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14:02 23.06.2018
Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, macht ein großes Geheimnis aus seinem vermeintlichen Universitätsabschluss. Quelle: dpa
Ankara

Dutzende Ehrendoktortitel besitzt der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan. Aber hat er überhaupt studiert? Diese Frage beschäftigte die Türkei schon 2014, als Erdogan erstmals zum Präsidenten gewählt wurde. Denn das höchste Staatsamt kann nur bekleiden, wer mindestens vier Jahre an einer Universität studiert und einen Abschluss vorzuweisen hat. So bestimmt es die türkische Verfassung.

Jetzt, in der Endphase der Kampagne vor der Präsidentenwahl am Sonntag, kommt das Thema wieder hoch. Erdogan solle endlich sein Diplom präsentieren, fordert der Kurdenpolitiker Selahattin Demirtas, der in der Untersuchungshaft für das Präsidentenamt kandidiert. Demirtas hat ein Jura-Staatsexamen. Muharrem Ince, Präsidentschaftskandidat der größten Oppositionspartei CHP, besuchte im Wahlkampf seine Alma Mater im westtürkischen Balikesir und verteilte genüsslich Fotokopien seines Diploms. Er ist Chemie- und Physiklehrer. Auch die Erdogan-Konkurrentin Meral Aksener, selbst promovierte Soziologin, fordert den Präsidenten heraus: „Du hast kein Diplom? Du hast keine Universität besucht? Dann lass wenigstens unsere Jugend studieren!“ – eine Anspielung auf die umstrittene, immer stärker konservativ-islamisch geprägte Bildungspolitik der Erdogan-Partei AKP.

Gefälschtes Diplom vorgelegt?

Schon 2014 versuchte Erdogan das unbequeme Thema zu beenden. Er präsentierte damals die Kopie eines „temporären“ Diploms der Istanbuler Akademie für Wirtschaft und Handel aus dem Jahr 1981. Zwei Jahre später tauchte ein neues Dokument auf: ein Diplom der Fakultät für Ökonomie und Verwaltungswissenschaften der Istanbuler Marmara-Universität, ebenfalls aus dem Jahr 1981. Dieses Papier warf allerdings neue Fragen auf. Die Marmara-Universität gab es 1981 noch gar nicht, sie wurde erst 1982 gegründet. Die Fakultät, an der Erdogan 1981 seinen Abschluss gemacht haben will, existiert sogar erst seit 1983.

Nachdem in der Öffentlichkeit Zweifel an der Echtheit des Dokuments aufkamen, tauchte ein drittes, anders aussehendes Diplom auf – wieder von der Marmara-Universität, wieder aus dem Jahr 1981. Grafiker stellten fest, dass es in einer Schrifttype verfasst ist, die von der Firma Microsoft erst 2005 auf den Markt gebracht wurde. Überdies fehlen auf dem Dokument die Unterschriften des Dekans und des Rektors der Universität. Widersprüche über Widersprüche: In der Zeit, als Erdogan an der noch gar nicht existierenden Marmara-Universität studiert haben will, führten ihn die Istanbuler Verkehrsbetriebe als Vollzeitbeschäftigten.

„Auch Propheten sind ohne Diplom ausgekommen“

Der Staatschef kann der neu aufgeflammten Kontroverse gelassen zusehen. Kein türkisches Gericht wird es wagen, ihm wegen des fehlenden Abschlusses sein Amt abzuerkennen. Überdies kommt ihm zupass, dass der Oberste Wahlrat am 30. April die Präsidentschaftskandidaten von der Verpflichtung entband, ihr Universitätsdiplom vorzulegen. Der Istanbuler AKP-Abgeordnete und enge Erdogan-Vertraute Metin Külünk hält die ganze Debatte sowieso für überflüssig. Auf Twitter schrieb der Parlamentarier, auch die Propheten seien ohne Diplom ausgekommen.

Von RND/Gerd Höhler

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