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Schleswig-Holstein So gefährlich sind Messerattacken
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19:17 12.10.2018
Von Anne Holbach
Simulierten eine Messerattacke: Einsatztrainer Mike Roloff (li.) und Stefan Hinze von der Landespolizei. Quelle: Frank Peter
Kiel

„Die meisten Messerangriffe kommen überraschend“, sagte Mike Roloff, Einsatztrainer der Landespolizei Schleswig-Holstein. „Dabei kann man nicht gewinnen, sondern kommt mit einer Verletzung raus.“

Laut Landespolizeisprecher Torge Stelck gab es in Schleswig-Holstein im vergangenen Jahr 374 Angriffe auf Polizisten, bei denen diese verletzt wurden. Bei wie vielen davon ein Messer im Spiel war, konnte er nicht beziffern.

Fall Bad Oldesloe: Staatsanwaltschaft geht von Notwehr aus

Am vergangenen Sonntag hatte ein Obdachloser in Bad Oldesloe bei einem Einsatz Polizisten mit einem Messer bedroht. Ein Beamter soll zwei Schüsse abgefeuert haben, sie trafen den psychisch kranken Angreifer im Oberkörper. Der 21-Jährige starb.

Die Staatsanwaltschaft Lübeck geht davon aus, dass der Polizist in Notwehr gehandelt hat. Alles deutet laut Staatsanwaltschaft darauf hin, dass der Angreifer so dicht vor dem Beamten stand, dass ein Schuss in die Beine nicht möglich war.

Die Demonstration habe aber nichts mit dem Fall in Bad Oldesloe zu tun und auch nichts mit der Diskussion über eine Einführung sogenannter Taser, betonte ein Polizeisprecher.

Einsatztrainer: "In der Realität habe ich nur einen Bruchteil von Sekunden"

Vieles lasse sich natürlich trainieren, so Roloff. „Aber in der Realität habe ich nur einen Bruchteil von Sekunden, um eine Entscheidung zu treffen, wie ich mich schütze.“ Vier Möglichkeiten haben Polizisten: Einfache körperliche Gewalt wie Schläge oder Tritte, das Pfefferspray, den Schlagstoff oder die Schusswaffe.

Erstes Ziel bei der Abwehr: Erneut Distanz aufbauen

Problematisch sei die Grobmotorik der Angreifer, die meist nicht darauf trainiert seien, ein Messer gezielt einzusetzen. „Die sind in einer Stresssituation. Das heißt, sie werden nicht nur einmal zustechen, sondern mehrfach“, sagte Roloff.

Es gelinge zwar häufig einen ersten Angriff abzuwehren, indem er beispielsweise die Klinge mit einem Griff von seinem Körper ablenkt, nicht aber den zweiten oder dritten Stich. Ziel sei es, Distanz aufzubauen, um Zeit zu gewinnen, zu einem Einsatzmittel greifen zu können.

Pfefferspray könne bei geringerem Abstand zwar funktionieren, um das Gegenüber zeitweise außer Gefecht zu setzen, so die Einsatztrainer. Allerdings müsse es dabei gelingen, die Augen zu erwischen, was bei einem Kontrahent, der in Bewegung ist, schwierig sei. Zudem dauere es bis zu zehn Sekunden bis die Wirkung einsetze.

Sicherheitsdistanz sollte mindestens sieben Meter betragen

Etwa sieben Meter Abstand seien nötig, um sicher zu sein. „Alles was näher dran ist, erhöht das Risiko, verletzt zu werden und, dass ich es nicht mehr schaffe, rechtzeitig meine Waffe zu ziehen“ – das letzte Mittel, um das eigene Leben zu schützen.

„Wenn ein Angreifer richtig Tempo macht, ist es sehr schwer punktuell zu treffen. Zu sagen, ich nehme die linke Kniescheibe, um den zu stoppen, funktioniert dann nicht.“

Elektroschockpistolen für Polizei?

Das Innenministerium Schleswig-Holstein prüft indes, für Tests Elektroschockpistolen bei der Polizei in Schleswig-Holstein anzuschaffen. Die Jamaika-Koalition hat sich noch nicht entschieden. Die Deutsche Polizeigewerkschaft fordert, den Einsatz dieser Waffen zu erproben.

Elektroschockpistolen setzen den Getroffenen aus einer Distanz von mehreren Metern sofort für mehrere Sekunden außer Gefecht. Dabei werden zwei oder vier mit Drähten verbundene Pfeile auf einen Angreifer geschossen - über die Drähte werden dann elektrische Impulse auf den Körper übertragen.

Unterdessen hat sich der Vater des Obdachlosen zu Wort gemeldet. Einen Artikel dazu lesen Sie hier.

Hier sehen Sie Bilder von der Polizei-Übung: Risiken von Messerattacken abwehren
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