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Politik Tschad: Die kaum beachtete Flüchtlingskrise
Nachrichten Politik Tschad: Die kaum beachtete Flüchtlingskrise
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15:32 04.09.2018
Die Tschadsee-Konferenz in Berlin: In der Region in Afrika sind 2,4 Millionen Menschen auf der Flucht Quelle: imago/photothek
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Berlin,

Sie wird überschattet von Terror, Flucht, Angst und Hunger: die Tschad-Region. Um der Armut und der Terrormiliz Boko Haram zu entkommen, fliehen Menschen aus Nigeria, Niger, Kamerun und dem Tschad. Inzwischen leben dort 2,4 Millionen Binnenflüchtlinge in der Region. Mit dem Ziel, die Region zu stabilisieren, startete am Montag eine zweitägige Geberkonferenz im Auswärtigen Amt in Berlin. Neben Deutschland luden auch Nigeria, Norwegen und die Vereinten Nationen zu der Konferenz ein.

FDP-Außenpolitiker Alexander Graf Lambsdorff sieht im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland in der Konferenz vor allem auch ein Dilemma: „Um die Sicherheitsfrage in Afrika zu klären, muss man mit Regionen sprechen, die politisch schwierig sind.“ Ein Austausch sei wichtig. Denn die Situation könne sich nur verbessern, wenn es der Politik in Nigeria gelinge, die Sicherheitskräfte von Bestechung zu befreien. Darauf müsse Maas in der Konferenz drängen. „Durch die Korruption und die mangelnde Ausbildung der Sicherheitskräfte ist die Schlagkraft im Kampf gegen Boko Haram geschmälert.“

Für den Außenpolitiker ist klar, in der Tschad-Region wirken mehrere Faktoren zusammen: die Sicherheitslage, der Terror und der Klimawandel, der das Land mit erheblicher Dürre abstrafen, „wiegen besonders schwer“. Dies alles seien Fluchtursachsen, die Familien dazu animieren, das Land zu verlassen. 2,4 Millionen Menschen seien bereits auf der Flucht. Es liege nun daran, die Ursachen zu bekämpfen. Andernfalls machen sie sich auf den Weg nach Europa. Alexander Graf Lambsdorff sieht deswegen Deutschland in der Pflicht, monetäre Unterstützung aus dem Stabilisierungshaushalt zu leisten.

„Eines der größten Dramen unserer Zeit“

Außenminister Heiko Maas (SPD) warnte vor der Situation in den Anrainerstaaten des Tschadsees in Afrika. Dort spiele sich „eines der größten humanitären Dramen unserer Zeit“ ab, sagte Maas den Zeitungen der Funke Mediengruppe kurz vor Beginn der internationalen Konferenz. Die Region sei „zum Tummelplatz für Terrorgruppen wie Boko Haram und IS geworden, die auch für unsere Sicherheit in Europa eine Bedrohung sind“. Maas kündigte am Montag an, dass man 100 Millionen Euro für humanitäre Hilfe in die Region entsenden wolle. Insgesamt sollen 2,17 Milliarden US-Dollar in die Region fließen, das wurde von den 70 Mitgliedsstaaten beschlossen.

Am Dienstag wird die Konferenz fortgesetzt. Staaten und Organisationen beraten dann über Perspektiven und Sicherungsmaßnahmen für die Tschadsee-Region. In der Region leben mehrheitlich Binnenvertriebene. Zehn Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Noch immer sei es nicht gelungen, alle Menschen mit Nothilfe zu erreichen, die dies bräuchten, sagte UN-Nothilfekoordinator Mark Lowcock.

Drei mögliche Ergebnisse der Konferenz

Volker Gerdesmeier, Referatsleiter der Hilfsorganisation Caritas International, kennt die Region genau. Seit einigen Jahren reist er regelmäßig nach Afrika, hat dort sogar selbst gelebt. „Die Menschen in dieser Region sind über das Limit belastet, sie sind wirklich verzweifelt“, berichtet er. Die Region entwickele sich immer weiter zum Krisenherd. Dabei gehe es nicht allein um die Flucht vor der Terrormiliz. Viele junge Menschen seien perspektivlos und würden von Boko Haram rekrutiert, das schaffe viel Misstrauen in der Region. Er ist überzeugt: Man muss sich politisch dafür einsetzen, dass diese Menschen wieder in die Gesellschaft integriert werden.

Umso mehr Erwartungen legt Gerdesmeier in die Konferenz in Berlin. Dafür seien ihm drei Ergebnisse besonders wichtig: Dass man aktive Überlebenshilfe leiste, die Ursachen der Krise behebe und die Region stabilisiert. „Über lange Zeit wurde es vernachlässigt, ins Schulwesen und in die Wirtschaft zu investieren“, sagt er. Konkret fordert er deswegen: Perspektiven schaffen. Die sieht er vor allem in der Ausgestaltung des Bildungssystems und darin, Kleinindustrien und Handwerke zu fördern. Ebenso wichtig sei auch die Bereitstellung von landwirtschaftlichen Flächen. „So können eigene Lebensmittel angebaut und die Hungerssituation verbessert werden.“

Bereits 2017 hatte es eine Geberkonferenz für die Tschadsee-Region in Oslo gegeben. Damals wurde eine Unterstützung in Höhe von 672 Millionen Euro vereinbart. Die von Deutschland zugesagten 100 Millionen Euro seien inzwischen vollständig in Projekte geflossen, sagte Maas

Von Mandy Sarti/RND

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