Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Schleswig-Holstein Spurensuche zu einer Tragödie
Nachrichten Schleswig-Holstein Spurensuche zu einer Tragödie
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
18:45 14.03.2018
Blumen und Grablichter stehen an einem Mehrfamilienhaus. In dem Gebäude ist am Montag eine 17-Jährige nach Messerstichen gestorben. Bei dem Tatverdächtigen im Fall des gewaltsamen Todes einer 17-Jährigen in Flensburg handelt es sich um einen Asylbewerber aus Afghanistan. Quelle: Carsten Rehder/dpa
Flensburg

Fünf Grablichter mit Leuchtdioden und drei Rosensträuße stehen am Mittwoch an dem Hauseingang, der zum Tatort führt. Es ist ein Flensburger Mietshaus. Eine junge Frau hat Tränen in den Augen. Ihr Begleiter legt tröstend den Arm um sie. Zweiter Stock: Vor der Wohnung, in der eine 17-Jährige erstochen wurde, brennen echte Grablichter. Ein gerahmtes Foto zeigt das Porträt der Jugendlichen. Ein 18-jähriger Tatverdächtiger sitzt in Untersuchungshaft. Es handelt sich um einen afghanischen Flüchtling, dessen Asylantrag abgelehnt wurde, wenn auch noch nicht rechtskräftig.

Kripobeamte sind in das Genossenschaftshaus mit 25 Parteien gekommen und befragen Hausbewohner, um das Verbrechen vom Montagabend aufzuklären. Manches deutet auf eine Beziehungstat hin, auf eine zerbrochene Liebe unter Teenagern. Ein Problem könnten auch kulturelle Unterschiede gewesen sein. Und es stellt sich die Frage, ob es Schwachstellen gibt bei der Betreuung von Jugendlichen durch die Behörden - grundsätzlich und auch im konkreten Fall. Ob die Fürsorgepflicht erfüllt wurde.

„Der Fall wird sicherlich bei manchen Kopfkino auslösen“, sagt Benita von Brackel-Schmidt, die seit der Gründung 2015 für „Refugees Welcome Flensburg“ arbeitet. Sie selbst betreut fünf afghanische Jugendliche, die inzwischen zwischen 17 und 20 Jahre alt sind. Nach ihrem Kenntnisstand war der mutmaßliche Täter als unbegleiteter minderjähriger Flüchtling nach Deutschland gekommen und wurde von den Behörden betreut. Auch die getötete 17-Jährige - sie hatte die deutsche Staatsangehörigkeit - sei ihres Wissens von den Behörden betreut worden.

„Wenn junge Afghanen die Ablehnung ihres Asylantrages erhalten - und sie bekommen fast alle zunächst eine Ablehnung - ist das ein richtiger Stressfaktor“, sagt von Brackel-Schmidt. „Das kann aber überhaupt nicht als Erklärung für das schreckliche Verbrechen herhalten und steht meines Erachtens auch nicht in direktem Zusammenhang - ich kenne viele Afghanen, die mit Vernunft auf einen negativen Asylbescheid reagieren.“

Ein gravierendes Problem sieht die Flüchtlingshelferin darin, dass viele unbegleitete minderjährige Afghanen mit dem 18. Geburtstag schlagartig aus ihren betreuten Wohngruppen entlassen werden. „Dann fallen viele in ein tiefes Loch. Manche kehren zurück in Wohnunterkünfte für Asylbewerber, denn es gibt zu wenige Wohnungen.“

Dabei ist eine Verlängerung der Jugendhilfe bis zum 21. Lebensjahr gesetzlich möglich - für Deutsche und für Ausländer. „Aber es fehlt oft an Personal oder es fehlt an Qualifikationen. Das eigentlich ausreichende Geld könnte effektiver eingesetzt werden für eine gelingende Betreuung“, meint die Aktivistin.

Dass die Vorstellungen in Liebesfragen zwischen deutschen Jugendlichen und Afghanen kulturell manchmal unterschiedlich sind, bestätigt von Brackel-Schmidt. „Wenn einer meiner afghanischen Jugendlichen das Scheitern einer Beziehung erlebt, empfindet er dies zuerst als Katastrophe wie jeder Jugendliche. Ich sage dann: „Sei froh, vielleicht lernst du noch jemanden kennen, der dir viel besser gefällt und zu dir passt“.“ Und die Jugendlichen müssten auch lernen, dass hierzulande ein Mädchen mit einer Beziehung Schluss machen kann und dass dies völlig normal sei.

Brackel-Schmidt kann nicht begreifen, dass oft erst nach zwei Jahren ein Integrationskurs bewilligt wird - „und dann lernt man, nicht bei Rot über die Ampel zu gehen, das hat bis dahin dann auch schon jeder begriffen.“ Wichtiger wäre es, den Asylbewerbern zu erklären, „wie unsere Gesellschaft funktioniert“.

Laut Staatsanwaltschaft haben sich das Mädchen und der junge Mann „besser gekannt“ - auch wenn der genaue Beziehungsstand für die Behörden noch unklar ist. Ein Nachbar bezeichnete das Opfer laut „Bild“-Zeitung als „fröhliches, aufgeschlossenes Mädchen“. Doch: „Vor ein paar Monaten ging sie dann nur noch mit Kopftuch vor die Tür und verhielt sich sehr zurückhaltend.“ Das „Flensburger Tageblatt“ zitiert einen namentlich nicht genannten Nachbarn, dass es wiederholt lautstarke Auseinandersetzungen zwischen den beiden jungen Leuten gegeben habe.

Flensburgs Oberbürgermeisterin Simone Lange (SPD), selber früher Kriminalbeamtin, zeigt sich bestürzt: „Ich bin grundsätzlich schockiert, weil das ein so tragischer Vorfall ist.“ Ihr sei sehr daran gelegen, der Familie des Mädchens ihr Beileid auszusprechen. „Wir alle sind betroffen.“ Nun müssten die Ermittlungen abgewartet werden. „Darauf sollten wir Rücksicht nehmen und nicht spekulieren.“

Von dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Dänische Behörden haben an der Grenze zu Deutschland seit Wiedereinführung der Grenzkontrollen rund 5500 Ausländer abgewiesen. Das erklärte Justizminister Søren Pape Poulsen am Mittwoch laut Nachrichtenagentur Ritzau auf Anfrage der rechtspopulistischen dänischen Volkspartei.

14.03.2018

Nach dem gewaltsamen Tod einer 17-Jährigen in Flensburg ist gegen einen 18-Jährigen Haftbefehl erlassen worden. Dies teilte ein Sprecher des polizeilichen Lagezentrums in Kiel in der Nacht auf Mittwoch mit. Bei dem Tatverdächtigen handele es sich um einen Asylbewerber aus Afghanistan.

14.03.2018

Zwei Unbekannte haben in Bad Oldesloe einen 40-Jährigen in dessen eigener Wohnung überfallen und ausgeraubt. Die Polizei sucht nach Zeugen des Vorfalls.

14.03.2018