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Politik Ein toter Journalist, jede Menge Indizien und ein Mordvorwurf
Nachrichten Politik Ein toter Journalist, jede Menge Indizien und ein Mordvorwurf
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15:32 23.10.2018
Wie genau Jamal Khashoggi zu Tode gekommen ist, ist noch nicht klar. Es ist lediglich bekannt, dass er in der saudi-arabischen Botschaft in Istanbul ums Leben kam. Quelle: AP
Istanbul

Fest steht: Der saudische Journalist Jamal Khashoggi ist tot. Fest steht auch: Er wurde im Istanbuler Generalkonsulat seines Landes getötet. Auch ansonsten kursieren viele angebliche Einzelheiten zu dem Fall. Doch was genau geschah in dem Gebäude? Diese Frage ist bislang noch nicht beantwortet worden. Auch der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan lieferte bei einer Rede trotz der Ankündigung, „ins Detail“ gehen zu wollen, keine bahnbrechend neuen Erkenntnisse. Die Türkei habe für den Mord an Khashoggi „starke Beweise in der Hand“, sagte er während einer Rede vor AKP-Abgeordneten.

Bis zur Rede Erdogans haben die türkischen Behörden offiziell kaum Angaben gemacht - dafür aber fast täglich lokale und internationale Medien scheibchenweise mit Informationen versorgt.

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So ist es Ankara gelungen, den Druck auf Saudi-Arabien zu erhöhen - und die internationale Stellung des islamisch-konservativen Königreichs zu erschüttern. Trotz vieler Informationen sind etliche Fragen in diesem Fall aber noch offen. Weil die meisten Details aus inoffiziellen Quellen stammen, lässt sich häufig nicht sagen, was tatsächlich stimmt. Eine Bestandsaufnahme der bisherigen Angaben.

Khashoggis Verschwinden

Am 2. Oktober betritt der Journalist gegen 13.30 Uhr Ortszeit (12.30 Uhr MESZ) das saudische Generalkonsulat im Istanbuler Stadtteil Levent. Er will Papiere für die geplante Hochzeit mit seiner türkischen Verlobten abholen. Die Frau wartet vor dem Gebäude über Stunden vergeblich darauf, dass der 59-Jährige wieder herauskommt.

Das „Killer-Kommando“

Erdogan bestätigt zuvor geleakte Informationen türkischer Medien, wonach Khashoggi von einem 15-köpfigen Spezialkommando getötet wurde. Darunter sei auch ein saudischer Geheimdienstmitarbeiter und ein Gerichtsmediziner gewesen. Am Tag vor Khashoggis Verschwinden sollen demnach schon mehrere Männer aus Saudi-Arabien angereist sein. Am Tag des Mordes dann zwei weitere Teams. Einige der Verdächtigen haben laut Erdogan „Nachforschungen“ im Belgrader Wald und im Bezirk Yalova außerhalb Istanbuls angestellt. Zu welchem Zweck ist unklar.

Bereits Mitte Oktober hatte die regierungsnahe Zeitung „Sabah“ unter der Überschrift „15-köpfiges Attentatsteam“ Fotos und Identitäten der Verdächtigen veröffentlicht, die offensichtlich von der Passkontrolle am Flughafen stammen.

Türkische Sicherheitskräfte durchsuchten im Zuge der Suche nach Spuren des vermutlich ermordeten saudischen Regierungskritikers Jamal Khashoggi eine Villa in der Nähe von Istanbul. 40 Polizisten seien am Dienstag zwei Stunden lang in dem dreistöckigen Haus in der Yalova-Provinz gewesen, berichtete die Zeitung „Hürriyet“. Demnach soll das Gebäude einem Mitglied des 15-köpfigen Spezialkommandos gehören. Lokalen Medien zufolge sei ein Kleinbus mit Mitgliedern des angeblichen Mörderteams am Tag von Khashoggis Verschwinden in der Gegend gesichtet worden, berichtete „Hürriyet“.

Die Tötung

Türkische Ermittler gehen nach Angaben lokaler Medien davon aus, dass Khashoggi brutal ermordet wurde. Die regierungsnahe Zeitung „Yeni Safak“ berichtete kürzlich unter Berufung auf Tonaufnahmen, das saudische Kommando habe seinem Opfer bei einem Verhör die Finger abgeschnitten und ihn enthauptet. Die „New York Times“ berichtete unter Berufung auf türkische Medienvertreter ebenfalls von einer Enthauptung. Demnach soll Khashoggi schon wenige Minuten nach Betreten des Konsulats getötet und zerstückelt worden sein.

Details über den Mord selbst erwähnt Erdogan bei seiner Rede nicht. Erdogan sagte, das 15-köpfige Spezialkommando habe sich im Konsulat vor Khashoggis Eintreffen versammelt und „die Harddisk vom Kamerasystem des Generalkonsulats entfernt“.

Wechselnde saudische Versionen

Nach dem Verschwinden Khashoggis wies das Land zunächst jegliche Verstrickung zurück. Der Journalist habe das Generalkonsulat wieder verlassen, Meldungen über seinen Tod seien erfunden. Nach massivem Druck räumte das Königshaus schließlich ein, dass der Journalist im Konsulat getötet wurde. Er sei bei einer Schlägerei ums Leben gekommen, erklärten Ermittler. Der Sender CNN zitierte hingegen eine Quelle mit engen Verbindungen zum Königshaus mit den Worten, Khashoggi sei erwürgt oder stranguliert worden.

Spuren bis ins Königshaus

In türkischen und amerikanischen Medien sind mehrere Hinweise aufgetaucht, dass Personen aus dem direkten Umfeld des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman in den Fall verwickelt sind. Im Fokus steht vor allem ein Mann, den die türkische Zeitung „Sabah“ als „Kopf“ des saudischen Kommandos bezeichnete. Bilder der „New York Times“ zeigen denselben Mann als Begleiter des Kronprinzen bei Auslandsreisen. Er stieg etwa in Madrid und Paris mit Mohammed aus dem Flugzeug.

Zu dem Spezialkommando soll auch ein Mann gehört haben, der in saudischen Medien in der Vergangenheit als hochrangiger saudischer Gerichtsmediziner auftauchte. Das regierungstreue Blatt „Al-Riyadh“ bezeichnete ihn 2012 als Forensiker mit Offiziersrang.

Der angebliche Doppelgänger

Der US-Sender CNN berichtete über ein Detail, das ebenfalls die saudische Version einer Tötung aus Versehen erschüttert. CNN strahlte Bilder türkischer Überwachungskameras aus, die zeigen sollen, wie ein Khashoggi ähnlich sehender Mann in dessen Kleidung das Generalkonsulat durch eine Hintertür verlässt. Damit habe die Tat verschleiert werden sollen. Erdogan bestätigte die Existenz des Doppelgängers und sagte, dieser sei nach der Tat ebenfalls ausgereist.

Die Leiche

Wo ist sie geblieben? Diese Frage warf auch Erdogan auf. Konkrete Hinweise scheinen die türkischen Behörden noch nicht zu haben - sie wurden zumindest bisher nicht veröffentlicht. Leichenteile sollen „Yeni Safak“ zufolge aus dem Konsulat gebracht worden sein, andere Teile würden im Keller der Residenz des Konsuls vermutet. Ein Freund Khashoggis sagte der dpa schon kurz nach dem Verschwinden des Journalisten: Die Polizei habe ihm gesagt, der Journalist sei getötet und „in kleine Stücke geschnitten“ worden. Der Sender „Sky News“ berichtet, es seien Leichenteile gefunden worden.

Die Ton- und Videoaufnahmen

Türkische Medien berufen sich vor allem auf zugespielte Tonaufnahmen. Außerdem sollen die türkischen Ermittler auch im Besitz von Videoaufnahmen sein, die den Mord an Khashoggi beweisen sollen. Eine offizielle Bestätigung gibt es dazu nicht, aus dem Präsidentenpalast heißt es, man habe dazu keine Informationen. Auch Erdogan selbst erwähnt die Aufnahmen nicht und lässt damit offen, ob sie existieren. Allerdings ist die Sache auch heikel. Sollten die Aufnahmen existieren, lässt das nur einen Schluss zu: Dass die Türkei das saudische Konsulat in irgendeiner Weise ausspioniert hat.

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Von RND/dpa/ngo

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