Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Politik Der Terror wird zum Alltag
Nachrichten Politik Der Terror wird zum Alltag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:50 23.03.2017
Fast schon daran gewöhnt: Michaela Schrader ist schon öfter mit Terror in Berührung gekommen. So dicht dran wie am Mittwoch in London war sie allerdings noch nie. Quelle: Privat
London

Vielleicht hat sie einfach schon zu viel erlebt. Zu oft ist ihr der Terror schon nahe gekommen, als dass er ihre Welt noch wirklich aus den Fugen heben könnte. Paris, Brüssel, Berlin, immer waren es für Michaela Schrader vertraute Orte, auf die der Terror zielte. Erst letzte Woche dann die Bombe in ihrem Büro in Paris. Und jetzt also London.

Ja, sagt sie jetzt, am Tag nach dem Anschlag von Westminster, auch sie habe geweint. Und zwar in jenem Moment, in dem sie dem Polizisten kondolierte, dessen Kollege kurz zuvor von dem Terroristen erstochen worden war, „da kamen uns beiden die Tränen“. Aber jetzt, kaum 24 Stunden später, sagt sie auch: „Das geht einem alles sehr nah, doch man darf sein Leben davon nicht bestimmen lassen.“ Und in diesem Moment sitzt sie schon wieder im Zug, zurück Richtung Paris.

Als die Briefbombe im Büro hochgeht, ist Michaela Schrader weit weg

Die Geschichte von Michaela Schrader aus Bilshausen, Landkreis Göttingen, von Beruf Kommunikationsreferentin im Pariser Büro des Internationalen Währungsfonds IWF, diese Geschichte handelt davon, wie sehr Terror und Bedrohung in Europa für die Menschen fast zum Alltag geworden sind – und wie sie dennoch oder gerade deshalb einen Weg gefunden haben, sich ihm innerlich entgegenzustellen.

Michaela Schrader war tatsächlich schon häufiger dicht dran. Eine unheimliche, aber in Europa vielleicht inzwischen gar nicht mehr so ungewöhnliche Reihe. Sie lebt in Paris, wo Attentäter im November 2015 mit Schüssen und Bomben 130 Menschen töteten. Erst in der vergangenen Woche explodierte in ihrem Büro eine Briefbombe – offenbar das Werk griechischer Extremisten, die mit dem Terror gegen die Sparauflagen für ihr Land angehen wollten. Schrader saß durch Zufall mit ihrer Chefin Christine Lagarde in Frankfurt in einem Auto, als die Bombe hochging. „Wir waren sehr betroffen und besorgt“, sagt sie.

An diesem Mittwoch nun ist sie bei einem Treffen mit Abgeordneten im Parlament in London, als sie von draußen Helikopter und Sirenen hört. Sie sieht die Blaulichter, greift ihr Smartphone und liest die Nachricht allen im Raum laut vor: Ein Anschlag auf der Westminster Bridge und auch auf dem Gelände des Parlaments, es gibt Verletzte, wahrscheinlich Tote und, in diesem Moment noch, große Verwirrung.

„Der Polizist war geschockt, aber zugleich sehr professionell“

Bewaffnete Spezialkräfte bringen sie und die Abgeordneten in einen Raum im unteren, zu einem Innenhof gelegenen Teil des Parlaments – wo sie auf BBC dann sehen, was wenige Meter von ihnen entfernt passiert: Polizisten, die das Gebiet absperren und nach möglichen weiteren Attentätern suchen, Krankenwagen, die die Verletzten in die Hospitäler bringen. „Ich fühlte mich sicher, wenn auch verunsichert“, sagt Michaela Schrader. Was kaum erstaunlich ist angesichts der Befürchtungen, die zunächst noch kursieren: ein koordinierter Anschlag mit mehreren Zielen.

Es ist der Jahrestag von Brüssel. Damals schlugen die Täter kurz hintereinander am Flughafen und an einer U-Bahn-Station zu.

An diesem Tag in London dauert es bis zum Abend, bis die Deutsche und die anderen bis dahin Eingesperrten hinübergeführt werden zur Westminster Abbey, in die Kirche. Auf dem Weg über die Brücke, an Flatterbändern und Blutflecken vorbei, spricht sie kurz mit dem Polizisten, dem Kollegen eines der Opfer. „Er war geschockt, aber zugleich sehr professionell“, sagt Schrader.

Das ist die Haltung, die man am Tag danach bei vielen Londonern beobachten kann. Eine Mischung aus innerer Anteilnahme und demonstrativer äußerer Gelassenheit. „Wir dürfen uns nicht beugen. Wir dürfen nicht zulassen, dass die Terroristen Erfolg haben und unseren Lebensstil zerstören oder Gemeinden spalten“, sagt der Londoner Bürgermeister Sadiq Khan schon am Morgen.

„Alle Terroristen werden höflich daran erinnert, dass wir uns nicht unterkriegen lassen“

Es sieht nicht so aus, als würden die Londoner dem Terror in diesem Sinne auch nur einen kleinen Erfolg zugestehen. Schon am Mittag wird die Westminster Bridge, der Tatort, wieder geöffnet. Die Straßen und U-Bahnen sind voll. In den Stationen stehen Schilder mit Sprüchen, die den Passanten Mut machen sollen. „Alle Terroristen werden höflich daran erinnert, dass das hier London ist und dass wir – egal was ihr uns auch antut – Tee trinken und uns nicht unterkriegen lassen werden“, steht auf einem davon, das im Internet kursiert. Es ist, wie sich herausstellt, eine geschickte Bearbeitung, eine Fälschung. Aber viele Londoner finden sie so gut, dass sie sie massenhaft weiterverbreiten.

Dabei bleibt an diesem Tag lange Zeit unklar, wer der Mann ist, der am Mittwoch drei Menschen tötete und 40 verletzte, bevor er selbst von der Polizei erschossen wurde. Erst am Nachmittag erklärt Scotland Yard, um wen es sich handelt: um Khalid Masood, ein 52-Jähriger, der in Kent geboren wurde und in den West Midlands gelebt haben soll, im Westen Englands. Dort liegt auch Birmingham – die Stadt, in der die Ermittler bei Durchsuchungen bereits am Morgen acht Menschen festgenommen hatten.

„Islamischer Staat“ bekennt sich zu dem Anschlag

In Birmingham hatte der mutmaßliche Täter auch den Wagen gemietet, den silberfarbenen Hyundai-Geländewagen, mit dem er später auf der Westminster Bridge in die Menschenmenge fuhr. Der Polizei war Masood wohlbekannt – wegen Überfällen, schwerer Körperverletzung, Waffenbesitz und anderer Delikte. Offenbar hat er eine lange kriminelle Karriere hinter sich.

Terrorismus oder auch nur der Verdacht darauf kamen in dieser Karriere bislang offenbar nicht vor. Wie sein Weg vom mehr oder weniger kleinen Kriminellen zum Terroristen verlief, darüber sagten die Ermittler nichts. Aber Masood muss ihn gegangen sein. Am Nachmittag hat sich die Terrororganisation „Islamischer Staat“ zu dem Anschlag bekannt. Einer ihrer „Soldaten“ habe die Operation ausgeführt, meldete das IS-Sprachrohr Amak. Der Angreifer sei Aufrufen gefolgt, Bewohner von Staaten der internationalen Koalition anzugreifen.

Wie eng die Verbindungen Masoods zum IS waren? Ob der Täter präzise Anleitungen erhielt? Ob es Unterstützer gab? All das blieb zunächst offen. Klar ist nur, dass die Strategie zu der Art passte, mit der islamistische Täter zuletzt auch in Nizza oder Berlin mordeten: „Das ist genau die Art von Anschlag, die der ,Islamische Staat’ fördert und anstiften will“, erklärt der Terrorismusforscher Peter Neumann vom Londoner King’s College.

Gruppe der Opfer von London ist international

In Nizza und Berlin verwendeten die Mörder Lastwagen. In London nahm Khalid Masood, wenn er es war, ein normaler Mittelklasse-Pkw. Aber sonst gibt es derzeit vieles, das den Ermittlern und Beobachtern nach diesem Anschlag bekannt vorkommt.

Auch über die Menschen, die der Täter auf der Westminster Bridge nach Augenzeugenberichten „regelrecht umgemäht“ hat, wird nun mehr und mehr bekannt. Zu ihnen zählt die 43-jährige Britin Aysha Frade, eine Lehrerin mit spanischen Wurzeln, die gerade ihre beiden Kinder, acht und elf Jahre alt, von der Schule abholen wollte, als sie von dem Auto erfasst wurde. Oder der US-amerikanische Tourist Kurt Cochran, der mit seiner Frau nach London gereist war, um den 25. Hochzeitstag zu feiern. Und dann ist da natürlich Keith Palmer, der 48-jährige Polizist, den der Täter niederstach, nachdem er das Auto abgestellt hatte.

Palmers Aufgabe war es, das Parlament zu beschützen. Er selbst war unbewaffnet. Er hatte keine Chance.

Zu den Menschen, die Masood verletzte, gehört auch eine Deutsche, wie das Auswärtige Amt bestätigte. Offenbar handelt es sich um eine Frau, die in Australien lebte und in London ihre Tochter besuchen wollte, um mit ihr auf Europareise zu gehen. Außerdem sind drei französische Schüler, zwei Rumänen, vier Südkoreaner, ein Pole, ein Ire, ein Chinese, ein Italiener und zwei Griechen unter den Verletzten. Sieben Verletzte schweben nach Behördenangaben noch in Lebensgefahr.

Die Welt reagiert und trauert mit London

Die Liste der Verletzten und ihrer Herkunft ist wie ein Symbol der Internationalität dieser Stadt – die islamistischen Attentätern mit ihrem Hass auf die westliche Offenheit schon einmal als Ziel diente: 2005, als vier Al-Kaida-Terroristen U-Bahnen und Busse in London sprengten und 52 Menschen töteten. Auch Khalid Masood wollte offenbar nicht nur England treffen, sondern auch den Rest der Welt.

Dieser Rest der Welt reagiert, indem er mit London trauert – in den für diese Anlässe schon geradezu zum Ritual gewordenen Formen. Das Brandenburger Tor sollte in den britischen Farben angestrahlt werden, der Eiffelturm dunkel bleiben. Aber Europa musste gestern auch wieder erkennen, dass der Terror weitergeht: In Antwerpen stoppte die belgische Polizei einen Mann, der ebenfalls versucht hatte, Passanten über den Haufen zu fahren. Der Terror, das sagt auch Michaela Schrader, ist im Hinterkopf stets präsent. In Stadien oder Kinos schaue sie jetzt immer nach den Notausgängen. „Ganz entziehen“, fügt sie noch hinzu, „kann man sich dem nicht.“

Von Thorsten Fuchs/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Nach der Wahl könnte ein AfD-Politiker den neuen Bundestag eröffnen und die erste Rede halten – es sei denn, vorher werden die Regeln geändert. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) hat dafür einen Vorschlag gemacht. Die SPD unterstützt ihn.

23.03.2017

Nach dem Terrorakt in London hat die Polizei Angaben zum Attentäter veröffentlicht. Demnach handelt es sich um einen 52-jährigen vorbestraften Briten namens Khalid Masood. Er war der Polizei bekannt – als Gewalttäter.

23.03.2017

Seit Wochen läuft eine Offensive, um Mossul aus der Gewalt der IS-Terrormiliz zu befreien. Der Westen der Stadt ist dicht bewohnt. Nun gibt es Berichte über eine verheerende Explosion.

23.03.2017