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Schleswig-Holstein Ein Jahr nach der Schlei-Verschmutzung
Nachrichten Schleswig-Holstein Ein Jahr nach der Schlei-Verschmutzung
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09:54 26.01.2019
Blick auf die Schlei: Aus der Kläranlage in Schleswig sind 2018 große Mengen an Kunststoffteilchen in die Schlei gelangt. Die Plastikteile stammen vermutlich aus geschredderten Speiseresten, die dem Faulschlamm zugemischt wurden, um Energie zu gewinnen.  Quelle: Carsten Rehder/dpa
Schleswig

Auf einmal waren sie da: Kleine bunte Kunststoffteilchen, oft nur wenige Millimeter groß, lagen im Schilf und an Stränden der Schlei. Ende 2017, Anfang 2018 mehrten sich die Meldungen über die Plastikschnipsel in dem Meeresarm. Ein Verursacher wurde gesucht und schließlich auch gefunden: Anfang März wurde öffentlich bekannt, dass die Teilchen aus geschredderten Speiseresten über das Klärwerk unabsichtlich in das Gewässer gelangt sind.

Die Lebensmittelreste wurden dem Faulschlamm zugemischt, um Energie zu gewinnen. Eine übliche Praxis, die die Stadtwerke im Februar abstellten. Auch das Umweltministerium wurde aktiv und regelte später in einem Runderlass, dass die Zugabe von Bioabfällen in Faultürme nur noch zulässig ist, wenn nachgewiesen werde, dass diese frei von jeglichen Fremdstoffen seien.

500 Tonnen entfernt

Zahlreiche Helfer säuberten Monate lang systematisch die Uferbereiche und den Wasserkörper. Die Stadtwerke bauten ein Siebboot, um Kunststoffteilchen aus dem Wasser herauszuholen. Nach Angaben von Stadtwerke-Chef Wolfgang Schoofs wurden allein zwischen Februar und Juni 500 Tonnen Schilf-, Seegrasreste sowie Müll und die Kunststoffpartikel von den Ufern und aus der Schlei
entfernt.

Jetzt, rund ein Jahr nach Bekanntwerden der Plastik-Verschmutzung, zieht Thorsten Roos Bilanz. Der Leiter der Abteilung Kreisentwicklung, Bau und Umwelt beim Kreis Schleswig-Flensburg blickt trotz des Umweltskandals durchaus positiv auf das vergangene Jahr. „Das erstaunt vielleicht angesichts der Situation“, sagt der Chef der unteren Naturschutzbehörde.

Plötzlich im Fokus überregionalen Interesses

Und schiebt die Begründung gleich hinterher: Zum einen funktioniere das Reinigen der Schlei von den Plastikschnipseln gut und es werde bei Bedarf auch weiter gereinigt. So wie im November, als durch das Hochwasser erneut Plastikteilchen an die Ufer gespült wurden. „Das ist auch Bestandteil unserer Ordnungsverfügung. Das heißt, wir machen die Akte quasi erst zu, wenn keine sichtbaren Belastungen mehr im Wasserkörper oder am Ufer festgestellt werden“, sagt Roos.

Zum anderen hätten Schleswig und die Schlei - wenn auch ungewollt - einen wichtigen Beitrag dazu geleistet, das Thema Mikroplastik in die Öffentlichkeit zu tragen. Plötzlich stand die Schlei im Fokus überregionalen Interesses. Große Zeitungen haben die „irrsinnige Praxis“, Lebensmittel samt Verpackung zur Kompostierung zu schreddern am Beispiel der Schlei aufgeschrieben, erinnert Roos.

Eine Konsequenz: Eine Bundesratsinitiative Schleswig-Holsteins mit dem Ergebnis, dass die Länder sich darauf einigten, die Plastikreste auf Ackerflächen in Deutschland verringern zu wollen. Zudem forderte die Länderkammer, dass in Kunststoff verpackte Abfälle komplett von der Kompostierung oder Vergärung ausgenommen werden. Schleswig-Holsteins neuer Umweltminister Jan Philipp Albrecht (Grüne) sagte damals in seiner ersten Rede im Bundesrat, es sei „ein wichtiges Signal an die Bundesregierung, beim Umweltschutz ernst zu machen.“

Wasserqualität großes Problem

Doch auch wenn die Schlei in den vergangenen Monaten vor allem durch das Thema Plastik Aufmerksamkeit erzielte, größer ist in den Augen von Roos und anderen jedoch ein anderes Problem: Die miserable Wasserqualität aufgrund von Überdüngung. Regelmäßig stellt die EU der Schlei einen „schlechten ökologischen Zustand“ aus. Unter anderem der Nabu Schleswig-Holstein fordert daher, die diffusen Nährstoffeinträge aus der Landwirtschaft drastisch zurückzufahren. Auch nach Angaben des Landesamts für Landwirtschaft, Umwelt und ländliche Räume (LLUR) spielen die hohen Gehalte an Nährstoffen, die weiterhin von Land eingetragen werden, aber auch „Altlasten“ in Form von Schlickablagerungen eine entscheidende Rolle.

88 Millionen Euro geschätzte Kosten

Roos will das „Problem nun an der Wurzel packen“, wie er sagt. Er hat ein sogenanntes integriertes Schleiprogramm erarbeitet. Ein Bestandteil ist ein eigens dafür entwickeltes Vertragsnaturschutzprogramm mit einer Laufzeit bis 2050. Es enthält verschieden landseitige Nutzungsstrategien. Unter anderem wurden verschiedene Vertragsnaturschutzangebote gemeinsam mit Vertretern des Bauernverbandes entwickelt. Die Kosten dafür summieren sich im Zeitraum 2020 bis 2050 auf jährlich durchschnittlich 2,9 Millionen Euro.

Wer die insgesamt 88 Millionen Euro geschätzten Kosten trägt, ist noch nicht klar. Der Kreis Schleswig-Flensburg hofft auf Unterstützung aus Kiel: Der Entwurf des Integrierten Schleiprogramms dient aktuell als Grundlage für Gespräche auf ministerieller Ebene, heißt es. Erste Gespräche sind nach Angaben des Umweltministeriums für Mitte der Woche geplant. Profitieren könnte von so einem Programm und einer sauberen Schlei die ganze Region, so die Hoffnung: Touristisch, ökologisch und auch wirtschaftlich.

Mehr lesen: 

SPD will Untersuchungen ausweiten

Von RND/dpa

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