Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Politik USA deuten Mitschuld an Todesopfern an
Nachrichten Politik USA deuten Mitschuld an Todesopfern an
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
13:15 29.03.2017
Seit Mitte Februar sollen in West-Mossul mindestens 307 Menschen getötet worden sein. Quelle: AP
Anzeige
Washington

Seit Oktober läuft die Offensive auf Mossul, aber von einer schnellen Rückeroberung der Millionenstadt – wie anfänglich angekündigt – kann keine Rede mehr sein. Erst zwei Monate nach Beginn des Feldzuges gegen den Islamischen Staat, nämlich Mitte Januar, konnte der Ostteil der Stadt als befreit erklärt werden. Seit Mitte Februar toben nun die Kämpfe in West-Mossul. Mindestens 307 Menschen sollen laut UN dabei bereits ums Leben gekommen sein.

Zu einem der blutigsten Vorfälle kam es am 17. März als ein dreistöckiges Gebäude bei einer gewaltigen Explosion zusammenstürzte. Auch wenn es keine unabhängigen Angaben über die Zahl der Todesopfer gibt, kann von mindestens 100 Toten ausgegangen werden. Erste Vermutungen, welche die US-geführte Anti-IS-Koalition für die Toten verantwortlich machten, scheinen nun Recht zu behalten.

„Wir sind wahrscheinlich an Todesopfern beteiligt“

In der Nacht zum Mittwoch äußerte sich erstmals das US-Militär zu dem Vorfall. „Meine erste Einschätzung ist, dass wir wahrscheinlich an den Todesopfern beteiligt waren“, sagte der US-Kommandeur der Anti-IS-Mission, General Stephen Townsend. Es habe mehrere US-Luftangriffe in der Gegend gegeben. Er betonte aber, dass man keineswegs absichtlich Zivilisten angegriffen habe. Das Zentralkommando untersucht den Vorfall.

Unabhängig von dem Ergebnis wird damit jedoch klar, wie sehr sich die Lage der Zivilbevölkerung in Mossul zugespitzt hat. Allein in der Altstadt von Mossul sitzen den UN zufolge noch rund 400.000 Zivilisten fest. Das Gebiet ist dicht besiedelt, in den schmalen Gassen stehen die Häuser eng beieinander. Jeder Luftangriff kann hier zu einem Blutbad an Zivilisten werden.

Seit Oktober läuft die Offensive auf Mossul, aber von einer schnellen Rückeroberung der Millionenstadt – wie anfänglich angekündigt – kann keine Rede mehr sein. West-Mossul wird immer mehr zur Falle für Zivilisten, weil der Islamische Staat sie als menschliche Schutzschilde einsetzt.

Immer wieder sind Berichte zu hören, dass die IS-Anhänger Menschen in Häuser sperren und die Gebäude dann für Angriffe auf ihre Gegner nutzen – mit dem Kalkül, dass die Gegenattacken die Zivilisten treffen. Auch die Flucht ist für Zivilisten fast unmöglich, weil IS-Scharfschützen auf jeden zielen, der sich in Sicherheit bringen will.

US-Regierung soll Einsatzregeln gelockert haben

Kritiker werfen der neuen US-Regierung vor, die Luftangriffe verschärft zu haben und weniger Rücksicht auf Zivilisten zu nehmen. Townsend wies die Darstellung zurück, dass Sicherheitsmaßnahmen zum Schutz Unbeteiligter gelockert worden seien.

Auffällig ist jedoch, dass sich seit einigen Wochen Berichte nicht nur aus dem Irak, sondern auch aus Syrien häufen, bei Luftschlägen der US-Koalition seien viele Zivilisten ums Leben gekommen. So wurde in dem nordsyrischen Ort Al-Dschinnah eine Moschee zerstört, während die Gläubigen dort zum Abendgebet zusammengekommen waren. Aktivisten berichteten von mehr als 40 Toten und zeigten mit dem Finger auf das US-Militär – das den Vorwurf jedoch bestritt.

Das Journalistenprojekt Airwars.org, das Informationen zu Luftangriffen sammelt und überprüft, sieht seit Anfang des Jahres einen massiven Anstieg mutmaßlicher ziviler Opfer der Bombardierungen. Auch die Menschenrechtsorganisation Amnesty International erklärte, Beweise, die man im Osten Mossuls am Boden gesammelt habe, deuteten auf ein alarmierendes Muster hin. Luftangriffe der US-geführten Koalition hätten ganze Häuser mit Familien zerstört.

Trump: „Ich würde die Scheiße aus ihnen herausbomben“

Irakische Quellen sprechen davon, dass die Amerikaner die Einsatzregeln gelockert hätten, seitdem Präsident Donald Trump im Amt ist. Der Republikaner hatte schließlich im Wahlkampf ein aggressiveres Vorgehen gegen den IS versprochen. „Ich würde die Scheiße aus ihnen herausbomben“, sagte er in einer seiner Reden.

Unmittelbar nach seinem Amtsantritt forderte der Präsident das Pentagon in einem Papier auf, eine neue Strategie für den Kampf gegen die Terrormiliz vorzulegen. Darin war auch davon die Rede, Änderungen an jeglichen Einsatzregeln oder anderen Bestimmungen vorzuschlagen, die über die Anforderungen des internationalen Rechts hinausgingen.

Aber wurden die Regeln zum Schutz von Zivilisten bei Luftangriffen tatsächlich aufgeweicht? Das US-Militär jedenfalls bestreitet das. Manche Beobachter gehen davon aus, dass die Militärs anders als unter Trumps Vorgänger Barack Obama größere Autonomie besäßen, weshalb das Pentagon unabhängiger vom Weißen Haus agieren könne.

Von RND/aks/dpa

Anzeige