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Politik „Wir verstehen ja viele NS-Verbrechen bis heute nicht“
Nachrichten Politik „Wir verstehen ja viele NS-Verbrechen bis heute nicht“
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08:00 01.12.2018
Professor Thomas Weber lehrt an der Universität Aberdeen Geschichte und internationale Beziehungen. Quelle: Judy Laing Photography

Die deutsche Justiz gelangt aufgrund des Alters mutmaßlicher Täter ans Ende ihrer NS-Aufarbeitung. Was wird bei Rückblicken dominieren, die öffentliche Wahrnehmung rechtlicher Versäumnisse seit Kriegsende oder die Erkenntnisse aus Prozessen vor deutschen Gerichten?

Die Versäumnisse, also dass Verantwortliche oder Mittäter einfach so davon kamen, werden immer ein Thema bleiben. Es lohnt jedoch auch eine differenzierte Sichtweise. Zum Beispiel gab es in Deutschland auch eine Menge Prozesse ohne Verurteilungen. Für die deutsche Gesellschaft hatte es trotzdem eine große Bedeutung, dass es überhaupt zu Verfahren kam, weil viel zur Sprache kam. Ich glaube, unterm Strich hat man sich in Deutschland gründlicher mit der NS-Vergangenheit beschäftigt als andere Gesellschaften mit ihren dunklen Kapiteln.

Was hat die deutsche Gesellschaft davon, wenn ein 94-jähriger Rollstuhlfahrer vor Gericht sitzt, das Verfahren womöglich nicht überlebt, geschweige denn, dass er die Strafe antritt?

Mord verjährt nie. Außerdem will die deutsche Justiz zeigen, dass sie bei dem Thema hartnäckig ist und nicht wegsieht. Davon soll auch das Signal ausgehen, dass man lebenslang für solche Taten verfolgt und verurteilt werden kann. Allerdings empfinde ich die Beihilfe-Verfahren, angefangen bei John Demjanuk 2011, als problematisch. Bis dahin verfolgte die Justiz konkrete, individuelle Taten und Gerichte fällten entsprechende Urteile. Davon kann in den letzten Fällen nicht mehr die Rede sein. Inzwischen geht es mehr um die Signale. Das kann auch mit gegenteiligen Ergebnissen enden.

Wie meinen Sie das?

Demjanuk ist beispielsweise noch vor den Entscheidungen weiterer Instanzen über sein Urteil gestorben. Rechtlich gesehen starb er damit als Unschuldiger.

Reden statt urteilen

Im Fall des verurteilten „Buchhalters von Auschwitz“, Oskar Gröning, hat der Bundesgerichtshof letztlich aber das Urteil wegen Beihilfe zum Mord bestätigt.

Stimmt. Damit wuchs personell die Breite möglicher Verfahren bei Massenmorden in Konzentrations- und Vernichtungslagern der Nazis. Allerdings finde ich es hier und da fraglich, ob die richtigen Personen angeklagt werden, um konkrete NS-Massenmorde zu verurteilen. Ich denke da zum Beispiel an die Ermittlungen gegen eine Telefonistin im KZ Stutthof. Welche Signale sollen hier denn gesetzt werden?

Also Akten zu, weil wir ohnehin schon alles wissen?

Nein, und wir verstehen ja viele NS-Verbrechen bis heute nicht. Darum fürchte ich, dass diejenigen, die damals in welcher Funktion auch immer dabei gewesen waren, jetzt – kurz vor ihrem Lebensende - aus Angst vor Verfolgung ihre Lippen für immer verschließen. Gröning beispielsweise konnte ja auch deshalb angeklagt werden, weil er öffentlich über das redete, was er in Auschwitz gesehen hatte – um Holocaust-Leugnern etwas entgegenzusetzen. Darum halte ich es im Zweifel für wichtiger, diese hochbetagten Menschen zum Reden zu bringen. Für die Gesellschaft wäre es jedenfalls bedeutsam.

Wie könnte das aussehen?

Ich fand immer die Arbeit von Wahrheitskommissionen, etwa in Südafrika oder in Guatemala, faszinierend. Vor fünf oder sechs Jahren hätte man so etwas vielleicht auch noch für die Aufarbeitung von NS-Verbrechen versuchen können. Jetzt ist es zu spät, weil die in Frage kommenden Leute um die 95 sind. Ein Modell wäre aber: Wenn du redest und umfassend über die Zeit im KZ aussagst, dann sichern wir dir zu, auf juristische Verfolgung zu verzichten. Oder dann wirst du lediglich verpflichtet, zum Beispiel 30 Briefe israelischer Schulklassen zu beantworten. Es gibt Menschen, die sich das noch von der Seele reden wollen. Ich kann mir vorstellen, dass sich auf diesem Wege ungeklärte Fragen von Opfer-Angehörigen vielleicht schneller und detaillierter beantworten lassen.

Würde diese Art von Amnestie die gesellschaftliche Debatte über die Geschichte und ihre Lehren eher befördern als Prozesse gegen 94-Jährige?

Vorstellbar ist das, wenn man das richtige Forum findet, um im besten Fall eine unbedrängte Kommunikation zwischen Täter und Opfern oder ihren Angehörigen zu ermöglichen. Ich habe großen Respekt vor allen, die ermitteln und die NS-Vergangenheit juristisch aufarbeiten. Entscheidend ist dabei auch der Grad der Schuld mutmaßlicher Täter. Wenn ich jedoch zum Beispiel vergleiche, was in den vergangenen Jahren zu mehr Debatten geführt hat, – die Prozesse oder 2013 die Ausstrahlung des ZDF-Dreiteilers „Unsere Mütter, unsere Väter“ – dann kam es doch eher nach dem Fernsehfilm zu Diskussionen im öffentlichen, aber vor allem auch im familiären Bereich.

Von Thoralf Cleven/RND

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