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Schleswig-Holstein „Politik hat viel mit Schreiben zu tun“
Nachrichten Schleswig-Holstein „Politik hat viel mit Schreiben zu tun“
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18:51 02.12.2015
Von Christian Hiersemenzel
Ist Politiker eigentlich ein Beruf? Innenminister Robert Habeck las mit seiner Frau Andrea Paluch aus gemeinsamen Werken. Quelle: Sonja Paar
Kiel

Robert Habeck missversteht die Frage bewusst. Wie viel Politiker in ihm da vorne im Kesselhaus der Kieler Muthesius-Kunsthochschule gerade sitzt? Der 46-Jährige reagiert mit jungenhaftem Charme. Wenn die Presse jetzt schreibe, es sei um den Koalitionsvertrag gegangen, hätte sie etwas missverstanden. Er spreche an diesem Mittwochabend einzig und allein als ehemaliger Autor. Seine Frau Andrea Paluch (45), mit der der grüne Umweltminister soeben knapp eineinhalb Stunden extrem kurzweilig aus gemeinsamen Büchern vorgelesen hat, grätscht dazwischen. Also, dass ihr Mann hier nur als Schriftsteller gesessen habe, halte sie für ein Gerücht. Dazu habe er „zu viel gequatscht“.

 Es ist dieses Vexierspiel zwischen introvertierter Welt der Kunst und extrovertierter Welt der Politik, zwischen Suche nach Wahrheit und Anspruch auf Einflussnahme, das unterschwellig den Abend begleitet. Was in Goethes „Torquato Tasso“ unvereinbar nebeneinander stand, scheint bei Habeck idealtypisch in einer Person vereint. „Politik hat überraschend viel mit Schreiben zu tun, weil man sich öffentlicher Kritik aussetzt“, sagt er im Gespräch mit Gastgeber Arne Zerbst. Wobei ihn die Kritik des Rezensenten über eine Stilblüte stärker schmerze als irgendein Anranzer in der rauen Politik. „In meiner kleinen Welt ist es eine Stärke, wenn man in seinen Büchern etwas von sich preisgibt. Aber mir wäre das auch in der Politik recht.“ Der Gesellschaft sei die Fehlerkultur abhanden gekommen. Ohne seine Seele zu stark nach außen kehren zu wollen: „Alles muss sitzen, und das drängt das Menschliche heraus.“

 Habecks Eltern sind aus Heikendorf gekommen. Zwischen ihnen sitzt in der ersten Reihe der 13-jährige Sohn Oskar, und hinten verfolgen die Grünen-Abgeordnete Anke Erdmann, ihr Mann Ulf Kämpfer sowie der grüne Finanzstaatssekretär Philipp Nimmermann die Lesung. Revival wäre das bessere Wort: „Das war früher mal unser Leben“, sagt Habeck. „Hauke Haiens Tod“, der Schimmelreiter-Nachfolgeroman von 2005, bleibt an diesem Abend geschlossen. Dafür lesen die Eheleute unter anderem aus frühen Lyrik-Übersetzungen des Liverpooler Dichters Roger McGough, aus ihrem durchaus erotischen Märchenroman „Der Tag, an dem ich meinen toten Mann traf“ (2005) und dem Jugendbuch „Zwei Wege in den Sommer“ (2006).

 Nein, die literarische Partnerschaft könne nicht weitergehen, sagt Andrea Paluch, „Robert hat ja keine Zeit“. Andererseits: „Es wäre schwierig, sich wieder anzunähern.“ Nächtelang hatte das Paar früher über einem Wort gebrütet und sich künstlerisch „aneinander abgearbeitet“. Habeck spricht von einem politischen Projekt, auch wenn ihm dieses Wort reichlich groß erscheine. Ihm habe die Idee gefallen, gemeinsam die vier Kinder großzuziehen, dieselbe Arbeit zu verrichten und exakt dasselbe Geld zu verdienen. Einen Gedanken gibt der Autor – und Politiker – den Zuschauern noch mit in die Nacht: Schreiben sei ein intuitiver Akt, und diese Haltung lasse sich auf andere Berufe übertragen. Wenn man immer ganz genau wisse, was man gerade zu tun hat, sei man nicht auf der Höhe seiner Schaffenskraft.

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