Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Politik Per WhatsApp in den Dschihad
Nachrichten Politik Per WhatsApp in den Dschihad
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:07 23.07.2017
Der Bielefelder Sozialpsychologe Andreas Zick. Quelle: epd
Berlin

Nach Angaben der Familie gegenüber Medien war bei Linda W. wenig von ihrer Radikalisierung zu bemerken gewesen. Sie habe zwar den Koran gelesen etc, aber man habe es für eine jugendliche Selbstfindungsphase gehalten: Dennoch radikalisierte sie sich.

Mit welchen Mitteln lockt der IS Mädchen in sein Territorium?

Der IS hat mit System der Rekrutierung und Mobilisierung aufgebaut. Aus der Vergangenheit wissen wir, dass Schülerinnen wie Linda W. von anderen Gleichaltrigen angesprochen werden, evtl. Mitschülerinnen, oder Freundinnen, die ausgereist sind. Diese sind wiederum in lokale Netze eingebunden und diese in größere. Es gibt ein Anwerbungsnetzwerk. Frauen wurden in letzter Zeit gezielter angesprochen. Dabei wird ihnen das versprochen, was sie suchen. Einige suchen eine Beziehung, eine Familie, andere suchen Freundschaften zu Freundinnen. Wieder andere glauben im Zuge der Radikalisierung so sehr ihre Defizite, vor allem Unreinheiten, die ihnen eingeredet wird, und dann erscheint das Leben im Ausland als Erlösung. Junge Frauen bekommen dort ein Rollenangebot, das zu ihnen passt. Bei Frauen haben wir Angebote wie ‚Mutter-Sein’, aber auch ‚Kriegerin’ und ‚Anwerberin’ für den IS, der für sie das Kalifat erkämpft.

Wie werden Jugendliche wie Linda W. angesprochen?

Ich kann das nur vermuten. Jugendliche werden vor allem über WhatsApp-Gruppen angesprochen, in die sie vorher aufgenommen wurden. In den Gruppen erhalten sie dann eine klare Rolle und vor allem eine Ansprache durch Führer sowie jemanden beiseite gestellt, der sie bewusst anspricht. Auch andere social media werden verwendet. Die Ansprache bei Ausreisenden ist eng und persönlich. In den Gruppen wird aber auch anderes diskutiert, wie Musik, Kleidung, Filme usw. Das ist sehr nahe an den Lebenslagen der Menschen. Wir haben gerade eine komplette WhatsApp-Gruppe analysiert, wo man dies sehr gut beobachten konnte. Dort haben wir auch festgestellt, dass der IS das von außen wenig steuern musste. Die Jugendlichen haben sich ihren eigenen Dschihad gebastelt, inklusive einem Lego-Islam. Es ist ihre Lebenswelt, die für sie sehr echt wirkt und wird. Dabei bieten die Terrorgruppen Angebote je nach Bedürfnis: Jugendliche, vor allem Männer, die Macht suchen, werden anders angesprochen als jene, die Beziehungen suchen, oder Dritte, die massiv Sinn suchen.

Wie können Eltern, Lehrer, Freunde eine beginnende Radikalisierung erkennen?

Eine Mitschülerin von Linda W. hat berichtet, dass sie ihre Kleidung geändert hat, sie hörte religiöse Musik, ich schätze Kampflieder der Dschihadisten, insgesamt verhielt sie sich religiöser als es ihre Herkunft vermuten ließe. Sie lebten wohl sehr streng und einigen Mitschülerinnen fiel das auf. Wenn junge Menschen ihr Leben so schnell ändern, drängt es sie auch, sich anders darzustellen. Die Mitschüler bekommen es am ehesten mit. Lehrer, Schüler und vor allem die ratlosen und vor allem sprachlosen Eltern können lernen, was Anzeichen von normalem Jugendprotest, was Zeichen und Symbole von Dschihadisten sind. In Bezug auf den Rechtsextremismus lernen das viele Schulen, beim Islamismus ist das noch nicht verbreitet. Wir haben auch in Fallanalysen festgestellt, dass Lebenskrisen in Familien, wie der Verlust von Angehörigen, oder ein Versagen, Krankheiten, wie aber auch Phasen von Kleinkriminalität, die junge Menschen beschämen, in ihrer radikalen Gruppen besprochen werden, in ihrer herkömmlichen Normalwelt nicht.

Welche Möglichkeiten, welche Programme gibt es, um sie zu kontern?

Die Prävention und Intervention muss umfassend und flächendeckend sein, weil stille und leise Schülerinnen, die vielleicht im Internet nach Fragen auf Lebenskrisen Antworten suchen, besonders gerne angesprochen werden. Im Netz gibt es Projekte, die mit sogenannten Gegen-Narrativen gegen die popkulturellen Angebote des IS und anderer Terrorgruppen arbeiten. Es gibt je nach Bundesland Projekte wie Wegweiser in NRW, das Violence Prevention Network, Vereine wie cultures interactive, es gibt Beratungsstellen wie Hayat. Auch die Bundesregierung hat beim BAMF ein Beratungsangebot. Das ist noch nicht koordiniert und viele Lehrerinnen in ländlichen Regionen wissen oft nicht, wohin sie sich wenden sollen. Wichtig aber wäre es, erstmal das Phänomen ernst zu nehmen und sich zu erkundigen.

Hat sich die Strategie der IS-Werber nach den Gebietsverlusten in Syrien und dem Irak verändert, würde ein Mädchen wie Linda W. jetzt eher für Terror in Deutschland rekrutiert?

Die Strategie des IS musste sich ändern, weil der IS zerfällt in Splittergruppen und einige islamistische Terrorgruppen untereinander im Gebietshoheit kämpfen. Nachdem der IS unter Druck geraten ist, gibt es noch mehr Versuche, aus dem Ausland zu rekrutieren, insbesondere junge Frauen, um den Kämpfern vor Ort Frauen anzubieten und zu suggerieren, dass eine neue Generation heranwächst. Man glaubt ja immer noch an das Kalifat, welches einem riesigen Gebiet entspricht. Seit dem September 2015 gibt es aber auch klare Ansage, in Europa selbst organisierte Anschläge zu verüben und es gibt eine Propaganda an junge Menschen, die den IS gut finden: Macht was, egal was, Hauptsache, es hilft dem IS. Das führt zu neuen selbst organisierten Zellen, an deren Taten sich der IS im Ausland einfach dranhängt, wenn eine Tat erfolgt ist.

Von Jan Sternberg/RND

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Erst am Sonnabend haben sich die Konfliktparteien in Syrien auf eine Feuerpause geeinigt – lange hat sie nicht gehalten. Am Sonntag gab es Berichte über Luftangriffe auf die syrische Hauptstadt Damaskus.

23.07.2017

Im Kampf gegen Drogen greift Indonesiens Präsident Joko Widodo zu drastischen Maßnahmen. Er erteilt der Polizei die Erlaubnis, Drogenhändler zu erschießen, sollten sie sich widersetzen.

23.07.2017

Nach dem Ausschreitungen um den Tempelberg und den Terroranschlägen auf zwei Polizisten und eine Familie mit insgesamt fünf Toten zieht Israel weitere Konsequenzen: An den Zugängen zu islamischen Heiligtümern wurden neue Sicherheitskameras angebracht.

23.07.2017