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Politik Habeck: Markt versagt beim Tierwohl
Nachrichten Politik Habeck: Markt versagt beim Tierwohl
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00:51 19.11.2014
Von Heike Stüben
Landwirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) sprach mit den Kieler Nachrichten über Tierwohl und Tiergesundheit. Quelle: Thomas Eisenkrätzer
Kiel

Herr Habeck, was verstehen Sie unter Tierwohl?

 Das ist erst einmal die Debatte darüber, wie wir als Gesellschaft zu Mitgeschöpfen stehen, die wir halten, schlachten und essen. Es ist die Debatte um den Anspruch, dass es ihnen gut geht, dass sie nicht unnötig leiden. Das ist im Kern eine ethische Frage und eine, die die Grundsätze der Gesellschaft berührt.

 Jeder Bundesbürger verbraucht im Schnitt 90 Kilogramm Fleisch im Jahr, davon isst er 60 Kilogramm. Wie ist Ihr persönlicher Konsum?

 Seit einiger Zeit esse ich so gut wie kein Fleisch.

 In der landwirtschaftlichen Diskussion geht es um Leistung, Ausfälle, Nutzungsdauer. Gibt es zu viel Markt und zu wenig Ethik?

 Begriffe sagen ja auch immer etwas über die Werte, die dahinter stehen. Die Begriffe, die Sie nennen, reduzieren Lebewesen auf Rohstoffe. Die Milch- und Fleischwirtschaft nennt man etwa „Veredelung“. Als wäre Getreide nicht edel genug und müsste erst als Tierfutter und über die Tierhaltung zu Gulasch oder Käse werden. Daran stoße ich mich echt. Also ja: Der Markt spiegelt ethische Fragen nicht wider, er bezahlt Tierwohl nicht. Hier kann man tatsächlich vom Marktversagen sprechen.

 Landwirte betonen, dass sie im gesetzlichen Rahmen produzieren. Dass ein Schwein auf 0,75 Quadratmeter lebt, sei legal. Auch dass Ferkel in den ersten Lebenstagen ohne Betäubung kastriert, ihnen ohne Betäubung die Zähne gekürzt und die Schwänze kupiert werden. Was antworten Sie?

 Das Tierschutzgesetz sagt, dass es Eingriffe wie Schwänze kupieren bei Schweinen, Schnabelkürzen bei Hühnern und so weiter als Ausnahmen geben kann, wenn so größeres Leid vermieden wird. Tatsächlich ist aus der Ausnahme aber die Regel geworden. Das gilt allemal für das Töten männlicher Küken oder überzählig geborener Ferkel. Das wirkliche Problem ist, dass die Gesetze suggerieren, es sei alles geregelt, die Wirklichkeit dem aber nicht entspricht. Diese Wirklichkeit hat sich über 40, 50 Jahre aufgebaut, aus einer rein betriebswirtschaftlichen Sicht heraus. Und irgendwann haben alle geglaubt, das ist normal so und geht nicht anders.

 Sehen Sie da jetzt einen Wandel?

 Ja, in letzter Zeit wird das endlich mal in Frage gestellt. Übrigens auch in der Landwirtschaft – jedenfalls in der Schleswig-Holsteins. Die Bauern stellen sich der Diskussion. Viele, viele halten ihre Tiere ja, so gut es ihnen möglich ist bei den bestehenden Rahmenbedingungen. Und die Landwirte weisen zu Recht darauf hin, dass sie das machen, was der Markt verlangt und die Politik ihnen vorgibt.

 Wie wollen Sie das ändern?

 Ich habe gleich zu Beginn meiner Amtszeit einen Runden Tisch Tierschutz einberufen, der systematisch alle Themen aufarbeitet und Lösungen skizziert. Beim Schlachten trächtiger Kühe, beim Verzicht aufs Schwänzekürzen bei Schweinen sind die auch schon auf den Weg gebracht. Ich möchte als nächstes eine Antwort für die betäubungslose Kastration männlicher Ferkel finden.

 Wie kann die aussehen?

 Ich kann mir vorstellen, in einer Probephase Alternativen und Betäubungen zu unterstützen, um Erfahrungen zu sammeln. Das betäubungslose Kastrieren von Ferkeln ist ja nur noch bis Ende 2018 erlaubt – dann ist es auch allerhöchste Zeit, diese Praxis zu beenden.

 Landwirte verweisen auf den Preisdruck von den Supermarktketten. Die sagen, der Verbraucher will billiges Fleisch. Welche Rolle haben die Verbraucher?

 Erstmal ist der Hinweis richtig und ich teile das ausdrücklich. Die Gewinnmargen für das Kilo Schweinefleisch liegen bei 20 Cent. Derzeit machen die Bauern mit jedem gemästeten Schwein Minus, verdienen im Schnitt pro Jahr mit einem ausgewachsenen Schwein zehn Euro. Wir hätten vermutlich gar keine Tierschutzdebatte, wenn die Schweine alle mit deutlich mehr Platz gehalten würden, Stroh hätten und frische Luft. Aber für zehn Euro Gewinn pro Schwein geht das nicht. Alle Untersuchungen sagen, dass die Verbraucher sehr wohl bereit sind, mehr Geld zu bezahlen, wenn sie wissen wofür. Das Problem ist, dass man als durchschnittlicher Verbraucher gar nicht weiß, was normale landwirtschaftliche Produktion heute ist. Wir haben 1,6 Millionen Schweine in Schleswig-Holstein – man sieht sie aber nicht.

 Wie bekommt man trotzdem mehr Tierschutz hin?

 Wir müssen einen Mechanismus finden, der dem Marktversagen beim Tierschutz entgegenwirkt, sonst lassen wir die Bauern im Regen stehen. Man könnte die EU-Gelder an die Tierschutzleistungen der Bauern koppeln – so wie das beim Greening für Umweltleistungen schon gemacht wird. Also öffentliches Geld für öffentliche Leistungen – ein „Greening für Tiere“. Damit würde anerkannt, dass Leistungen für das Wohlergeben von Hühnern, Kühen und Schweinen, kurz von Lebewesen, einen gesellschaftlichen Wert haben.

 Wann wäre das umsetzbar?

 Nicht von heute auf morgen – die EU-Förderperioden dauern sieben Jahre, und die neue hat gerade begonnen. Aber ich würde das gern ins Auge fassen und gut vorbereiten.

Heute öffentliche Debatte an der FH

Ist das Wohlbefinden von Nutztieren ein Wert an sich? Welchen Stellenwert soll das Tierwohl in Schleswig-Holstein haben? Das Landwirtschaftsministerium lädt zur öffentlichen Debatte mit Landwirten, Verbrauchern, Verbänden, Lebensmittelhandel und Verarbeitern ein. Voraus gehen Fachvorträge von Experten der Hochschulen in Kiel, Göttingen und Hannover. Beginn ist am Montag um 18 Uhr im Audimax der Fachhochschule Kiel, Sokratesplatz 3. Der Eintritt ist kostenlos, um Anmeldung wird gebeten unter der Telefonnummer (04347) 704 780 oder per Email: anmeldung@bnur.landsh.de.

 

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