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Politik Die Gesellschaft betrügt sich selbst
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20:40 19.01.2017
Alle Augen sind im Untersuchungsausschuss auf Martin Winterkorn gerichtet. Quelle: dpa
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Berlin

Alle Augen richteten sich in Berlin auf Martin Winterkorn. Das ist kein Wunder, denn der einstige VW-Chef ist nicht nur zum Gesicht des Abgas-Skandals geworden, er bedient mit exorbitantem Gehalt und herrschaftlicher Attitüde auch sonst manches Klischee. Aber eigentlich ist das Thema im Abgas-Untersuchungsausschuss ein anderes. Es geht um den Unterschied zwischen Wunsch und Wirklichkeit, um den Selbstbetrug einer Gesellschaft, die gern an die Quadratur des Kreises glaubt.

Die sieht in der Autowelt so aus: Als klimabesorgte Gesellschaft fordern wir strikte Abgasgrenzen, nach denen eigentlich nur noch Kleinwagen gebaut werden könnten. Als Bürger wollen wir viele ordentlich bezahlte Arbeitsplätze in den Fabriken; deshalb sind deutsche Autos relativ teuer. Als Kunden zahlen wir mehr Geld nur für größere, schnellere Wagen – der durchschnittliche Neuwagen bewegt mit knapp 150 PS eineinhalb Tonnen. Und gemeinsam glauben wir gern jedem, der uns sagt, dass deutscher Erfindergeist alles zusammen möglich machen wird.

Also brüsten sich Umweltpolitiker mit ambitionierten Grenzwerten für Verbrauch und Schadstoffe, und Automanager tun so, als wären sie einzuhalten. Doch das geht bestenfalls mit dem Rechtsverständnis eines Winkeladvokaten. Es braucht nicht einmal stumpfen Betrug, wie ihn VW in den USA begangen hat. Man hat schlicht die passenden Lücken in den Abgasrichtlinien gelassen und Prüfstandsoptimierung der Autos zur Kunst erhoben – quer durch die Branche.

Nun soll alles besser werden. Nach den künftigen Regeln sind die Messwerte realistischer – und damit höher. Die vorgegebenen Grenzwerte und Flottenverbräuche werden also noch schwerer einzuhalten sein. Deshalb müssen unbedingt mehr abgasfreie Elektroautos verkauft werden. Doch die sind noch nicht wirklich alltagstauglich. Es ist schizophren: Um die Milliarden für die Entwicklung neuer Antriebe zu verdienen, müssen die Hersteller möglichst viele SUVs verkaufen – mit höherem Verbrauch, aber auch mit mehr Gewinn. Denn für die Zweitonner zahlen wir Kunden bereitwilliger als für kleine Sparmobile. Für das reine Gewissen darf es dann gern ein Plug-in-Hybrid sein, vielleicht die teuerste Form des Selbstbetrugs: Bei keinem anderen Antrieb klaffen Normverbrauch und Alltagswert weiter auseinander.

Wer sich also um die Luft in diesem Land sorgt, sollte erst mal in die eigene Garage schauen. All das ist keine Entschuldigung für den Etikettenschwindel der Autobauer. Es entlastet auch nicht die Aufsichtsbehörden, die sie einfach machen ließen. Aber sie sind nur Räder in einem Getriebe, zu dem auch jeder Autokäufer gehört. Wer jetzt meint, Winterkorn komme hier zu billig weg, mag sich trösten: Nichts ist für ihn schlimmer, als nur ein Rädchen im Getriebe zu sein.

Von RND/Stefan Winter

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