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Politik Die Frau, die aus der Kälte kam
Nachrichten Politik Die Frau, die aus der Kälte kam
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20:02 22.07.2018
Maria Butina ist eine Waffenliebhaberin – und verbreitet von sich selbst seit vielen Jahren immer wieder Fotos mit Schießgeräten aller Art im Internet. Quelle: VKontakte
Washington

Die Festnahme von Maria Butina schaffte es anfangs nicht in die weltweiten Nachrichten.

Die Augen der internationalen Beobachter waren auf den amerikanisch-russischen Gipfel in Helsinki gerichtet, als am 15. Juli FBI-Beamte eine Studentin der American University im Nordwesten Washingtons festnahmen, ihr Mobiltelefon beschlagnahmten, sie über ihr Recht zu schweigen unterrichteten und fragten, ob sie einen Anwalt verständigen wolle.

Der Vorwurf: Spionage für Russland.

Es war ein eigentümlicher Missklang in einem Moment, in dem die Präsidenten Donald Trump und Wladimir Putin sich gerade anschickten, ein neues, viel besseres Miteinander zu schaffen.

Das Distriktgericht legte eine Akte an: „United States gegen Butina, 18-cr-00218“. Seither hat sich juristisch wenig bewegt. Eine Haftprüfung wurde anberaumt, der Richter schickte Butina aber zurück in die Zelle: Zu schwer wiegt der Tatvorwurf, zu groß ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie fliehen würde, in ihre Heimat, nach Russland.

Eine rührige Studentin, die immer Zeit für Fragen in öffentlichen Pressekonferenzen (wie hier im Jahr 2013) oder für Auftritte bei rechten Lobby-Gruppen hat: Maria Butina. Quelle: AP

Inzwischen ist der Fall Gesprächsstoff Nummer eins – nicht nur in Washington, sondern auch zwischen Russland und den USA.

„Butina muss so schnell wie möglich freigelassen werden“, forderte Russlands Außenminister Sergej Lawrow. Moskau gab am Wochenende eine Erklärung heraus, wonach Lawrow mit seinem amerikanischen Amtskollegen Mike Pompeo telefoniert und klare Kante gezeigt habe: Die Festnahme sei „völlig inakzeptabel“, die Anschuldigungen gegen diese Frau seien „frei erfunden“.

Zugleich aber streuen amerikanische Geheimdienstleute, sie seien stolz, diesmal „einen ziemlich dicken Fisch“ gefangen zu haben. Erfunden? Die Ermittler winken ab. Monatelang habe man die Frau überwacht, rund um die Uhr sei sie abgehört worden, bis zuletzt das glasklare Bild einer Spionin entstanden sei, der Moskau offenbar aufgegeben hatte, ein sehr spezielles Milieu auszuleuchten: Amerikas rechte Szene.

Die große Frage: Wer sind die Hintermänner?

Butina, heißt es aus Ermittlerkreisen, müsse sich auf eine langjährige Haftstrafe einstellen. Alles andere sei unrealistisch. Kürzen könne sie ihren Aufenthalt hinter Gefängnismauern allenfalls durch Aussagen über Hintermänner.

Zu den Vorwürfen gehören folgende Punkte:

Butina soll für den Kreml in Washington interne Informationen über US-Offizielle und politische Organisationen gesammelt haben.

Als belastend stufen die Ermittler E-Mails und Twitter-Direktnachrichten ein, in denen Butina angewiesen wird, ihre Arbeit geheim zu halten.

Das FBI hat nach eigenen Angaben „zwei elektronische Geräte“ Butinas mit verdächtigen Inhalten beschlagnahmt.

Butina soll an einen russischen Beamten in der Nacht von Trumps Wahlsieg geschrieben haben, sie sei „bereit für weitere Befehle”.

In die USA eingereist war die junge Frau mit einem Studentenvisum. Sie belegte Politikkurse an der American University, deren Campus an ein Viertel mit vielen Botschaften angrenzt.

In aller Offenheit – eine neue Form des Versteckspiels

Butina und ihr Anwalt argumentieren jetzt, sie habe nie etwas Verbotenes getan. Vor allem aber habe sie aus ihrer Nähe zu rechten und russlandfreundlichen Kreisen nie einen Hehl gemacht – im Gegenteil. Auch mit ihren teils seltsamen Fotos, die sie immer wieder als Freundin von Waffen zeigen, ging sie nicht nur selbstbewusst, sondern sogar offensiv um. Auf dem Internetkanal „VKontakte“, der russischen Version von Facebook, wimmelt es von immer neuen Bildern mit Schießgeräten aller Art: Maria mit Maschinengewehr, Maria mit Pistole, immer ein bisschen nach der Art von James Bond.

Postings auf Facebook zeigen Butina bei der einflussreichen Waffenlobby NRA, bei Republikanern in South Dakota, bei diversen Partys auf den Dachterrassen der einschlägigen Clubs unweit der Regierungszentrale. Die vermeintlich komplett offene Selbstdarstellung ist nach Meinung einiger Fahnder nichts anderes als eine neue, besonders geschickte Form des Versteckspiels – mit den Methoden des 21. Jahrhunderts.

Wie es in der Anklageschrift heißt, betrieb Butina über drei Jahre hinweg ein aggressives Lobbying für die russische Regierung, ohne ihre Aktivitäten offiziell anzumelden – also Spionage. Ihr Auftrag: Einflussreiche Persönlichkeiten davon zu überzeugen, dass der Westen seine Sanktionen gegen Russland aufheben sollte.

Aber welches besondere Argument sollte Butina einfallen, einer 29-Jährigen ohne politische Erfahrung?

Das Recht auf Waffentragen: In Russland trat Maria Butina mit diesem Bild auf der Website der Waffenverfechter in Erscheinung.. Quelle: REX/Shutterstock

Butina soll Sex für einen Job angeboten haben, der ihr ein Arbeitsvisum verschafft hätte. Auch soll sie eine Beziehung mit einem doppelt so alten Politikexperten der Repu­blikaner eingegangen sein. Doch wer will auf die Schnelle beurteilen, ob der Kontakt nur der Informationsbeschaffung diente oder aus Zuneigung zustande kam? In Washington ist es nichts Ungewöhnliches, dass karriereorientierte Studenten die gestandenen Politikberater umschwärmen wie Motten das Licht.

Was genau Butina im Sinne Moskaus zu bewegen vermochte, lässt sich noch nicht abschließend sagen. Fest steht aber, dass sie die Erste war, die im Jahr 2015 den damaligen Wahlkämpfer Donald Trump bei einer Veranstaltung in Las Vegas vor laufenden Kameras nach seiner Russlandstrategie fragte. Trump hatte sie selbst aufgerufen.

Kannte Trump Maria Butani schon im Wahlkampf?

Es geschah in einem überfüllten Ballsaal in einem Hotel in der Glücksspielstadt. Nach einer Rede des Kandidaten waren Fragen zugelassen. Wie durch Zufall blieb Trumps sonst stets kreisender Blick bei der rothaarigen Russin stehen. „Yes, ma’am?” sagte Trump, eine Frage erwartend. Dann kam Maria zu Wort und erkundigte sich, wie es wohl unter seiner Führung weitergehen werde mit den amerikanisch-russischen Beziehungen.

Kannten sich die beiden schon vorher? Wenn ja, warum? Trump jedenfalls raspelte an diesem Tag eine Menge Süßholz: „Ich glaube, ich würde wunderbar zurechtkommen mit Präsident Putin.“

Wer ist wer? Das Magazin „Time“ ließ Putin und Trump auf dem jüngsten Cover zusammenfließen. Quelle: Time

Eine Frage zu stellen an einen Präsidentschaftskandidaten ist natürlich keine Straftat. Und doch fiel Maria, damals noch 26 Jahre alt, in den Augen mancher US-Geheimdienstleute schon damit irgendwie auf: Warum verfolgte eine in Washington eingeschriebene Studentin den Kandidaten Trump bis ins ferne Nevada? Und warum sandte Trump ausgerechnet auf Butinas Frage erstmals jene pro-russischen Vibrationen aus, die inzwischen die gesamten USA beschäftigen? Gab es da ein auf Medienwirkung ausgerichtetes Zusammenspiel?

Butina fand auch die US-Waffenlobby sehr anziehend. Als Waffenliebhaberin, die bereits in ihrer Jugend in Sibirien gern mit Gewehren posierte, sprach sie mit den Spitzenvertretern und reiste zum Jahrestreffen der „National Rifle Association“ nach Indianapolis. Hatte sie es nicht nötig, sich auf ihr Studium in Washington zu konzentrieren?

Zu Butinas Sponsoren in ihrer russischen Heimat zählt Alexander Torschin, Vizechef der russischen Zentralbank und ein Vertrauter Putins. Torschin soll Butina, seine frühere Assistentin, für den Einsatz in den USA empfohlen haben. Da der Banker auf der amerikanischen Sanktionsliste steht und ihm jegliche Geldgeschäfte im Ausland verboten sind, hatte das FBI ihn ohnehin auf dem Radar. Aufmerksam registriert hatte die US-Bundespolizei auch ein Treffen zwischen Torschin und Donald Trump junior, dem Sohn des heutigen US-Präsidenten.

Butina geriet auf ihren Erkundungstouren durch die rechtsgerichteten Teile der US-Gesellschaft auch zum „National Prayer Breakfast“. Zu dieser traditionsreichen Veranstaltung kommen alljährlich in Washington mehrere Tausend strenggläubige Christen zusammen. Die Washingtoner Gruppe, die das Happening unter dem Kreuz organisiert, steht in dem Ruf, Hintertüren in alle wichtigen Abteilungen der Regierung zu kennen, sogar bis hinein ins Allerheiligste der amerikanischen Politik, ins Oval Office.

„Okay ... Das wird speziell“: US-Geheimdienstchef Dan Coats wurde von der Einladung Putins ins Weiße Haus überrascht. Quelle: AP

Beim „National Prayer Breakfast“ fließen streng christliche und prorussische Stimmungen und Strömungen zusammen. So bezeichnete Bryan Fischer, Sprecher der „American Family Association“, den russischen Präsidenten Putin bereits vor fünf Jahren als eine „Persönlichkeit, die wie ein Löwe für das Christentum kämpft“. Sympathisch finden die Evangelikalen, dass Putin gegen Homosexualität vorgeht, dass er keine Einwanderung duldet und dass er insgesamt ein tolles Bild abgibt als „starker Mann“. Mike Pence, christlicher Fundamentalist und heutiger Vizepräsident der USA, sagte unmittelbar vor den letzten Wahlen: „Putin ist in seinem Land ein stärkerer Führer, als es Barack Obama in Amerika war.“

Die Profis in den amerikanischen Geheimdiensten schütteln sich angesichts von so viel Ehrerbietung. Die CIA registrierte sogar rund um den Helsinki-Gipfel neue Anstrengungen russischer Hacker, sensible amerikanische IT-Systeme zu knacken. US-Geheimdienstdirektor Dan Coats zeigte sich denn auch überrascht von der Ankündigung Trumps, Putin als nächstes ins Weiße Haus einzuladen. „Sagen Sie das noch mal“, sagte Coats bei einem Live-Interview in Aspen im US-Bundesstaat Colorado. „Okay ... Das wird speziell.“ Es folgte Gelächter im Publikum – das Coats zu genießen schien. Nicht nur der Fall Butina zeigt: Die Kluft zwischen dem US-Präsidenten und seinen geheimen Diensten geht tiefer denn je.

Von Stefan Koch

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