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Politik DDR-Missbrauchsopfer: „Missbrauch war die Regel, übergriffiges Verhalten normal“
Nachrichten Politik DDR-Missbrauchsopfer: „Missbrauch war die Regel, übergriffiges Verhalten normal“
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17:25 06.03.2019
Der Missbrauch von Kindern in der DDR ist nur unzureichend aufgearbeitet. Quelle: Nicolas Armer/dpa
Berlin

 Sie nennt sich Überlebende. „Und die anderen auch alle“, sagt Corinna Thalheim. Die 52-Jährige ist mit 16 wegen Schulbummelei und falscher Freunde in den DDR-Jugendwerkhof Wittenberg eingewiesen worden, musste für ein Vierteljahr auch in die berüchtigte Anstalt in Torgau. In diesen Einrichtungen sollten Minderjährige umerzogen werden, weil sie nicht dem Ideal des sozialistischen Menschen entsprachen. Thalheim wurde dort brutal drangsaliert und missbraucht. „Wir haben vom Schicksal lebenslänglich bekommen“, meint sie.

Thalheim findet sich jedoch nicht damit ab. Sie ist Chefin der Betroffeneninitiative „Missbrauch in DDR-Heimen“ und kämpft für die Rechte ihrer Leidensgefährten im Betroffenenrat des Unabhängigen Beauftragten für Fragen des sexuellen Missbrauchs.

Bis heute fehlen Therapieangebote

Für Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs in der DDR fehlen 30 Jahre nach dem Fall der Mauer bedarfsgerechte Therapieangebote, lückenlose Angebote für Hilfeleistungen aus Entschädigungsfonds und einfache Zugänge zu ihren Fall-Akten. Damit wirkt die Tabuisierung der Delikte und die Kriminalisierung der Betroffenen in staatlichen Institutionen wie Jugendwerkhöfen bis heute fort.

Auch die sexuelle Gewalt in DDR-Familien ist bis heute kaum aufgearbeitet. Das sind Ergebnisse einer Fallstudie zum sexuellen Kindesmissbrauch in Institutionen und Familien in der DDR, die Mittwoch in Berlin vorgestellt wurde.

Corinna Thalheim engagiert sich für Betroffene des Kindesmissbrauchs in DDR-Heimen. Quelle: Sean Gallup/Getty Images

Der Untersuchung der Psychologin Beate Mitzscherlich von der Westsächsischen Hochschule Zwickau und der Sozialpädagogin Cornelia Wustmann von der Technischen Universität Dresden basieren auf rund 145 Anhörungen und Berichten von Betroffenen vor der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Beide in der DDR aufgewachsene Professorinnen gaben zu Protokoll, dass sie das Ausmaß der in Heimen herrschenden Brutalität und der Vertuschung durch staatliche Behörden selbst nicht für möglich gehalten hätten.

Christine Bergmann, frühere Bundesministerin und Mitglied der Kommission, berichtete von „erschütternden Berichten“ in den vertraulichen Anhörungen. Allein diese Möglichkeit, sich erstmals zu öffnen, hätte vielen betroffenen Frauen und Männern Anerkennung und zum Teil auch die „Rückgabe eines Stücks ihrer Würde“ bedeutet, so Bergmann.

Torgau war das Herz der Finsternis

Die Zwickauer Expertin Mitzscherlich bezeichnete vor allem den Jugendwerkhof Torgau als „Herz der Finsternis“, vergleichbar mit dem Fall der Anstalt Waldheim für die Psychiatrie. „Missbrauch war die Regel, übergriffiges Verhalten normal.“ Als Beispiele nannte die Psychologin sogenannte Sauberkeitskontrollen oder das Duschen von Mädchen unter den Augen männlicher Erzieher. Wer sich dagegen auflehnte, wurde als Lügner bezeichnet – und bestraft.

Mitzscherlich kritisiert, dass diese Fälle, deren genaue Zahl bislang völlig unbekannt ist, im Zuge der deutschen Einheit „als eine Art Kollateralschaden“ behandelt worden wären. Das hängt damit zusammen, dass es für die verantwortliche Abteilung Volksbildung der DDR – unter Leitung von Margot Honecker – nach der Wende keine rechtlichen Nachfolger mehr gab. Politisch ist das gut, für die Opfer des institutionellen Missbrauchs in der DDR erweist sich das als fatal. „Die sind alle durchs Raster gefallen“, stellt Christine Bergmann fest.

Vorstellung der Fallstudie durch Christine Bergmann (v.l.n.r.), Corinna Thalheim, Beate Mitzscherlich und Cornelia Wustmann. Quelle: Sean Gallup/Getty Images

Die Opfer in Familien hatten vor allem damit zu tun, dass es die Delikte offiziell gar nicht gab, sagte die Sozialpädagogin Wustmann. „Was nicht sein durfte, gab es eben nicht.“ Bei Abweichungen vom sozialistischen Familienbild wären vor allem missbrauchte Kinder und Jugendliche – etwa durch Heimeinweisung – bestraft worden, sagt sie. „Sie erlebten die Familie als Ort der sozialen Kälte. Der Mangel an Zuwendung wurde dann in Heimen noch verstärkt.“ Wustmann findet es unfassbar, dass die Vertuschung von Übergriffen in Familien in einem Staat funktionieren konnte, der seinem Bürger eigentlich bis in die Betten folgte. Das heißt, er sah bewusst weg.

Die Folgen, schlussfolgern die Wissenschaftlerinnen, sind dramatisch. Viele Opfer hätten bis heute wirkende, schwierige soziale Biografien, ihnen fehlt der Zugang zu Therapien ihrer Multi-Traumas und das Vertrauen in Behörden, sie leiden unter der strafrechtlichen Folgenlosigkeit für ihre Peiniger durch die schwierige Aktenlage und sie vermissen die Anerkennung ihres Leids. „Verdrängung“, sagt Cornelia Wustmann, „ist ihre Überlebensstrategie.“

„Einmal Heimkind, immer Heimkind“

Corinna Thalheim, die Überlebende, stellt klar: „Das war organisierte Gewalt, und wir gelten heute noch als die eigentlichen Verbrecher. Irgendwas muss ja mit denen gewesen sein, vermuten viele. Einmal Heimkind, immer Heimkind.“ Sie fordert, Verjährungsfristen für die Taten aufzuheben und den Opfern auch finanziell die Möglichkeit für Langzeittherapien zu geben.

Die Betroffenen können derzeit keine Leistungen aus dem Opferentschädigungsgesetz (OEG) beziehen, das bislang nur für Missbrauchsfälle nach 1990 gilt. Für das sogenannte Ergänzende Hilfesystem (EHS) und den Heimkinderfonds sind die Antragsfristen abgelaufen. „Die Bundesrepublik“, appelliert Corinna Thalheim, „muss sich den DDR-Heimkindern annehmen.“

Hier finden Sie die Studie zum Download

Von Thoralf Cleven/RND

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