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Schleswig-Holstein "Wir werden nicht zusammen alt werden"
Nachrichten Schleswig-Holstein "Wir werden nicht zusammen alt werden"
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18:08 10.06.2018
Von Imke Schröder
Miri und Carsten Köthe machen anderen Krebskranken Mut. Quelle: Imke Schröder
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Kiel

Das Wichtigste zuerst: Wie geht es Euch?

Miri: Der Spruch ist so doof, aber auf uns trifft er einfach zu: Den Umständen entsprechend gut. Wir sind nun mal krank, beide chronisch krebskrank, bei mir noch ein Ticken schlimmer als bei Dir, Carsten, weil ich einfach ein blöderes Krankheitsbild habe, aber momentan sind wir beide behandlungsfrei. Wir haben gerade keine Chemo, ich bekomme eine dreiwöchige Therapie, die aber nicht so schlimme Nebenwirkungen wie eine Chemo hat, wie dass einem die Haare ausfallen.

Wie erlebt man es als Partner, wenn so eine Diagnose gestellt wird?

Carsten: Als 2008 bei Miri die Diagnose Brustkrebs gestellt wurde, war ich ein Ticken hilfloser. Bei ihr musste alles ganz schnell gehen, Diagnose, Arztgespräch und noch ehe ich wusste, was eigentlich passiert, lag sie schon auf dem Operationstisch und die erste Chemo lief in sie rein. Bei meinem Krebs ist das etwas anders, der wurde entdeckt, aber ich hatte dann noch zwei Jahre Zeit bis die Therapie begann. Da hatten wir den Vorteil, dass wir wussten wie es geht. Miri wusste ohne viele Worte wie es mir geht. An einem der ersten Tage als ich wieder zu Hause war, bin ich morgens die Treppe runtergekommen und direkt rechts ins Bad abgebogen und hab mich übergeben. Da fiel Miri ein: Scheiße, ich habe Kaffee gekocht. Und Kaffee und Chemo, das ist eine Kombination, die geht eine zeitlang gar nicht.

M: Der Geruch vor allem. Normalerweise ist Carsten ein totaler Kaffee-Junkie. Aber der Geruchssinn ändert sich durch die Chemo so extrem.

C: Kurz bevor es bei mir losging wurde bei Miri noch ein Lymphknoten entfernt und sie musste zur Bestrahlung. Dann wurden bei mir die Schmerzen immer schlimmer und wir haben dann versucht, meine Chemo eine Woche hinauszuzögern, so dass wir uns die Kliniktür in die Hand gegeben haben.

M: Wir haben von Anfang an geschworen, das Beste aus der Situation zu machen. Und das kriegen wir ganz gut hin – vielleicht auch gerade, weil wir es beide haben.

Was hat Euch am meisten geholfen?

M: Wenn Menschen uns wie ganz normale Menschen behandelt haben und nicht wie Kranke. Als ich 2008 das erste Mal an Brustkrebs erkrankt bin, da war das auch bei meinen Freundinnen ein großes Thema und wir haben immer Mädelsabende zusammen gemacht. Als der zum ersten Mal nach meiner Chemo anstand, wurden alle benachrichtigt – nur nicht ich. Weil sie sich nicht getraut haben und dachten, es geht mir nicht gut genug. Als ich das erfahren habe, war ich unfassbar traurig und meinte, sie sollen mich einfach behandeln wie immer. Schlussendlich ist es meine Entscheidung, ob ich mich gut fühle oder nicht.

C: Ein Freund kam zum Beispiel einfach vorbei mit Obst und Jonglierbällen. Er meinte, ihm fehlen die Worte, aber Obst ist immer gesund und durchs Jonglieren kommt man nervlich etwas runter und kann die Bälle auch gegen das Taubheitsgefühl in den Fingern, was manchmal durch die Chemo entsteht, nutzen.

M: Der hatte sich richtig Gedanken gemacht und war einfach da, das fand ich unfassbar geil.

C: Mir hat aber am allermeisten positives Denken geholfen. Ich war immer jemand für den das Glas halb voll ist. Auch heute noch. Wir leben jetzt zehn Jahre mit diesem Damoklesschwert, bei Miri hängt das schon deutlich tiefer als bei mir, aber uns sind immerhin schon mal zehn Jahre geschenkt worden. Das hätte auch ganz anders ausgehen können, und das empfinde ich als ganz großes Geschenk.

M: Bei meiner Wiedererkrankung vor zwei Jahren war es auch ein Zufallsbefund. Wir wohnen auf Sylt und hatte seit ein paar Tagen Bauchschmerzen und ich bin zu meinem Hausarzt gegangen, der kurz vorm Feierabend darauf bestand einmal genauer hinzugucken. Er fand dann eine Magenschleimhautentzündung und sah dann, dass auf der Leber größere Flecken sind. Und zwar nicht nur einer. Nach dem Wochenende war ich dann in Kiel bei meinem Team und mittags stand fest, es sind Lebermetastasen. Ich bin meinem Arzt wirklich dankbar, ohne die Magenschmerzen und dem Befund wäre ich heute nicht mehr hier. Ich bin also schon zwei Mal an der Klippe stehen geblieben.

Wie sind Eure Perspektiven?

C: Wir sind beide unheilbar krank. Meine Krebserkrankung kommt irgendwann wieder und ich glaube auch, dass sich bei meiner Form die Medizin weiterentwickelt. Bei Miri ist das was anderes, bei ihr ist durch die Lebermetastasen die Uhr angestellt worden. Das wissen wir auch. Wir werden wahrscheinlich nicht als Rentnerehepaar am Schreventeich sitzen und Enten füttern. Aber das ist halt so. Und vielleicht sind wir auch ein medizinisches Wunder.

M: Die Hoffnung hat man natürlich. Die Lebenserwartung für Lebermetastasen sind nur ein paar Jahre ab Entdeckung. Bis heute hat man nichts gefunden, dass die abtötet und verhindert, dass sie sich weiter ausbreiten. Dabei haben nur zehn Prozent der Brustkrebspatientinnen Metastasen, davon bin ich eine. Und die sitzen leider auf allen Lebersegmenten, deshalb kommt keine Operation in Frage. Das ist Mist, klar, aber wir versuchen, uns nicht davon beeindrucken zu lassen. Wir leben auf jeden Fall bewusster als vorher.

Wie äußert sich das?

C: Wir haben auch vorher schon das Leben genossen und uns an Sonnenuntergängen und schönen Tagen erfreut. Jetzt versuchen wir, uns diese Zeit noch häufiger zu nehmen. Das gelingt nicht immer, der Alltag-Arbeits-Trott holt auch uns ein. Das ist auch gut, weil es auch ein Stück Normalität bedeutet. Aber wenn wir jetzt die Idee haben, wir waren noch nie in London, sehen wir zu, dass wir den nächsten Urlaub buchen. Wir schieben nichts mehr vor uns her.

M: Wir waren letztes Jahr in London und Amsterdam und machen viele Städtetouren, die schiebe ich nicht mehr ein oder zwei Jahre auf die Bank. In diesem Jahr geht es nach New York, weil ich beim letzten Mal versäumt habe, Schlittschuhlaufen im Central Park zu gehen.

C: Aber auch das müssen wir mit allen Reiserückrückrücktrittsversicherungen machen, die es gibt.

Hast Du eine Bucket List, was Du noch erleben willst?

M: Nachdem unser letzter Versuch gescheitert ist zu meiner Lieblingsband Guns’n‘Roses zu gehen, holen wir das jetzt in Gelsenkirchen nach. Und ich möchte auch weiterhin nach Wacken. Dafür schlägt mein Herz, ich liebe es, da Stimmen einzuholen und zu arbeiten. Aber ich habe tatsächlich als ich mein Buch „Teufelchen in meiner Brust“ geschrieben habe, gleich eine Liste angelegt, die hinten im Buch steht. Einen Magnolienbaum wollte ich zum Beispiel immer gerne haben, den habe ich von Freundinnen geschenkt bekommen.

C: Wir schieben nichts mehr auf die ganz lange Bank. Wir gehen zwar nicht auf Abschiedstour, aber wir wollen die Sachen nicht so lange rauszögern.

M: Ich wollte immer nach Amsterdam und hab dann im letzten Jahr die Krankheitskarte gespielt, dass ich da unbedingt hinmöchte.

Wisst Ihr noch wie es war, als ihr den anderen zum ersten Mal getroffen habt?

M: Die Situation war eher unglücklich. Ich kam von der Provinzial und hab als Praktikantin bei RSH angefangen, da sind meine Eltern schon fast in Ohnmacht gefallen. Damals durfte man beim Radio sofort eigene Beiträge machen und Carsten war derjenige, der meine Beiträge abnehmen musste. Und irgendwie fand ich ihn ganz putzig.

C: Sie hatte ganz lange blonde Haare fast bis zum Hintern und hatte tolle Beine von der rhythmischen Sportgymnastik. Das ist mir zuerst aufgefallen.

M: Ich werde ja ganz rot.

Wann ist Euch aufgefallen, dass es Liebe sein könnte?

M: Unser erstes Date war auf der Kieler Woche, das war etwas unglücklich, weil wir beide nicht wollten, dass wir uns treffen, ich wollte schließlich auch einen Job beim Radio bekommen. Sollte etwas heimlich bleiben. Das klappt auf der Kieler Woche natürlich nicht.

C: Es endete in aller Früh knutschenderweise am Kleinen Kiel. Und die Enten haben uns dabei zugeguckt.

M: Am nächsten Tag wusste es auch die ganze Firma.

C: Ich habe Miri dann unter einem Vorwand zu mir nach Hause eingeladen, sie sollte mir CDs bringen. Ich hatte allerdings vergessen, dass ein wichtiges WM-Spiel an dem Tag stattfand. Und ich habe in meinem Nationalmannschaftstrainingsanzug die Tür geöffnet.

M: Inklusive Tennissocken und Adiletten.

C: Da ist Miri fast zum Auto zurückgegangen, aber sie ist dann trotzdem reingekommen. Deutschland hat das Spiel auch verloren.

M: Ich habe von Anfang an seine Fröhlichkeit gemocht.

C.: Wir haben dann ganz klein geheiratet, weil uns immer angedroht wurde, dass die Kollegen eine Liveleitung ins Standesamt legen. Deswegen haben wir das heimlich in Husum im Standesamt gemacht. Natürlich haben wir dann einen Kollegen vom NDR im Foyer getroffen und sind fast aufgeflogen.

Verheiratet seid ihr seit dem 13. Dezember 1996. Wer hat denn den Antrag gemacht?

C: Es gab bei uns keinen Antrag, wir haben das gemeinsam so entschieden.

M: Das war einfach so klar.

C: Uns fehlt auch beiden etwas das Romantikgen, hätte ich ihr in der vollbesetzten Ostseehalle einen Antrag gemacht, hätte sie mich wahrscheinlich geköpft. Wir haben das einfach auf dem Sofa sitzend entschlossen. Wir haben das aber sehr schnell nach anderthalb Jahren entschieden, aus heutiger Sicht fast zu schnell, da kennt man sich kaum. Aber wir waren uns einfach sicher.

M: Ich möchte dich nicht mehr tauschen, Schatz.

Ihr habt keine Kinder, ist das etwas, was ihr vermisst?

C: Das ist nicht so, dass wir keine haben wollten, aber es hat sich nicht so ergeben und wir haben uns dann gedacht, dass wir für ein anderes Leben vorgesehen sind.

M: Für ein Leben mit Krebs.

C.: Für ein Leben mit uns beiden. Wir haben da nicht mit dem Schicksal gehadert, sondern haben die Freiräume genossen, die es so auch geben kann.

M: Wir haben einfach nie aufgehört, positiv zu denken.

Aber was denkt man da, wenn erst der eine Krebs diagnostiziert bekommt und dann ist der andere auch noch „dran“?

M: Irgendwann hört man auf zu denken und nimmt es einfach. Man kann es einfach nicht ändern. Und den Kopf in den Sand stecken, das ist nicht unser Ding. Vielleicht ändert sich das auch, zurzeit geh‘ ich alle drei Monate zum Leber-MRT und weiß nie, ob ich nicht in der Woche darauf eine Chemo anfangen muss. Momentan geben die Metastasen Ruhe. Mein restliches Leben habe ich alle drei Monate diese Ungewissheit. Irgendwann werden die wieder wachsen. Das lässt sich nicht ändern.

Ihr arbeitet zusammen und lebt zusammen, wie geht man sich nicht auf die Nerven?

M: Wir kennen das nicht anders, er ist mein Mann, mein Partner, aber auch mein Freund. Das einzige, was sich unterscheidet, ist unser Musikgeschmack. Ich stehe mehr auf rockigere und härtere Musik.

C: Ich bin halt mit Schlager und Disco groß geworden.

M: Autofahren ist wegen der Musikauswahl deswegen sehr schwierig. Ansonsten kann man sich mit Carsten ganz schlecht streiten.

Was habt ihr denn sonst für Ticks?

C: Ich bin ein absoluter Morgenmensch, auch durch die Arbeit. Das war eine Probe für unsere Beziehung als ich krank geworden bin und nach 25 Jahren nicht mehr um zehn vor vier morgens aus dem Haus gegangen bin. Miri sagt bis zehn Uhr maximal Moin und auf einmal war ich da und wollte mich unterhalten.

M: Und Carsten ist ein Zeitungsjunkie. Früher hatte er quasi alles abonniert, auch alle Probeabos. Du kannst Dir nicht vorstellen wie es bei uns aussah, überall Zeitungsteile im Haus verteilt. Zum Glück hat er jetzt alle Abos als ePaper.

C: Miri durfte auch nichts wegwerfen, weil ich aus jeder Zeitung Artikel ausschneiden wollte.

M: Ich habe ansonsten einen Klamottentick und hab auch immer gerne Schuhe gekauft, durch die Therapie habe ich aber sehr schmerzende Füße und kann ganz viele nicht mehr tragen, weil ich auch spezielle Einlegesohlen benötige. Das ist ein bisschen schade, aber ich habe meine guten Zeiten auf High Heels gehabt. Und klamottentechnisch hat mittlerweile auch Carsten Geschmack daran gefunden. Als ich ihn kennenlernte, trug er nämlich einen Schäfchenpulli. Den habe ich zuallererst entsorgt.

C: Miri kann sich sonst aber schwer von Sachen trennen und sagt immer, sie trägt es auf den Flohmarkt. Das tut sie aber nicht. Und wenn, kommt sie mit mehr Kisten zurück, als sie hingegangen ist. Aber der einzige Grund, warum wir uns streiten, ist eigentlich Ikea. Vom Reingehen, bis zum Aussuchen und Abtransportieren. Und ich bin absolut kein Handwerker, deswegen kommt der größte Streit, wenn ich die Möbel aufbauen soll. Ich habe noch nie etwas aufgebaut, was am Ende nicht klemmte oder wackelte.

M: Ich muss mir tatsächlich jemanden suchen, der Bilder aufhängt.

Was liebt ihr denn am meisten am anderen?

M: Ich mag seine stets fröhliche und lustige Art, und dass er so besonnen und zuverlässig ist, ach, er ist einfach der Beste.

C: Mit Miri kann man unglaublich viel Spaß haben und sie hat mir beigebracht, auch mal nein zu sagen. Und sie ist auch meine beste Freundin.

M: Und wir hoffen sehr, dass wir unsere Silberhochzeit noch schaffen. Die ist in knapp drei Jahren. Die Vorbereitungen laufen. Optimist bleibt Optimist. Lieber Krebs: du kannst uns mal…!!!

Die Köthes

Miriam und Carsten Köthe leben in Kiel-Russee und auf Sylt, wo sie auch Montag bis Freitag bis 10 bis 14 Uhr das Radioprogramm von Radio Schleswig-Holstein verantworten. Nach ihrer Brustkrebserkrankung schrieb sie ein Buch "Teufelchen in der Brust", aus welchem sie regelmäßig liest. Aktuelle Informationen können Sie Ihrer Homepage entnehmen. 

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