Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Politik Die Hysterie ist fehl am Platz
Nachrichten Politik Die Hysterie ist fehl am Platz
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
15:33 03.01.2017
Quelle: imago
Berlin

Manchmal reicht ein einziges Wort, um einen Erfolg in sein Gegenteil zu verkehren. Diese Erfahrung macht gerade die Kölner Polizei. Deren Beamte haben in der Silvesternacht vieles richtig gemacht. Anders als im Vorjahr gab es in Köln keine massenhaften Übergriffe gegen Frauen. Es gab keine organisierten Raubzüge. Und keine rechtsfreien Räume. Nach allem, was man weiß, ging die Silvesternacht 2016 weitgehend friedlich zu Ende. Das ist das Verdienst der 1700 Polizisten, die eine Sonderschicht schieben mussten, damit andere feiern konnten.

Dass nun trotzdem eine Debatte über die Verhältnismäßigkeit des Polizeieinsatzes geführt wird, liegt an jenem einzigen Wort: „Nafri“. Die Abkürzung stammt aus dem internen Sprachgebrauch der Sicherheitsbehörden und steht je nach Deutung für „Nordafrikaner“ oder für „nordafrikanischer Intensivtäter“. Da es sich um Umgangssprache handelt, gibt es keine rechtsverbindliche Definition. Über den Kurznachrichtendienst Twitter teilte die Polizei am Silvesterabend mit, dass mehrere Hundert „Nafris“ am Kölner Hauptbahnhof kontrolliert würden. Wer wollte, konnte die Nachricht auch in Englisch, Französisch oder Arabisch lesen.

Beamte haben erneute Kapitulation des Rechtsstaats verhindert

Normalerweise bekommen die Behörden viel Lob für ihre Kommunikation über soziale Medien. Im Kölner Fall aber hagelte es Proteste. Der Begriff „Nafri“ sei herabwürdigend, meinten Kritiker. Er werde von Neonazis verwendet. Er erinnere an das Schimpfwort „Neger“. Über die Stichhaltigkeit jedes einzelnen Vorwurfs ließe sich diskutieren. Über den Grundsatz, dass staatliche Organe in ihrer externen Kommunikation zweideutigen Begrifflichkeiten vermeiden sollten, hingegen nicht. Anders gesagt: Der Tweet war ein Fehler.

Das Vorgehen der Kölner Polizei aber war es deshalb noch lange nicht. Im Gegenteil. Vermutlich haben die Beamten eine erneute Kapitulation des Rechtsstaates verhindert. Nach Einschätzung der Behörden war die Lage am Silvesterabend in Köln ähnlich bedrohlich wie im Vorjahr. Wieder hatten sich Gruppen junger Männer auf den Weg in die Innenstadt gemacht. Wieder waren viele alkoholisiert. Wieder manche aggressiv. Und ja – wieder stammten viele aus Nordafrika.

Dass die Polizei in dieser Situation und bei dieser Vorgeschichte ebenjene Männer besonders gründlich überprüft, sollte eine Selbstverständlichkeit sein. Und es entspricht dem gesunden Menschenverstand. Daraus einen Rassismusvorwurf zu konstruieren ist absurd. Zumal die Betroffenen lediglich ihre Papiere vorzeigen mussten. Dass dabei Wartezeiten entstanden sind, ist angesichts der Masse an Menschen entschuldbar. Man stelle sich eine Sekunde lang vor, die Einsatzkräfte hätten nicht reagiert und es wäre zu erneuten Übergriffen gekommen. In einem solchen Fall wäre die Hysterie berechtigt. Im aktuellen Fall ist sie fehl am Platz.

Von RND/Andreas Niesmann

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Bundesinnenminister Thomas de Maizière hat angesichts der hohen Terrorgefahr in Deutschland deutlich mehr Kompetenzen für den Bund in der inneren Sicherheit gefordert. Darunter auch die Einrichtung von sogenannten „Bundesausreisezentren“.

02.01.2017

Als Reaktion auf die Terrorangriffe von Nizza und Berlin will der tschechische Innenminister Milan Chovanec das Recht auf Schusswaffenbesitz in der Verfassung verankern. Das könne zur Sicherheit im Land beitragen, so Chovanec.

02.01.2017

Überzogenes Vorgehen? Nach dem Kölner Polizeieinsatz in der Silvesternacht diskutieren auch Politiker in Schleswig-Holstein darüber, ob es gerechtfertigt gewesen ist, gezielt Nordafrikaner zu kontrollieren – und diese als „Nafris“ zu bezeichnen.

Christian Hiersemenzel 02.01.2017