Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Politik Verdrängt statt aufgearbeitet
Nachrichten Politik Verdrängt statt aufgearbeitet
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
22:16 27.04.2016
Von Heike Stüben
Selbst von den Ausmaßen seiner Studie überrascht: Historiker Prof. Uwe Danker. Quelle: Carsten Rehder/dpa
Kiel

Die Landespolitik in Schleswig-Holstein wurde nach dem Zweiten Weltkrieg außergewöhnlich stark und lange von ehemaligen Nationalsozialisten dominiert. Das gilt besonders für die Regierungen. Verglichen mit anderen Bundesländern ist der Norden damit ein Extremfall. Zu diesem Ergebnis kommt der Historiker Prof. Uwe Danker von der Universität Flensburg. Mit einem Wissenschaftler-Team hat er im Auftrag des Landtages fast 400 Landtagsabgeordnete, Minister und Staatssekretäre auf eine mögliche NS-Vergangenheit untersucht.

Erforscht wurden die Lebensläufe von 342 Landtagsabgeordneten, die spätestens 1928 geboren wurden. Jeder Dritte davon war Mitglied der NSDAP gewesen – doppelt so viele wie bei der erwachsenen männlichen Bevölkerung. Von 1958 bis 1962 fanden sich die meisten Abgeordneten mit brauner Vergangenheit: 74 Prozent der CDU-Abgeordneten, 75 Prozent bei der FDP, 83 Prozent beim Bund der Heimatvertriebenen und Entrechteten (BHE) und 20 Prozent bei der SPD. Noch verbreiteter war das NSDAP-Parteibuch in der Exekutive – von 1950 bis 1971 galt das für 67 bis 75 Prozent der Regierungsmitglieder. Bei den Staatssekretären sogar für 75 bis 85 Prozent. „Die Kabinette von Bartram ab 1950 bis Stoltenberg 1982 sind als erheblich vorbelastet einzustufen“, sagte Danker, als er am Mittwoch im Kieler Landtag die Ergebnisse vorstellte.

Zahl der Verfolgten sackte ab

Dabei hatte es nach dem Krieg zunächst ganz anders ausgesehen: Die Briten sorgten dafür, dass 1946 unter der Regierung Steltzer ehemalige Nazis nur eine kleine Minderheit blieben und eine große Gruppe NS-Verfolgter vertreten war. „Aber auch bei der freien Wahl 1947 herrschte noch der Geist des Neubeginns“, betonte Danker. Die Verfolgten des NS-Regime hätten in jenen Jahren über 40 Prozent, kurzfristig sogar die knappe Mehrheit gestellt. Doch 1950 kehrt sich dieses Verhältnis um: Die Zahl der Verfolgten unter den Landtagsabgeordneten sackte ab – bis auf Null im Jahr 1971. Die Zahl ehemaliger NS-Parteigänger aber schnellte auf 40 Prozent hoch, dann weiter auf über 50 Prozent. 1951 kam das „Gesetz zur Beendigung der Entnazifizierung“ – es galt als das radikalste bundesweit. Motto: Verdrängen statt aufarbeiten. Den Landesbeauftragten für die Entnazifizierung, Oskar-Hubert Dennhardt (CDU), stufen die Wissenschaftler als „in der NS-Zeit systemtragend und karrieristisch“ ein.

Noch 1987 ein Achtel als NSDAP-Mitglieder

Noch 1987 war mehr als jeder achte Landtagsabgeordnete ein ehemaliges NSDAP-Mitglied. Danker sieht drei Hauptgründe für die hohe Zahl vom Ex-Parteimitgliedern in der Landespolitik: die sehr hohen Wahlerfolge der Nazis in den 1930er-Jahren, die große Zahl von Zugewanderten, Vertriebenen und Flüchtlingen und die über Jahrzehnte durchgängig bürgerlich-konservativen Landesregierungen. Den Wissenschaftlern ging es aber nicht nur um alte NSDAP-Mitgliedschaften, sondern auch um das Agieren in der NS-Zeit. Danach waren zehn Prozent der ehemaligen Parteimitglieder systemtragend. Weitere 23 Prozent haben an exponierter Stelle nationalsozialistisch agiert und waren teilweise auch an Verfolgung und problematischen Besatzungsmaßnahmen beteiligt.

Ergebnisse

Hier ist der Link zu den Ergebnissen der NS-Untersuchung zur Landespolitik.

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Mit den Stimmen der Koalitionsfraktionen SPD, Grüne und SSW sowie der Piratenfraktion hat der Landtag nach kontroverser Debatte die Überarbeitung des Landesnaturschutzgesetzes verabschiedet.

27.04.2016

Der Weiterbau der Autobahn A20 ist gefährdet: Das Umweltbundesamt fordert die Streichung des vom Bundesverkehrsminister als vordringlich eingestuften Verkehrsprojekts. Politik und Wirtschaft reagieren empört. Am Donnerstag wird ein Urteil zur A20 erwartet.

27.04.2016

Mit den Stimmen der SPD, Grüne und SSW sowie der Piraten hat der Landtag nach kontroverser Debatte die Überarbeitung des Landesnaturschutzgesetzes verabschiedet. Die Forderung der CDU, den Abstand zu Windkraftanlagen zu vergrößern, scheiterte ebenso wie der Antrag zur freien Schulwahl.

27.04.2016