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Politik Habeck und Baerbock, das grüne Traumpaar
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19:28 27.01.2018
Die neuen Bundesvorsitzenden Annalena Baerbock und Robert Habeck bei einer außerordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz von Bündnis 90/Die Grünen in Hannover Quelle: dpa
Hannover

Auf ihre Positionen und Prioritäten kommt Annalena Baerbock in ihrer Bewerbungsrede gleich noch zu sprechen. Zunächst aber will die Bundestagsabgeordnete aus Potsdam einmal etwas Grundsätzliches klarstellen. „Bei allem Respekt für Robert“, ruft Baerbock mit lauter, angerauter Stimme den rund 800 in Hannover versammelten Grünen-Delegierten zu. „Wir wählen hier nicht die neue Frau an Roberts Seite, sondern die neue Bundesvorsitzende.“

Habeck, immer nur Habeck – die viele öffentliche Aufmerksamkeit, die der schleswig-holsteinische Umweltminister in seinem Werben um den Parteivorsitz seit Wochen auf sich zieht, nervte so einige in der Partei. In einer langwierigen und turbulenten Abstimmung am Freitagabend musste sie für Habeck sogar ihre Satzung ändern, damit er Parteichef werden und gleichzeitig Landesminister bleiben kann. Bei all dem Habeck-Hype fiel es seinen zwei Mitbewerberinnen, Baerbock und der Fraktionschefin der Grünen im niedersächsischen Landtag, Anja Piel, nicht leicht, auf sich aufmerksam zu machen, ihre Bekanntheit zu vergrößern und vor allem: von sich zu überzeugen.

„Was für ein Auftritt“

Umso mehr Bedeutung maßen daher beide Frauen ihrer Parteitagsrede bei. Wochenlang bereiteten sie sich auf diese zehn Minuten am Samstagmittag vor. Für Baerbock zahlte es sich aus. Mit einem mitreißenden Plädoyer für mehr Klimaschutz, Armutsbekämpfung und den Familiennachzug Geflüchteter nahm sie die Delegierten für sich ein. Mit persönlichen Anekdoten gewann sie deren Sympathien. Etwa mit der Geschichte über jene Nacht, in der sie mit telefonischer Unterstützung der Urgrünen Claudia Roth Flüchtlingskinder aus der Türkei zu ihren Eltern nach Brandenburg kommen lassen konnte. Oder mit jener Pointe von der Ausladung vom Empfang eines Energiekonzerns, dem ihre Positionen zum Kohleausstieg doch zu radikal waren. Begeisterung im Saal, und als Habeck später dran ist, richtet er das Wort sogleich an Baerbock „Was für ein Auftritt. Vielleicht habe ich ja Glück und darf der Mann an deiner Seite sein.“

Er darf. Annalena Baerbock und Robert Habeck sind das neue Traumpaar der Grünen. Baerbock konnte sich mit 64,5 Prozent der abgegebenen Stimmen klar gegen ihre Mitbewerberin Piel durchsetzen. Die Niedersächsin hielt eine engagierte Rede für mehr soziale Gerechtigkeit, doch immer wieder brach ihre Stimme weg. Habeck, der ohne Gegenkandidaten antrat, wurde von 81,3 Prozent der rund 800 Delegierten gewählt. Damit werden die Grünen künftig von zwei Realpolitikern geführt.

Mit Pragmatismus an die Spitze

Habeck warb in seiner Bewerbungsrede für mehr Selbstbewusstsein und Optimismus unter Grünen. „Macht kommt von machen, nicht von wollen“, rief er den Funktionsträgern der Grünen zu. Mit einem starken Fokus auf Gerechtigkeitsthemen konnte Habeck auch einen Gutteil der Parteilinken von sich überzeugen. „Wir brauchen Umverteilung; eine härtere Besteuerung von Kapital und Vermögen.“ Der Pragmatiker Habeck schlug ungewohnt linke Töne an.

In der Vergangenheit nutzte Habeck Parteitagsauftritte stets dafür, sich als Macher zu präsentieren. Als Politiker, der aus seiner Ministertätigkeit den Alltag der Menschen mit all seinen Widersprüchen kennt. In Hannover jedoch gab Habeck den Denker. Ganz der Philosoph, der er ja auch ist. Über weite Strecken mutete seine Rede wie eine politiktheoretische Vorlesung an. „Linksliberale Politik heißt, nach den Strukturen der Probleme zu fragen“, dozierte er an einer Stelle. An einer anderen: „Liberalität ist eben nicht der Stolz darauf, dass man nicht dazugehört zur Gesellschaft.“ Und am Ende seiner Rede behauptete Habeck: „Am Anfang ist immer die Gegenwart. Es ist immer unsere Zeit. Machen wir sie zu unserer Zeit.“ Sollte da Ratlosigkeit aufgekommen sein, wurde sie in kräftigem Applaus erstickt.

Dass dann mehr als 80 Prozent der Delegierten für Habeck stimmten, dürfte auch das Verdienst eines mächtigen Fürsprechers gewesen sein. Es war der Linke Jürgen Trittin, der am Freitagabend den Parteitag auf Habeck-Kurs gebracht hatte. Als er für eine Übergangsfrist vom Wechsel zwischen Regierungs- und Parteiamt und somit für die Verwässerung des Grünen-Tabus der Ämterhäufung warb, rief Trittin in den Saal: „Wir müssen aufhören, so zu tun, als gebe es eine unbefleckte Tätigkeit in der Partei, und alles was Regierung ist, ist falsch oder kompromisslerisch.“ Der Habecksche Pragmatismus zeitigt schon Wirkung bei den Grünen.

Von Marina Kormbaki

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