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16:02 07.06.2018
„Wir werden höflich sein, aber wir werden uns nicht herumschieben lassen“: Kanadas Premier Justin Trudeau. Quelle: The Canadian Press
Quebeck

In den Augen vieler Europäer ist Justin Trudeau der bessere Amerikaner. Der kanadische Premierminister ist liberal, er wirkt modern und zukunftsgewandt. Dieser Tage aber muss er ein Kunststück hinbekommen, das auch für den stets charmanten Trudeau eine besondere Herausforderung wird. Als Gastgeber des G-7-Gipfels der wichtigsten Industrienationen muss sich der kanadische Premierminister von Freitag an als internationale Führungskraft darstellen: fähig, Brücken zu bauen – aber gleichzeitig entschlossen, dem US-Präsidenten Donald Trump, der sich gerade mit aller Welt anlegt und einen Handelskrieg mit Europa und China, aber eben auch mit Nachbarn wie Mexiko und Kanada anzettelt, die Stirn zu bieten.

Die Zeiten für einen erfolgreichen Gipfel könnten schlechter kaum sein – gleichzeitig war eine Aussprache womöglich selten wichtiger. Erst am Mittwoch drehte sich die Eskalationsspirale im internationalen Handelskonflikt eine Stufe weiter. Die EU-Kommission gab bekannt, die angekündigten Strafzölle auf US-Güter ab Juli zu erheben – als Ausgleich für die zuvor von den USA verhängten Zölle auf Stahl und Aluminium aus Europa. Brüssel erhebt nun im Gegenzug Extrazölle auf Waren im Wert von 2,8 Milliarden Euro, unter anderem auf Bourbon-Whiskey, Erdnussbutter, Cranberrys und Orangensaft. Es wird auch an Trudeau und der kanadischen Gipfelorganisation liegen, ob aus dem von vielen befürchteten G-sechs-gegen-eins-Gipfel mehr werden kann als die Dokumentation der neuen diplomatischen Eiseskälte zwischen den USA und den großen Wirtschaftsmächten Deutschland, Frankreich, Großbritannien und Italien, Japan und Kanada.

Der Anti-Trump hat es als Vermittler schwer

Als Mittler wird es Trudeau allerdings schwer haben. Nach anfänglicher Zurückhaltung inszeniert sich der Kanadier mittlerweile offensiv als Anti-Trump. Als der US-Präsident syrische Flüchtlinge abwies, hieß Justin Trudeau sie willkommen. Nachdem Trump dem freien Welthandel den Garaus gemacht hat, kämpft Trudeau noch stärker für Öffnung. Und er droht: Wenn die USA weiter Kanada wirtschaftlich attackieren, wird es auch den Amerikanern wehtun. „Wir werden höflich sein, aber wir werden uns nicht herumschieben lassen“, sagte Trudeau. Nur wenige Stunden, nachdem Trump Strafzölle für kanadische Stahlimporte angeordnet hat, kündigte der Kanadier milliardenschwere Zölle vor allem auf Agrarprodukte aus den USA an.

Justin Trudeau vor einem Jahr beim G-7-Gipfel in Italien. Quelle: dpa

Es sind auch innenpolitisch schwierige Zeiten für Trudeau. Lange Zeit schienen seine Liberale Partei und er unschlagbar. Doch etwas mehr als ein Jahr vor der Unterhauswahl im Oktober 2019 liegen die Liberalen in Umfragen gleichauf mit den Konservativen, in einigen sogar hinter diesen. Das mag aus der Sicht des Auslands befremdlich klingen. Dort gilt er seit seiner Wahl im Herbst 2015 als internationale „liberale Lichtgestalt“, als Hoffnungsträger aller fortschrittlichen Kräfte. Da geht es ihm wie Angela Merkel, die in Kanada so hoch geschätzt wird, zu Hause aber Probleme hat.

Eine Indien-Reise, bei der er und seine Familie immer wieder in wechselnden indischen Gewändern auftraten, brachte ihm viel Spott ein. Er hat sein Wahlversprechen einer tief greifenden Wahlrechtsreform gebrochen. Mit seiner Entscheidung, den Bau einer Pipeline zu unterstützen, die Öl aus den Teersandfeldern Albertas an die Pazifikküste bringen soll, hat er Umweltschützer verärgert.

Trump kann Kanada großen Schaden zufügen

Hinzu kommen die schwierigen Beziehungen zu Washington. Als Trudeau Premierminister wurde, war Barack Obama US-Präsident, und mit diesem verband ihn schnell eine enge Freundschaft. Dann kam Trump. Trudeau weiß, dass die USA der wichtigste Partner Kanadas sind. 75 Prozent der Exporte Kanadas gehen ins Nachbarland. In der Verteidigungspolitik sind sie Partner, aber Kanada ist der Junior, der auf den US-Schutzschirm angewiesen ist. Trudeau weiß, dass die USA unter dem irrlichternden Präsidenten Kanada großen Schaden zufügen können. Deshalb hat er sich direkter Kritik an Trump lange enthalten, ohne darauf zu verzichten, kanadische Positionen deutlich zu machen. Das hat sich geändert – spätestens mit der Verhängung von Strafzöllen als Reaktion auf die US-Zölle.

Für Kanada steht viel auf dem Spiel. Die Verhandlungen über Änderungen des Freihandelsvertrags Nafta mit den USA und Mexiko stehen vor dem Scheitern. Unerfüllbare Bedingungen hätten die USA gestellt, sagt Trudeau.

Die Kanadier haben ein ambivalentes Verhältnis zu den USA. Sie fühlen sich trotz vieler politischer Differenzen und trotz Trump mit den US-Amerikanern verbunden und wünschen sich gute Beziehungen zu den USA. Aber sie sehen es nicht gerne, wenn ihr Regierungschef allzu „cozy“, zu vertraut mit dem US-Präsidenten umgeht. Nun werden sie genau beobachten, wie sich Trudeau gegenüber diesem Mann verhält, den die „Globe and Mail“ als „bully“, also Mobber und Rüpel, bezeichnet, der an allem desinteressiert sei „außer an seinen geistlosen und hohlen ,America First‘-Slogans“. Sie werden sich ein Bild darüber machen, ob Trudeau der Mann ist, dem sie weiter die Zukunft Kanadas anvertrauen können, wenn im nächsten Jahr die Wahlentscheidung ansteht.

Von Gerd Braune

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