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Politik Sadistische Rituale und Misshandlungen in Bundeswehrkaserne
Nachrichten Politik Sadistische Rituale und Misshandlungen in Bundeswehrkaserne
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10:17 28.01.2017
Wegen zweifelhafter „Aufnahmerituale“ in der Staufer-Kaserne in Pfullendorf sind Ermittlungen eingeleitet worden. Quelle: dpa
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Berlin

In einem Ausbildungszentrum der Bundeswehr in Baden-Württemberg sind Soldaten womöglich misshandelt und gedemütigt worden. Bundeswehr und Justiz gehen mehreren Hinweisen nach. Sieben Soldaten wurden vom Dienst suspendiert und sollen fristlos entlassen werden, wie die Bundeswehr mitteilte. Daneben ordnete der Generalinspekteur mehrere Disziplinarverfahren und Versetzungen an. An dem Standort gibt es nun zudem eine intensive Dienstaufsicht. Es handelt sich um die Staufer-Kaserne in Pfullendorf.

Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) reagierte empört. „Die Vorgänge in Pfullendorf sind abstoßend und sie sind widerwärtig“, sagte die CDU-Politikerin am Freitagabend. Die Vorgänge seien auch beschämend für alle Soldaten, die respektvoll mit ihren Kameraden umgingen und das Ansehen der Truppe hochhielten.

Bundeswehr schaltet Staatsanwaltschaft ein

Wie „Spiegel online“ berichtete, gab es in Pfullendorf unter anderem „sexuell-sadistische Praktiken“ sowie Gewaltrituale. Im Oktober 2016 habe sich ein weiblicher Leutnant an den Wehrbeauftragten und die Ministerin gewandt. Sie habe unter anderem beschrieben, dass sich Rekruten bei der Ausbildung vor den Kameraden nackt ausziehen mussten. „Vorgesetzte filmten mit, angeblich zu Ausbildungszwecken“, schreibt „Spiegel online“. Die Rede ist auch von medizinisch unsinnigen, sexuell motivierten Übungen.

Die Bundeswehr schaltete auch die Staatsanwaltschaft Hechingen ein und stellte Strafanzeige gegen mehrere Soldaten, wie ein Sprecher der Anklagebehörde mitteilte. Es geht laut Bundeswehr um den Verdacht der Freiheitsberaubung, gefährlichen Körperverletzung, Gewaltdarstellung und Nötigung. Aus der Bundeswehr hieß es am Freitag, man müsse damit rechnen, dass noch weitere Fälle entdeckt würden.

Bundeswehr überprüft Aufnahmerituale

Von der Leyen sagte, es seien bereits Konsequenzen gezogen worden und weitere sollten folgen. Die Vorgänge würden „mit aller Härte aufgeklärt“, versprach sie.

Eine Sprecherin des Ausbildungskommandos sagte der Deutschen Presse-Agentur, geprüft würden unter anderem auch sogenannte Aufnahmerituale unter Mannschaftsdienstsoldaten. Daran seien Vorgesetzte nach derzeitigem Stand der Ermittlungen nicht beteiligt.

Der Inspekteur des Heeres, Generalleutnant Jörg Vollmer, erklärte: „Verstöße gegen die Innere Führung werden im Heer nicht geduldet und mit aller Konsequenz geahndet.“

„Hinweise auf frauenfeindliches Klima“

In einer Erklärung der Bundeswehr heißt es: „Diese Vorgänge wiegen insofern umso schwerer, als bereits früher Hinweise auf Missstände und frauenfeindliches Klima in einer anderen Teileinheit des Ausbildungszentrums Spezielle Operationen in Pfullendorf in Rede standen.“ Die Häufung zeige „gravierende Defizite in der Führung“.

Das Ausbildungszentrum schult nationale und internationale Spezialkräfte. Angeboten werden unter anderem Lehrgänge für Scharfschützen sowie für das Führungspersonal von Spezialkräften. Zudem werden die Soldaten etwa im Nahkampf trainiert oder auf das Überleben und Verhalten in Gefangenschaft oder in isolierter Lage vorbereitet.

Skandale in der Bundeswehr

Der Bundeswehr-Skandal im baden-württembergischen Pfullendorf erinnert an frühere Fälle. Einige Beispiele:

2010: Im Februar werden entwürdigende Aufnahme-Rituale der Gebirgsjäger im oberbayerischen Mittenwald bekannt. Neulinge in der Edelweiß-Kaserne müssen den „Fuxtest“ über sich ergehen lassen. Dazu gehören das Essen roher Schweineleber und Alkoholkonsum bis zum Erbrechen. Nach ersten Aussagen aus Mittenwald gehen beim Wehrbeauftragten Schreiben von Soldaten aus weiteren Kasernen ein, die von ähnlichen Praktiken berichten.

2006: Berichte über obszöne Praktiken in einem Fallschirmjäger- Bataillon im pfälzischen Zweibrücken sorgen für Aufsehen. So wurde einem Mann bei einer Feier 2005 Obst zwischen die entblößten Pobacken gesteckt und mit einem Paddel darauf geschlagen. Im Juni 2008 verurteilt das Amtsgericht Zweibrücken einen Hauptmann zu 2000 Euro Geldstrafe, weil er das „entwürdigende Verhalten“ seiner Untergebenen geduldet habe.

2004: Misshandlungen in einer Ausbildungskompanie im westfälischen Coesfeld schockieren die Öffentlichkeit. Um das Verhalten bei Geiselnahmen zu trainieren, wurden Rekruten in der Freiherr-vom- Stein-Kaserne bei „Verhören“ gefesselt, getreten, geschlagen und mit Stromstößen traktiert. Später werden mehrere Ausbilder zu Bewährungsstrafen verurteilt.

1996: Auf dem Truppenübungsplatz Hammelburg (Bayern) drehen Gebirgsjäger ein Video mit Hinrichtungs- und Vergewaltigungsszenen. Ein Soldat zeigt den Hitlergruß. Später gelangt das Band in den Besitz des Fernsehsenders SAT.1, der einige brutale Szenen ausstrahlt. 1998 stellt die Staatsanwaltschaft die Ermittlungen ein. Der Film stelle keine Verherrlichung oder Verharmlosung von Gewalttätigkeiten dar. Rechtsextremistische Tendenzen seien nicht erkennbar.

Von dpa/RND

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