandidat.

Juli 1994: Bundespräsident Roman Herzog (l) legt den Amtseid ab Quelle: dpa

Bis ins hohe Alter hinein blieb er sich und seine Theorie der unverkrampften Würde der Elite treu. Der Gedanke, Europa nicht als uniformes Konglomerat entstehen zu lassen, hat ihn bis zuletzt umgetrieben.

Herzog kämpfte für Nationales und für Europäisches gleichzeitig. Er, Deutschlands bekanntester Ruck-Redner aller Zeiten, hat die Republik „unverkrampft“ in die Moderne begleitet. Nebenbei moderierte er diverse Reformkommissionen, von der Gesundheitsfrage, über die EU-Grundrechte-Charta bis hin zur Aktivierung eines glaubwürdigen und vorbildhaften politischen Elitepersonals.

Eine Amtszeit reichte Roman Herzog, um bis heute für viele Modernisierer als Bezugsgröße zu gelten. Er starb im Alter von 82 Jahren nach langer schwerer Krankheit.

Berühmte Zitate von Roman Herzog

Roman Herzog war ein Mann mahnender und auch markiger Worte. Einige Zitate aus seinem politischen Leben:

  • ÜBER DEUTSCHLAND: „Durch Deutschland muss ein Ruck gehen. (...) Alle sind angesprochen, alle müssen Opfer bringen, alle müssen mitmachen.“ (Berliner Rede am 26. April 1997)
  • „Die ganze Gesellschaft leidet bei uns an eingeschlafenen Füßen, die allerdings bis ans Hirn führen.“ (Oktober 2004 bei der Verleihung des Leibniz-Rings in Hannover)
  • „Das Volk bewegt sich nicht.“ (15. April 2008 im Interview mit der „Bild“-Zeitung)
  • „Wir brauchen nicht alles Bewährte über Bord zu werfen. Aber Erneuerung tut Not, schon um das Bewährte für die Zukunft zu sichern.“ (April 1996, Rede über Stiftungsarbeit)
  • „Frei können wir nur gemeinsam sein. Freiheit funktioniert nicht, wenn der Einzelne immer nur Rechte für sich in Anspruch nimmt und immer mehr Verantwortung den anderen aufbürdet.“ (24. Mai 1999 in Berlin beim Staatsakt zum 50-jährigen Jubiläum der Bundesrepublik)
  • ÜBER POLITIK: „90 Prozent tragen Bedenken, 10 Prozent Verantwortung.“ (1994 beim Freundschaftsbesuch in Ungarn über Wissenschaftler und Politiker)
  • „Wir brauchen eine Außenpolitik ohne Zähnefletschen und Tschingdarassabum, aber auch ohne Verkrampfungen.“ (März 1995 in Bonn zu Auslandseinsätzen der Bundeswehr)
  • „Ich jedenfalls kann unser Steuersystem nicht mehr verstehen, obwohl ich mich zehn Jahre mit Steuern in Karlsruhe (als Bundesverfassungsrichter) befasst habe.“ (August 1994 im Interview mit der „Bild am Sonntag“)
  • ÜBER DAS BUNDESPRÄSIDENTENAMT: „Immer freuen sich alle, wenn man kommt. Das ist das Schöne am Amt des Bundespräsidenten: Man muss nie jemandem wehtun.“ (28. August 1997 bei einem Besuch in Rüsselsheim)
  • „Das Fragenstellen ist das schärfste Schwert, das der Bundespräsident hat. Denn Fragen kann man nicht verbieten.“ (11. Dezember 1996 in Hamburg vor Offizieren der Führungsakademie der Bundeswehr)
  • „Im Grunde war der Reichspräsident der Weimarer Republik ein vom Volk gewählter Kaiser. Dafür eigne ich mich nicht. Ich heiße auch nur Herzog.“ (Februar 1995 auf die Anregung eines Anrufers in einer Fragestunde, der Bundespräsident solle mehr Macht haben)
  • „Es müssen nicht alle die gleichen Dummheiten machen.“ (April 1997 über eine zweite Amtszeit)
  • „Das, was im Amt möglich ist, habe ich bis zur Grenze ausgeschöpft. Dabei ist mir die große Mehrheit der Bürger gefolgt.“ (Kurz vor Ende der Amtszeit 1999)
  • „Sie tun so, als wenn ich jetzt sterben müsste, aber ich freue mich auf die Zeit danach.“(22. Mai 1999 am Vortag der Wahl seines Nachfolgers Johannes Rau)

Von Dieter Wonka/RND

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