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Politik „Der Amoklauf hat mein Leben auf den Kopf gestellt“
Nachrichten Politik „Der Amoklauf hat mein Leben auf den Kopf gestellt“
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14:43 11.03.2019
Gisela Mayer engagiert sich, um Wiederholungen solcher Taten zu verhindern. Quelle: Silas Stein/dpa

Frau Mayer, der Amoklauf liegt jetzt zehn Jahre zurück. Was hat er für Sie im Persönlichen bewirkt?

Ich führe seit zehn Jahren unfreiwilliger Weise ein anderes Leben als vorher. Der Amoklauf hat mein Leben auf den Kopf gestellt. Das ist äußerlich gar nicht so sehr sichtbar – außer der Tätigkeit in der Stiftung. Was sich grundlegend geändert hat, ist der Blick auf Menschen und das, was in der Welt geschieht und geschehen kann. Denn an jenem Tag vor zehn Jahren ist alles ins Wanken geraten, was ich bis dahin für selbstverständlich hielt. Ich hätte es nicht für vorstellbar gehalten, dass in einer friedlichen schwäbischen Kleinstadt so etwas wie Amok überhaupt möglich ist. Amok gab es nicht in meiner Welt.

Und was hat der Amoklauf im Allgemeinen bewirkt?

Das Thema ist nicht nur in mein Leben eingebrochen. Gott sei Dank haben viele damit begonnen, sich damit zu beschäftigen. Wir haben gemeinsam mit Fachleuten versucht, die Ursachen für Amokläufe herauszufinden, um präventiv handeln zu können. Das war das Neue.

Was hat sich daraufhin konkret verändert?

Es gibt jetzt unangekündigte Kontrollen bei privaten Waffenbesitzern. Die Ergebnisse waren anfangs erschreckend; in 50 Prozent der Fälle gab es Verstöße gegen die Aufbewahrungsvorschriften. Heute ist es viel besser. Er gab außerdem eine Amnestieregelung. Waffen, die zum Beispiel vererbt worden waren, konnten einfach abgegeben werden. Drittens gibt es ein Beratungsnetzwerk Amokprävention, das wir mit der Universität Gießen betreiben. Da können sich Menschen melden, die beunruhigt sind über das Verhalten eines Mitmenschen. Es hat seit 2015 in etwa 200 Fällen reagiert. Wir haben dabei festgestellt, dass die Anrufer in 80 Prozent der Fälle genau auf der richtigen Spur waren.

Prävention verbessert

Und was ist noch geschehen?

Schließlich wurde hier in Baden-Württemberg die Schulsozialarbeit ausgebaut. Das muss in allen Bundesländern und in allen Schultypen passieren. All das ist gut. Aber es reicht noch nicht.

Ihr Ziel war lange Zeit, großkalibrige Waffen zu verbieten. Das ist nicht gelungen. Im Gegenteil, die Zahl der Waffen steigt wieder, weil heute anders als 2009 ein Gefühl allgemeiner Unsicherheit herrscht. Frustriert Sie das?

Es bereitet uns große Sorgen. Und es ist nicht einzusehen, warum Sportschützen großkalibrige Waffen brauchen. Was uns noch mehr Sorge bereitet, ist allerdings der extrem angestiegene Besitz von eigentlich frei verkäuflichen Waffen.

Sie meinen den Kleinen Waffenschein, mit dem man sich zum Beispiel Schreckschusswaffen besorgen kann.

Ja, die Zahlen sind enorm gestiegen. Und das Verrückte ist: Das Gefühl der Sicherheit steigt parallel zur realen Gefahr. Denn Menschen, die im Umgang mit solchen Waffen nicht geübt sind, gefährden damit sich und andere. Zudem können die Waffen von kundigen Händen umgebaut werden zu wirklich gefährlichen Waffen.

Was sind Ihre Erwartungen an die Politik?

Wir erwarten, dass diese Waffen nur verkauft werden in Verbindung mit einer Schulung für den Gebrauch. Dabei sollte das Bedürfnis für einen Kleinen Waffenschein regelmäßig überprüft werden. Wichtig finden wir auch, das Darknet zu kontrollieren. Dort besteht die Möglichkeit, sich illegal Waffen zu besorgen. Hier muss der Staat einschreiten.

„Wir haben keine Konfliktkultur“

Auch wenn es nach Erfurt 2002, Emsdetten 2006 und Winnenden 2009 nur noch einen großen Amoklauf gab, nämlich den im Olympia-Einkaufszentrum in München 2016, hat man den Eindruck, dass die Faktoren, die Amokläufe begünstigen, eher häufiger anzutreffen sind. Stimmt das?

Wir haben jedenfalls in unserer Gesellschaft mannigfaltige Probleme. Wir haben mit der gespaltenen Haltung zum Thema Migration große Probleme. Wir haben im Umgang miteinander große Probleme. So ist das rasante Anwachsen von Gewalt auf Schulhöfen nichts anderes als ein Spiegel der Gesellschaft. Und wir haben einen Umgangston auch in politischen Debatten, der in dieser Form verderblich ist. Wenn Beleidigungen an der Tagesordnung sind, sind auch persönliche Verletzungen an der Tagesordnung. Und solche zumindest gefühlten Verletzungen sind – das wissen wir – auch Ursache für Amoktaten. Die Gefahr steigt also. Positiv ist, dass wir mehr darüber wissen.

Die Gefahr von Amokläufen steigt, weil sich das Klima so verschärft hat?

Richtig. Wir haben heute berechtigte Diskussionen. Aber wir haben keine Konfliktkultur. Das ist das Problem.

Sie arbeiten jetzt seit zehn Jahren daran, die Folgen der Tat aufzuarbeiten. Werden Sie irgendwann mal damit aufhören?

Ich denke nicht, dass ich in absehbarer Zeit aufhören kann. Denn ich betrachte die Arbeit als wesentlich. Die Nachfrage aus Schulen steigt beispielsweise enorm. Insofern ist kein Ende in Sicht.

Von Markus Decker/RND

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