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Politik „Wir dürfen nicht jedes Stadtviertel vermarkten“
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11:49 06.03.2019
An den Grachten in Amsterdam: Tourismus-Manager Stephen Hodes will mit der Initiative „Amsterdam in Progress“ dem Massentourismus in der Stadt entgegenwirken Quelle: Andreas Heimann/dpa

 

Herr Hodes, Amsterdam leidet unter dem Massentourismus. Sie wollten mit Ihrer Initiative „Amsterdam in Progress“ dagegensteuern. Welche Art Besucher finden Sie in Ihrer Stadt eigentlich schlimmer – kiffende Party-Touristen oder Kreuzfahrtpassagiere, die zu Tausenden die schmalen Straßen im Zentrum blockieren?

Alle Touristen sind erst einmal willkommen. Es geht um die Anzahl und um die Balance. Amsterdam ist eine liberale Stadt mit liberalen Gesetzen, und ja, es kommen Touristen hierher, um zu kiffen. Sollen sie! Kreuzfahrtpassagiere sind allerdings für eine Stadt wirtschaftlich nicht sehr interessant. Passagiere von Schiffen, die nur einen Zwischenstopp einlegen, lassen durchschnittlich 70 Euro in der Stadt. Wenn sie in Amsterdam ein- oder ausgeschifft werden, geben sie 260 Euro aus. Es wäre also für die Stadt wirtschaftlich kein sehr großer Verlust, die Zahl der Schiffe, die Amsterdam als Zwischenstation anlaufen, zu begrenzen. Kreuzfahrten sind ohnehin die am wenigsten nachhaltige Form des Tourismus.

Tourismus-Manager Stephen Hodes Quelle: privat

Welcher Tourist ist für eine Stadt der angenehmste?

Der Individualreisende. Jede Stadt braucht eine Mischung aus jungen und alten, wohlhabenden und weniger wohlhabenden Besuchern.

Sind das die Reisenden, die auch die weniger bekannten Attraktionen einer Stadt besuchen? Viele Städte – Amsterdam und Berlin gehören dazu – wollen Touristen ja innerhalb der Stadt umlenken.

Das heißt „Spreading“ und es funktioniert nicht. Ich zeige bei meinen Vorträgen immer ein Foto eines gut besuchten Restaurants und eines, das fast leer ist. Ich frage dann: In welches würden Sie lieber gehen? Fast alle antworten: In das gut besuchte. Dann sage ich: Gucken Sie mal genau auf das Foto, es ist dasselbe Lokal. Menschen folgen Menschen. Massen folgen Massen. Auch wenn wir Touristen in den Randbezirken oder dem Umland einer Stadt unterbringen, werden sie dennoch die Haupt-Attraktionen im Zentrum besuchen wollen, das Problem wird also verschärft.

Also sollte man gar nicht erst versuchen, die Touristenströme umzulenken?

Es funktioniert einfach nicht. Touristen sind keine Schafe, sie wissen, was sie suchen. Spreading ist nicht der Versuch, das Wachstum zu begrenzen. Es ist eine Methode, das Problem zu vertuschen. Es verschärft das Problem aber. Und die Frage ist ja auch: Will man die Touristen wirklich über die ganze Stadt verteilen? In Amsterdam hat die Stadt hat die Bewohner nie gefragt, ob sie in ihren Vierteln Touristen haben wollen. Wir dürfen nicht jeden kleinen Ort, jedes Stadtviertel in eine vermarktbare Ressource verwandeln. 500 Touristen pro Tag weniger machen im Zentrum von Amsterdam keinen Unterschied, 500 Touristen pro Tag mehr können den Alltag in einem kleinen Ort für die Bewohner bereits schwer erträglich machen.

Touristen-Hotspot am Brandenburger Tor in Berlin: Die Stadt will Touristenströme umlenken. Quelle: Jens Kalaene/ZB/dpa

Ab wann wird die Zahl der Touristen zum Problem?

Ich habe einen vierstufigen Index entwickelt: Erst freut man sich über die Besucher und die zusätzlichen Einnahmen. Im zweiten Schritt nimmt man sie als gegeben hin. Im dritten wächst der Unmut und die vierte Stufe ist der Protest: „Tourists go home“-Graffitis tauchen auf. Man macht Touristen für alles verantwortlich, was in der Stadt schief läuft, von vollen Zügen bis steigenden Mieten.

Werden sich diese Probleme verschärfen?

Wenn wir nicht aufpassen, auf jeden Fall. Der internationale Reiseverkehr wird weiter stark wachsen, und ein großer Anteil entfällt auf Europa. Das Problem wird größer und größer. Vor kurzem war ich in Zaanse Schans, das ist ein Freiluftmuseum mit historischen Windmühlen. Ich stand in der Mühle und sprach mit dem Müller. Dann kam eine chinesische Reisegruppe herein und drängte uns wortwörtlich aus der Mühle heraus. Da habe ich die Zukunft des europäischen Tourismus gesehen.

Und was soll Ihrer Meinung nach getan werden?

Wir müssen an drei Punkten ansetzen: Der Erreichbarkeit, den Unterkünften und der Belastbarkeit einer Destination. Es sollte eine Obergrenze für Flüge geben, die Zahl der Kreuzfahrtschiffe und Flusskreuzfahrten sollte begrenzt werden. Es muss auch Obergrenzen für Unterkünfte geben AirBnB, Hostels, Hotels – das muss reglementiert werden. Jede Stadt, jede Region sollte sich Gedanken machen, wie viel Tourismus sie ertragen kann.

Wie sollen solche Grenzen aussehen? Venedig nimmt jetzt Eintritt. Ist das der Weg?

Venedig ist schon seit mindestens zehn Jahren überfüllt. Wer dorthin fährt, stört sich nicht daran. Wer die Preise in Venedig bezahlen kann, zahlt auch eine Tourismussteuer. Es ist dennoch möglich, Tourismusströme umzuleiten. Gerade Städtetouristen haben eine Liste im Kopf, wo sie überall gerne einmal hinfahren würden. Wenn es irgendwo unerträglich voll oder teuer ist, wählen sie den nächsten Ort auf ihrer Wunschliste.

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