Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Schleswig-Holstein Freud' und Leid wegen Dauerhitze
Nachrichten Schleswig-Holstein Freud' und Leid wegen Dauerhitze
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:14 26.07.2018
Bei den Temperaturen lässt es sich tagsüber nur im Schatten aushalten. Quelle: Bodo Marks/dpa
Kiel/Hamburg

Sonne satt und das seit Monaten. An ein so langes und stabiles Wetter-Hoch können sich auch ältere Norddeutsche kaum erinnern. Anders als sonst und auch im verregneten Vorjahr müssen Schleswig-Holsteiner und Hamburger nicht voller Neid nach Süden blicken. Nord- und Ostsee locken auch Nicht-Hartgesottene ins Wasser; laue Abende sorgen überall für entspannte Stimmung. Doch Leidtragende gibt es auch. Die Hitze belastet viele Menschen; Wiesen und Golfplätze vertrocknen. Von «glühenden Landschaften» sprach schon der Kieler Minister Robert Habeck (Grüne).

Auf über 30 Grad sind die Temperaturen mittlerweile gestiegen. Stellenweise gab es am Mittwoch mal wieder Regen, und das zum Teil nicht zu knapp. So hat es im Naturpark Aukrug richtig gegossen. Aber die Hochdruck-Front bleibt stark, am Donnerstag wurden örtlich Rekorde gebrochen. Die Hitze veranlasst Arbeitgeber, ihre Mitarbeiter mit Wasser zu versorgen und Bekleidungsvorschriften zu lockern.

WETTEREXTREME:

Eine so lange Hitze- und Trockenperiode sei für den Norden schon sehr ungewöhnlich, sagt der Meteorologe Sebastian Wache vom Kieler Dienstleister WetterWelt. Die hier typischen Tiefdrucklagen seien ausgefallen. «Wir haben eine festgefahrene Situation.» Skandinavien- und Azoren-Hochs sorgen im Wechselspiel dafür. Selbst Hurrican «Chris» konnte die Allianz nicht knacken. In Itzehoe fielen im Juli bis Mittwoch 2,3 Liter Regen je Quadratmeter. Normal sind gut 85. In Leck waren es 0,5 Liter, bei einer Norm von 59,7. Im Landesschnitt hätten seit Februar 306 Liter zusammenkommen sollen, tatsächlich waren es 185.

REKORDTEMPERATUREN:

Die Temperaturen sind weiter auf Rekordkurs. Am Donnerstagnachmittag wurden nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes (DWD) in Hamburg-Finkenwerder 34 Grad Celsius gemessen. In Schleswig-Holstein lag die höchste Temperatur bei 33,4 Grad, gemessen in Grambek im Kreis Herzogtum Lauenburg. List auf Sylt brachte es auf 32,8 Grad Celsius. Erträglicher waren die Temperaturen nur auf Helgoland (27,4 Grad Celsius). An vielen Stationen seien die höchsten jemals an einem 26. Juli registrierten Werte gemessen worden, unter anderem in List auf Sylt und auf Helgoland.

URLAUBER:

Die Strände sind überall voll, die allermeisten Ferienquartiere auch. Ausflugsfahrten auf dem Wasser sind bestens gebucht. Strandkörbe werden knapp. Die Außengastronomie vor allem an Nord- und Ostsee boomt. "Alles, was einen Außenbereich und gute Sicht hat, schreibt Rekordzahlen", sagt Schleswig-Holsteins Dehoga-Vizepräsident Lutz Frank. Teilweise suchten die Betriebe weiteres Personal.

EISDIELEN:

Viel zu tun haben die "Eismacher" von Giovanni L. in Kiel. "Wir haben die Maschinen komplett hochgefahren", sagt Sprecherin Christiane Kühl. Das Unternehmen produziert in Kiel Eis für rund 200 Läden weltweit. Der Großteil entfällt auf Deutschland. "Total beliebt sind Sorbets, die sind momentan der Renner." Seit Mai hat die Kette 430 Tonnen Speiseeis und Sorbet produziert.

GETRÄNKE:

Hier gibt es zum Teil Versorgungsengpässe, berichtet auch die Kette Getränke-Hoffmann, die in Schleswig-Holstein 54 Filialen hat und hier nach eigenen Angaben Marktführer ist. Die Dauerhitze und auch Ereignisse wie die Fußball-WM hätten den Absatz bei Wasser, Bier und Softdrinks seit langem in die Höhe getrieben, sagt Sprecher Bojan Nikolic. "Das geht quer durch das Sortiment." Dies führe einige Produzenten an Kapazitätsgrenzen. Außerdem fehlten Mehrwegflaschen, weil viele Kunden auf Vorrat einkauften und das Leergut lange zu Hause behielten.

LANDWIRTSCHAFT:

Dramatisch ist die Situation für Bauern. Sie stellen sich auf drastische Einbußen bei der Ernte ein. Knapp ein Viertel weniger als 2017 ist die Prognose. Futter ist mittlerweile knapp und teuer. Deshalb gab es auch schon Notschlachtungen. "Wir haben ein extremes Jahr, ein echtes Seuchenjahr für die Landwirtschaft", sagte Minister Robert Habeck (Grüne). Genaueres geben am Freitag Bauernverband und Landwirtschaftskammer bekannt.

GESCHÄFTSIDEE:

Mit Regenschirmen ist derzeit kein Geschäft zu machen. Das erlebt auch Immobilienunternehmer Carsten Löntz. Er hat Mitte Mai in seinem Parkhaus in der Lübecker Innenstadt einen Regenschirm-Automaten mit 50 Exemplaren aufgestellt. "Von denen sind bislang gerade vier oder fünf verkauft», sagte er.

GESUNDHEIT:

Viele Notfallambulanzen in Schleswig-Holstein haben alle Hände voll zu tun. Sie müssen besonders viele Patienten mit Herz/Kreislauf-Problemen behandeln. Die Notaufnahme am Uniklinikum in Kiel nimmt normalerweise im Monat rund 3000 Patienten auf, sagt Leiter Domagoj Schunk. Jetzt seien es zwei, drei, vielleicht fünf Prozent mehr. "Zunehmend kommen auch junge Leute." Wer bei diesem Wetter ein Durstgefühl bekomme, sei mit Trinken vielleicht schon zu spät dran. Und wenn man lange nicht auf der Toilette war, sei auch das ein Warnsignal.

WASSER:

Wasserknappheit ist in Lübeck laut Stadtwerken kein Thema. "Wir fördern aus tiefem Grundwasser und sind nicht abhängig beispielsweise von Talsperren, Flüssen oder Uferfiltrat", sagt Pressesprecher Lars Hertrampf. Steigt der Bedarf, kann mehr gefördert werden. "Außerdem haben wir Urlaubszeit, das heißt in vielen Betrieben und Haushalten wird schlicht weniger Wasser verbraucht, so dass der Temperatureffekt kompensiert wird." Aktuell liege der Verbrauch zwischen 40 000 und 45 000 Kubikmetern am Tag, das seien rund 15 Prozent mehr als im Durchschnitt der vergangenen Jahre. 

WALDBRANDGEFAHR:

Laut DWD gilt in Schleswig-Holstein ganz überwiegend die zweithöchste Warnstufe 4. Nur in einem Streifen entlang der Ostseeküste vom nördlichen Ostholstein bis Flensburg sowie auf den nordfriesischen Inseln ist es eine Stufe darunter.

PROGNOSE:

Der Meteorologe Wache erwartet für Sonnabend und wohl auch nächsten Mittwoch Regen, zum Teil auch starken. Aber dazwischen und vermutlich auch danach stehen die Zeichen wieder auf Sonne satt. "Den lang ersehnten Landregen gibt es nicht", sagt Wache.

Von dpa

Kommentare
Die Debatte geht am Morgen weiter
Die Kommentarfunktion ist zwischen 22:00 und 06:00 Uhr nicht aktiv – denn wir wollen eine gute Moderation der Beiträge gewährleisten.
Wir freuen uns am Morgen über Ihre konstruktiven Beiträge zum Thema!

Die Temperaturen in Hamburg und Schleswig-Holstein sind weiter auf Rekordkurs. An vielen Stationen seien die höchsten jemals an einem 26. Juli registrierten Werte gemessen worden, unter anderem in List auf Sylt und auf Helgoland, sagte DWD-Meteorologe Markus Eifried.

26.07.2018

Waaaackeeen! In knapp einer Woche tönt dieser Ruf wieder durch eine kleine Gemeinde in Schleswig-Holstein. Das Wacken Open Air zieht tausende Metal-Fans in das nördlichste Bundesland. Doch wie gut kennen Sie die Veranstaltung? Testen Sie Ihr Wissen in unserem Quiz.

Kerstin Tietgen 26.07.2018

Am Tag nach der großen Suchaktion in der Kieler Förde gibt es fast keine Hoffnung mehr, den vermissten Schwimmer noch lebend zu finden. Die Wasserschutzpolizei werde das Gebiet am Donnerstag allerdings noch regelmäßig abfahren, so ein Sprecher.

Niklas Wieczorek 26.07.2018