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11:04 15.09.2018
Jasons Vorons altes Haus wurde in der Finanzkrise zwangsversteigert – jetzt baut er sich im Wald ein neues. Quelle: Stefan Koch/RND
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Washington

Die Gedanken wandern nur noch selten zurück. An guten Tagen, wenn Jason Voron auf seiner Baustelle gut vorankommt, blickt er mit Stolz auf das Geschaffene. Auf das, was er sich wieder aufgebaut hat. Sein Haus, das langsam wächst, die hölzerne Terrasse, sein Stück Land. Wie es einmal war, damals, vor dem großen Knall am 15. September 2008, interessiert ihn dann nicht.

„Es ist ein langer Weg“, sagt Jason Voron. „Aber ich komme voran.“

Voron zählt zu den vielen Millionen Amerikanern, deren Leben bis heute von dem einen großen Ereignis, der Pleite der Lehman Brothers, geprägt ist. Der gut bezahlte Job, das eigene Haus in einer Siedlung mit See, das abgesicherte Leben, sogar die Ehe – alles ging damals, vor zehn Jahren, innerhalb weniger Wochen zu Bruch.

Der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen

Die Geschichte von Jason Voron ist eine sehr amerikanische Geschichte. Eine Geschichte vom Hinfallen, Aufstehen, Schütteln, Weitergehen. Eine Geschichte aber auch von der Zerstörungskraft des Maßlosen, des Unkontrollierten, der Gier. Dem Nährboden des Populismus.

Die Zeit damals hat ihn altern lassen. 52 ist Jason Voron erst, doch sein Gesicht wirkt müde, die Falten gehen tief, das spärliche Haar versteckt sich unter der Kappe. Und doch: Geblieben ist die Zuversicht. Der Wille, sich nicht unterkriegen zu lassen.

„Jeden Dollar stecke ich in das Haus“

Mit dem wenigen, was ihm blieb, kaufte der gelernte Bauarbeiter sich in den Appalachen ein abgelegenes Stück Wald inklusive Baugenehmigung. Zwei Stunden von Washington entfernt baut er sich seither inmitten der einsamen Bergwelt mit eigenen Händen ein neues Zuhause auf. In den ersten zwei Jahren hatte er nicht einmal fließend Wasser. Die einzige Hilfe, die die Gemeinde gewährte, war eine Überlandleitung für die Stromversorgung. „Jeden Dollar, den ich übrig habe, stecke ich in das Haus“, sagt Voron.

Sein einziger Gefährte ist Prince. Der kleine Hund wacht über das Haus, das noch immer einer Rohbaustelle gleicht, sobald sein Herrchen zur mager entlohnten Arbeit fährt.

Binnen weniger Monate in die Privatinsolvenz

Voron erzählt gern von jedem Bauabschnitt und lacht die Mühen seines Alltags weg. Nur wenn die Sprache auf die Banken und Autokonzerne kommt, kippt die Stimmung: „Die Großen wurden mit unzähligen Milliarden an Steuergeld gerettet. Wer aber rettet mich?“

Voron hatte in den Turbulenzen der Finanzkrise seinen Job bei einer Baufirma. Er war nur für kurze Zeit ohne Arbeit, aber das reichte für den finanziellen Zusammenbruch: Er konnte seine Zinsen und Kredite nicht mehr bedienen, in kürzester Zeit wurde das Familienhaus zwangsversteigert. Der Erlös jedoch reichte nicht, um seine Schulden zu bezahlen. „So rutschte ich innerhalb von wenigen Monaten in die Privatinsolvenz.“

Mancher Fondsmanager freute sich über einen Kurzurlaub

Zu allem Unglück ging dann auch sein langjähriger Arbeitgeber pleite. Damit verlor er die Pensionsansprüche – und das Vertrauen in eine Wirtschaftsordnung, die ihm bis dahin so selbstverständlich erschien.

An den Katastrophentag, den 15. September 2008, erinnert sich Jason Voron nur noch schemenhaft. Das Fernsehen übertrug Bilder von Bankern in Freizeitkleidung, die an diesem Tag ihre Büros an der Wall Street räumten und keineswegs so wirkten, als wären sie am Boden zerstört. Manche zeigten sich gegenüber den Reportern sicher, schon bald in den nächsten gut bezahlten Job zu wechseln. Mancher Fondsmanager freute sich sogar auf eine kleine Tour mit seinem Segelboot. Etwas Entspannung vor dem nächsten guten Job.

Ein Lehman-Mitarbeiter trägt 2008 seine Sachen aus der Bank. Quelle: imago

Panik an den Börsen

Die renommierte und 150 Jahre alte Investmentbank Lehman Brothers meldete an diesem Tag Insolvenz an. Viele vermeintliche Profis gingen fest davon aus, dass lediglich eine kleinere Immobilienblase geplatzt war. Keine große Sache. Auch Voron hatte an diesem Tag keine Ahnung davon, was das Beben an der Wall Street mit seinem Leben zu tun haben könnte.

Doch an den Börsen griff Panik um sich. Als bekannt wurde, wie leichtfertig Kredite vergeben, gebündelt und weiterverkauft worden waren, wuchs das Misstrauen unter den Bankern. Über Jahre hinweg hatten Ratingagenturen Wertpapiere mit Bestnoten versehen, hinter denen sich faule Immobilienkredite verbargen. Selbst milliardenschwere Investoren mussten sich die Frage stellen, was sie eigentlich im Bestand hatten.

Zahlreiche Warnungen

Innerhalb weniger Tage traten die Geldhäuser massiv auf die Bremse und gewährten sich gegenseitig kaum noch Kredite. Das Vertrauen war dahin, kein Investmentbanker traute mehr dem anderen. Letztlich brach die Kreditvergabe weitgehend ein – und die Rezession begann.

An Warnungen hatte es nicht gemangelt. Bereits im Vorjahr war die große amerikanische Investmentbank Bear Stearns ins Trudeln geraten. Wenige Wochen später kündigten Merrill Lynch und Morgan Stanley Milliardenverluste an – und der Hypothekenmarkt kriselte.

800 Milliarden Euro gegen die Kernschmelze des Finanzsystems

Selbst bei Lehman Brothers hatten sich die ersten Mahner zu Wort gemeldet, die auf das drohende Platzen der Immobilienblase hinwiesen, da unzählige Kunden Kredite erhalten hatten, die kaum über Eigenkapital verfügten. Nicht weniger bedrohlich hatte sich der Handel mit milliardenschweren Kreditpaketen entwickelt: Selbst die internen Abteilungen, die für das Risikomanagement zuständig waren, konnten das Geschäftsgebaren kaum noch überblicken.

Schockwellen rasten durch die Finanzwelt und krachten bald in den Alltag von Firmen und Privatleuten. Als sich der Abgrund auftat, einigten sich die größten Volkswirtschaften auf Hilfspakete, die in der Wirtschaftsgeschichte einmalig waren. Etwa 800 Milliarden Euro wandten die USA und die EU-Staaten auf, um eine Kernschmelze des Finanzsystems zu verhindern. Alles wurde dem Ziel untergeordnet, den globalisierten Wirtschaftskreislauf nicht kollabieren zu lassen. Wie nach einem Unfall, bei dem die Ärzte den Schwerverletzten mit einer Blutkonserve nach der anderen versorgen, pumpten die Zentralbanken die Milliarden ins Zahlungssystem. Im Zentrum der Bemühungen standen die international tätigen Bankhäuser, Versicherungshäuser und Autokonzerne.

Viele fanden neue Jobs – die viel schlechter bezahlt waren

Tatsächlich konnte der Absturz ins Bodenlose für die großen Akteure verhindert werden. Aus dem Blick gerieten aber die rasant steigenden Schuldenstände der Staatshaushalte – und die Schicksale unzähliger Privathaushalte. So wie der Handwerker Voron fand die Mehrzahl der Arbeitslosen in den USA zwar überraschend schnell wieder einen Job. Wenig beachtet wurde allerdings, dass diese Tätigkeiten teuer erkauft waren: Viele erhielten drastisch niedrigere Löhne. Vor allem aber walzte die Finanzkrise die vielfältige Landschaft der US-Altersversorgung platt: Menschen, die über 20, 30 oder 40 Jahre in ihre privat organisierte Rentenvorsorge eingezahlt hatten, standen plötzlich vor dem Nichts. Ein Behandlungsfehler mit gravierenden Folgen – die bis heute zu spüren sind.

In der sogenannten Tea-Party- und der Occupy-Bewegung fanden Menschen zueinander, die auch Jahre nach dem Crash schlechter dastehen als vor 2008. Nur: Die beiden Gruppen stehen sich unversöhnlich gegenüber. Und ziehen ganz unterschiedliche Lehren aus dem Zusammenbruch.

Trump verdankt seinen Aufstieg der Finanzkrise

Michael Werz, Politikwissenschaftler an der Washingtoner Denkfabrik Center for American Progress, sieht in diesen Verwerfungen die tieferen Ursachen für den Aufstieg populistischer Bewegungen in den USA: „Bei den Arbeitern gab es über zwei Jahrzehnte hinweg eine Stagnation bei den Löhnen. Dann setzten die Banken das Land unter Wasser und wurden mit Steuergeldern gerettet. Natürlich sorgt das für Frustration.“ Ohne die Finanzkrise von 2008, da ist sich Werz sicher, wäre Donald Trump niemals Präsident geworden.

Der britische Wirtschaftshistoriker Adam Tooze, einer der renommiertesten Experten der Finanzkrise, hat in dieser Woche sein Buch „Crashed“ über ihre Folgen veröffentlicht. Er ist sich sicher, dass das Schlimmste längst noch nicht überstanden ist – nicht nur in den USA. „Zehn Millionen amerikanische Familien haben ihre Häuser verloren. Schauen Sie sich Spanien, Italien oder Griechenland an, dort hat eine ganze Generation junger Europäer keinen Zugang zum Arbeitsmarkt. Das ist eine Entwicklung, die langfristige Folgen haben wird“, sagt der Professor der New Yorker Columbia Universität dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (ein ausführliches Interview lesen Sie hier).

Der Wirtschaftshistoriker Adam Tooze Quelle: Malene Korsgaard Lauritsen

Das eigentliche Problem: China

Robert Reich, der unter Bill Clinton als Arbeitsminister diente, befürchtet gar, dass der nächste Crash nicht mehr allzu lange auf sich warten lässt: „Das Ungleichgewicht in der Gesellschaft ist die eigentliche Ursache.“ Niedriglöhner, aber auch die Mittelklasse würden immer weiter zurückfallen. 40 Prozent der amerikanischen Familien hätten bereits Schwierigkeiten, das Geld für Essen, Wohnen und Gesundheitsversorgung aufzubringen. Viele kämen nur über die Runden, indem sie immer höhere Schulden aufnehmen. Wie eine Untersuchung der US-Notenbank Federal Reserve zeigt, hangeln sich 80 Prozent der Amerikaner gerade so von einem Gehaltsscheck zum nächsten. Sparen ist unmöglich, die Notgroschen sind längst aufgebraucht.

Wirtschaftshistoriker Tooze hält eine Wiederholung der Krise von 2008 für sehr unwahrscheinlich – andere Arten von Finanzwelt-Katastrophen seien dagegen durchaus realistisch. China sei dabei „das eigentliche Problem für die Weltwirtschaft“ – denn Chinas Wirtschaft ist mittlerweile sehr stark mit der des Westens verflochten. Wie eine künftige Krise in China gemeistert wird, das ist für Tooze „eine große Frage der Zukunft“.

Jason Voron setzt auf ein Rezept seines Großvaters

Jason Voron hat sich mit den Ursachen der früheren Krisen nicht intensiv auseinandergesetzt. Aber er hat sich geschworen: nie wieder Kredite! In seinem Streben nach Unabhängigkeit setzt er auf Rezepte seines Großvaters: Auf seinem Grundstück will er als Feierabendbauer eine kleine Viehzucht aufbauen. Der Anfang ist gemacht, mit einer kleinen Ziegenherde. „Vielleicht kann ich schon bald mehrere Tiere pro Jahr verkaufen.“ Ein Zusatzverdienst, den ihm keine Bank dieser Welt mehr nehmen soll.

Von Stefan Koch und Kristian Teetz

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