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Martin Schulz bei Anne Will und keiner hört mehr zu

TV-Kritik Martin Schulz bei Anne Will und keiner hört mehr zu

Nach dem SPD-Parteitag in Bonn bemühte sich Martin Schulz in der Talkshow „Anne Will“ um Standfestigkeit. Doch die Sendung zeigt, wie sehr das knappe Ergebnis für die Aufnahme von GroKo-Verhandlungen am Nervenkostüm und an der Autorität des Parteichefs gezerrt haben.

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Peter Altmaier (CDU), Martin Schulz (SPD), Christian Lindner (FDP) und Christiane Hoffmann (Stellvertretende Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros) bei Moderatorin Anne Will

Quelle: dpa

Berlin. Zum Schluss musste man fast Mitleid haben mit Martin Schulz. Es war der Moment, in dem der SPD-Chef nur noch wegwollte. Weg von den Niederungen der Partei. Weg von diesen bohrenden Fragen. Weg von seiner eigenen Verzwergung. Zurück zu alter Größe. Zurück nach Europa. „Ich habe heute mit dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron telefoniert“, rief er in die Talk-Runde. Doch da hörte ihm kaum noch jemand zu.

Vorausgegangen war eine denkwürdige Stunde voller Demütigungen und Widersprüche für den Vorsitzenden der Sozialdemokraten. Wenn es noch eines Beweises bedurft hätte, wie sehr der Parteitag von Bonn mit dem knappen Ergebnis für die Aufnahme von GroKo-Verhandlungen am Nervenkostüm und an der Autorität von Martin Schulz gezerrt hatte: Die erste Talk-Show von Anne Will nach der Winterpause lieferte ihn.

„Jetzt wird verhandelt“

Zu Beginn mühte sich Schulz noch um Standfestigkeit. „Ich glaube schon, dass ich gestärkt aus dem Parteitag hervorgegangen bin“, sagte er nur wenige Stunden, nachdem ihm SPD-Fraktionschefin Andrea Nahles mit einer fulminanten Rede gerade noch so die Mehrheit gerettet hatte. Die Partei sei zwar in zwei fast gleich große Lager geteilt. Es werde auch noch viel Arbeit auf ihn zukommen, um die SPD zusammenzuhalten. Doch mögliche Zweifel suchte Schulz mit dem Hinweis zu zerstreuen, die Gespräche mit der Union gingen nun erst so richtig los. „Jetzt wird verhandelt“, sagte er trotzig. Es sei „nicht akzeptabel“ und „überhaupt nicht einsehbar“, dass sich CDU und CSU bislang einer Abschaffung der sachgrundlosen Befristung, einer Bürgerversicherung und einer Härtefall-Klausel beim Familiennachzug in den Weg gestellt hätten.

Während Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) ein wenig nervös in seinem Sessel auf und ab wippte, ließ Anne Will den Scheinriesen Schulz schnell wieder auf Normalgröße schrumpfen: „Und wenn Sie das nicht durchbekommen, lassen Sie die GroKo dann platzen? Woher nehmen Sie jetzt plötzlich die Überzeugung, dass Sie nicht wieder verzwergt werden?“ Schulz sei keinesfalls gestärkt. Um politisch überleben zu können, habe er seiner Partei Versprechungen machen müssen, die Altmaier jetzt einhalten solle.

Spätestens jetzt geriet Schulz vollends ins Schwimmen. Die SPD habe sich diese Situation nicht ausgesucht. Erst das Jamaika-Aus und das Drängen des Bundespräsidenten habe seine Partei notgedrungen vom Oppositionskurs zurück an den Verhandlungstisch getrieben.

Mitleid seitens der CDU

Für Christiane Hoffmann, stellvertretende Leiterin des „Spiegel“-Hauptstadtbüros, war dies das Startsignal, den Finger noch tiefer in die offenen Wunden des angezählten Parteichefs zu legen. Das Erschütternde an der Parteitagsrede von Schulz sei, dass ihm kaum noch jemand gefolgt sei. Ihm habe der Mut gefehlt. Nun bekam sogar Altmaier Mitleid: Man werde sich während der Koalitionsverhandlungen die Wünsche der SPD wenigstens noch einmal ansehen, sagte er.

Schulz wurde immer kleinlauter. „Ich gebe Ihnen recht. Ich habe nicht viel bewegt mit meiner Rede. Viele Genossinnen und Genossen hatten sich zu diesem Zeitpunkt bereits festgelegt“, sagte er. Und dann sehr nachdenklich: „Es muss sich etwas ändern.“ Parteistrategen im Willy-Brand-Haus werden beschämt nach der Fernbedienung gegriffen haben, um das Trauerspiel ihres Chefs nicht mehr mit ansehen zu müssen.

Überholte Koalition

Christiane Hoffmann nutzte die allgemeine Verunsicherung des angeschlagenen SPD-Vorsitzenden, um einer möglichen dritten Großen Koalition unter Angela Merkel ihr Misstrauen auszusprechen. Europa erlebe eine Zeit des unglaublichen Umbruchs. Demokratien brächen auseinander. „Ich habe das starke Gefühl, dass diese Koalition sehr anachronistisch ist. Ich fühle mich manchmal an die späte Sowjetzeit erinnert.“ Eine Jamaika-Koalition hätte dagegen einen Neuanfang markiert.

Es verwundert kaum, dass FDP-Chef Christian Lindner dieser Auffassung vehement widersprach. Überhaupt: Christian Lindner. „Haben Sie heute von Schulz und der SPD gelernt, wie man sich quält?“, wollte Anne Will von ihm wissen. Lindner nutzte auch diese Frage, um erneut den Ausstieg seiner Partei aus den Jamaika-Sondierungen zu rechtfertigen. Zum Schluss sprach er Schulz noch ein vergiftetes Kompliment aus: „Ich habe Respekt vor der Entscheidung der SPD. Was mich beeindruckt hat, ist die Debattenkultur.“

Den Satz des Abends lieferte aber Peter Altmaier: „Wie stark eine Partei aus einer Großen Koalition herausgeht, hängt von den Persönlichkeiten ab.“ Nimmt man Altmaier beim Wort, verheißt das für die SPD unter ihrem aktuellen Führungspersonal nichts Gutes.

Von Jörg Köpke/RND

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