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Nachrichten Politik Wie Donald Trump von Amerikas Erschöpfung profitiert
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13:45 21.07.2018
Was ist nur aus den USA geworden, die sich in den 242 Jahren ihrer Geschichte so oft so optimistisch, großzügig und der Welt zugewandt zeigten? Quelle: iStockphoto
Washington

Wie ist das alles hässlich! Der Präsident bricht einen Handelskrieg mit China vom Zaun, die Regierung droht mit Strafzöllen für europäische Autos, die Einwanderungsbehörde entreißt Kinder ihren Eltern und verfrachtet sie sonst wohin – um die Eltern dafür zu bestrafen, dass sie illegal über die Grenze gekommen sind und ihr Heil in den Vereinigten Staaten von Amerika suchen. Nun nähert Trump sich auch noch Russlands Präsident Wladimir Putin auf fragwürdige Weise.

Das ist das Amerika des Donald Trump. Ausgerechnet die Supermacht, die sich als Heimstatt des freien Handels versteht und als Hüter der Menschlichkeit, rüttelt am Fundament des weltweiten Handels und an den Grundlagen der Humanität. Was ist nur aus dem Land geworden, das sich in den 242 Jahren seiner Geschichte so oft so optimistisch, großzügig und der Welt zugewandt zeigte?

Amerika leidet, so lässt es sich vielleicht zusammenfassen, unter einer posttraumatischen Belastungsstörung. Und ist deshalb derzeit nicht so recht bei sich selbst.

Spätfolgen der Finanzkrise von 2008

Trumps Amerika findet unter den internationalen Beobachtern in Washington nur wenige Fürsprecher. Gerade die europäischen Korrespondenten und Politikwissenschaftler, die erst in jüngerer Zeit mit großen Erwartungen in die “Neue Welt“ zogen, sind persönlich enttäuscht. Kleinkariert, so empfinden sie die USA heute. Und können es nicht fassen, dass immer noch so viele amerikanische Wähler hinter diesem Präsidenten stehen – obwohl die politische Elite der Republikaner, Trumps eigener Partei, mittlerweile entschieden auf Abstand zu diesem Präsidenten geht.

Wer schon etwas tiefere Wurzeln in den USA geschlagen hat, hat einen etwas anderen Blick. Der erkennt die Spätfolgen der Finanzkrise von 2008, die wie ein Tornado durch Amerika raste. Oberflächlich ist der Alltag längst wieder eingekehrt – darunter aber liegt noch immer vieles im Argen. Wirtschaftlich. Politisch. Mental. Amerika hat das Vertrauen in sich selbst verloren. Und tönt deshalb umso lautstarker.

Vor zehn Jahren war viel von Banken und Konzernen die Rede, die mit staatlichen Mitteln vor dem Kollaps gerettet wurden. Wenig zu hören war dagegen von den Millionen US-Bürgern, die über Nacht ihre Altersversorgung verloren, ihre Jobs und ihr Zuhause.

Viele Puzzleteile ergeben ein größeres Bild

Einige hatten sich verspekuliert und ihre ganze Altersversorgung auf Aktien aufgebaut. Andere hatten das Pech, bei einer Firma zu arbeiten, die durch ein Insolvenzverfahren ging – und ihre Mitarbeiter entließ, um sie unter schlechteren Bedingungen wieder einzustellen. Nur im Kleingedruckten war zu lesen, dass mit der Insolvenz die Ansprüche aus privaten Pensionskassen verloren gehen.

Was das bedeutet, ist heute in vielen Supermärkten zu sehen: Dort werden so manche Regale von Menschen sortiert, die weit in ihren Siebzigern oder gar Achtzigern sind. Nicht wenige sind bei ihren Kindern eingezogen – oder umgekehrt: Die erwachsenen, überschuldeten Kinder, die ihre Jobs verloren und nie wieder Fuß fassten, leben wieder bei ihren Eltern.

Auf die Frage, warum im November 2016 knapp 63 Millionen Amerikaner für den Republikaner Trump stimmten, finde ich bis heute keine schlüssige Antwort. Dafür gibt es in den riesigen USA wohl auch zu viele, zu verschiedene Antworten. Aber nach fast zehn Jahren im Land entdecke ich mehr und mehr Puzzleteile, die sich zu einem größeren Bild zusammensetzen.

Alte Gewissheiten gelten nichts mehr

Trump wurde keineswegs nur von den Verarmten und Perspektivlosen gewählt. Hinter ihm und seinem Programm steht vor allem ein großes Heer von Wählern, die spüren, dass das Schlimmste womöglich erst noch kommt. Dass alte Gewissheiten nichts mehr gelten.

Den nackten Zahlen nach sind die USA die größte Volkswirtschaft der Welt. Der Durchschnittsverdienst liegt hier höher als in Deutschland. Über die gelebte Wirklichkeit sagen diese Angaben aber nichts. Denn die Kluft zwischen Haben und Nichthaben ist unendlich viel größer.

Krankenversicherung? Trotz Obamacare sind immer noch 37 Millionen Amerikaner ungeschützt. Freie Bildung? Fürs Studium eines Kindes müssen Eltern 100 000 Euro, 200 000 Euro oder mehr aufbringen. Urlaub? Viele Arbeitnehmer haben Anspruch auf zehn freie Tage im Jahr. Aus Sorge um den Arbeitsplatz nehmen die meisten aber nur einen Teil davon.

Der Ruf nach Gerechtigkeit wird lauter

Auf der anderen Seite haben viele zukunftsträchtige Firmen ihren Stammsitz in den USA. Apple, Amazon, Facebook, Google und all die anderen schillernden Namen sind Synonyme für neue Zeiten. Im kalifornischen Cupertino, im texanischen Austin und in anderen Städten lässt sich die digitale Revolution unmittelbar miterleben. Sie gleichen Leuchttürmen in einem dunklen Meer.

Zahlenmäßig fallen ihre Angestellten, die Millennials mit Knopf im Ohr, die gut gelaunt auf Carbon-Fahrrädern durch die Innenstädte jagen, jedoch kaum ins Gewicht. Sie sind eine verschwindend geringe Minderheit im Vergleich zu ihren Altersgenossen, die ihr Studium mit Schulden in sechsstelliger Höhe abschließen und anschließend in schlecht bezahlten Jobs festsitzen.

Der Occupy-Wall-Street-Bewegung mag 2011 und 2012 nur ein kurzzeitiger Erfolg gelungen sein. Die hartnäckige Anhängerschaft des 76-jährigen Senators Bernie Sanders, die nach einer gesellschaftlichen Revolution schreit, ist aber nach wie vor präsent und hörbar. Der Ruf nach Gerechtigkeit wird lauter – ganz gleich, was das Weiße Haus von sich gibt.

Ein gefährlich steiler Abhang zwischen Stadt und Land

Weitgehend unterhalb des Radars der öffentlichen Wahrnehmung lebt dagegen die breite Masse außerhalb der Metropolen. In Deutschland mögen sich Dorfbewohner darüber beschweren, dass der öffentliche Nahverkehr nicht ganz so perfekt ist wie in Berlin, Leipzig oder Hannover. In weiten Teilen Amerikas kommt man gar nicht auf die Idee, nach einem Bus auch nur Ausschau zu halten. Zwischen Stadt und Land herrscht nicht nur ein Gefälle, es ist ein gefährlich steiler Abhang. Und er ist für jeden zu sehen.

Wenn mich Besucher aus Deutschland fragen, wie sie in kurzer Zeit die gespaltenen Staaten von Amerika erfassen können, empfehle ich ihnen eine zweistündige Autofahrt. Die Tour beginnt in Washington mit einem Kaffee im prunkvollen Trump International Hotel unweit des Weißen Hauses, Treffpunkt von Geschäftsleuten, Diplomaten und ebenso wohlhabenden wie halbseidenen Charakteren.

Der nächste Stopp liegt in meiner Nachbarschaft: Anacostia, ein Stadtteil, der fußläufig vom Kapitol entfernt und zu 95 Prozent von Afroamerikanern bewohnt ist. Hier leben Arme und Reiche auf engstem Raum, die alltägliche Gewalt ist beängstigend hoch. Familien, in denen sich Mutter und Vater gemeinsam um die Kinder sorgen, sind hier eher die Ausnahme. In all der Unübersichtlichkeit wächst aber eine kreative Szene heran, die sich durchaus zu einem Markenzeichen der US-Hauptstadt entwickeln könnte.

In Hampshire County, zwei Stunden westlich von Washington, stößt das moderne Amerika bereits an seine inneren Grenzen – was Donald Trump einen Anteil von zwei Dritteln der Wählerstimmen in dieser Region einbrachte. Quelle: imago

Dann steht die Fahrt in das andere Amerika an, zwei Stunden Richtung Westen. Nach 60 Minuten markieren die Ausläufer der Appalachen eine Trennlinie zwischen dem Ostküstenhype und dem “Heartland“. Dort, wo am Straßenrand die ersten Konföderierten-Flaggen auftauchen, stößt das moderne Amerika an seine Grenzen.

Schnell erreicht ist Hampshire County, der längst nicht zu den völlig verarmten Bezirken der Appalachen zählt. Hier gewann Trump mit zwei Dritteln der Stimmen die Wahl. Es ist ein Landkreis mit – statistisch gesehen – niedriger Arbeitslosigkeit und einem höheren Durchschnittseinkommen als in weiten Teilen der Bergwelt. “Armselig“ ist trotzdem ein Wort, das begleitet.

Wohngebiete wie der Sherman Drive in Augusta sind nur über Feldwege mit Schlaglöchern tief wie Krater erreichbar. Mobile Homes, Häuser auf Rädern, stehen in den Wäldern herum und wirken ebenso verloren wie die Menschen, die darin hausen. Und die schrottreifen abgemeldeten Autos drumherum. Ein Leben in der Abgeschiedenheit, ohne öffentliche Kanalisation, ohne gut bezahlte Jobs. Wer hier einer regelmäßigen Tätigkeit nachgeht, verdient zumeist nicht mehr als den Mindestlohn.

“Wir können nicht so weitermachen wie bisher“

Sich selbst als “arm“ bezeichnen, das tun die Leute vom Sherman Drive nicht. Es ist halt, wie es ist. Mit allen Krisen Amerikas wie unter einem Brennglas, an einem Ort. Da ist die Großmutter, die allein mit ihrer kleinen Enkelin hier lebt. Ihre 26-jährige Tochter wurde wegen Drogenhandels zu einer 40-jährigen Haftstrafe verurteilt. Aus dem Kreislauf von schlecht bezahlten Jobs und Arbeitslosigkeit habe sie keinen Ausweg gefunden, sagt die Großmutter.

Wenige Hundert Meter weiter habe ich einen Mann um die 50 kennengelernt, der in der Finanzkrise erst sein Haus und dann seine Familie verlor und nun inmitten der Wälder einen Neuanfang sucht. Er baut sein simples Holzhaus in Eigenregie – und wohnt seit zwei Jahren auf der Rohbaustelle ohne Heizung und fließendes Wasser. Wochentags fährt er fast zwei Stunden zur Arbeit, am Wochenende werkelt er an seiner Hütte.

Er ist bestens informiert über Strafzölle und Handelskriege, alle Nachrichten. Dass er 2020 wieder für Trump stimmen will, erklärt er mir mit zwei einfachen Sätzen: “Amerika ist erschöpft. Wir können nicht so weitermachen wie bisher.“ Es ist eine Erklärung aus dem Negativen. Das Positive, das, warum er glaubt, dass Trump dem erschöpften Amerika auf die Füße wird helfen können, vermag auch er mir nicht zu erklären.

Von Stefan Koch/RND

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