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Schleswig-Holstein Wer pflegt die Alten in Deutschland?
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18:23 11.02.2019
Die polnische Pflegerin Aleksandra Grabolus (l) kümmert sich um eine Seniorin in Reinbek. Seit drei Jahren versorgt sie zusammen mit einer Kollegin die 91 Jahre alte Frau in ihrer Wohnung. Quelle: Ulrich Perrey/dpa
Karlsruhe/Reinbek

Andrea K. ist zufrieden und ihre Mutter, so weit man für die demente alte Dame sprechen darf, auch. Seit drei Jahren wird die 91 Jahre alte Seniorin von zwei osteuropäischen Betreuungskräften versorgt. Zuhause im vertrauten Umfeld in Reinbek (Kreis Stormarn). Die 27 und 51 Jahre alten Polinnen wechseln sich ab, drei Monate pflegt die eine, dann wird sie von der zweiten für die nächsten drei Monate abgelöst.

„Die Frauen dürfen nur so lange am Stück in Deutschland bleiben“, erklärt dies K.. Sie wurden ihr über eine Osnabrücker Agentur vermittelt, die wiederum mit einer polnischen Agentur verbandelt sei. Diese habe einen Vertrag mit den beiden. „Alles ganz legal“, sagt sie.

Rund 600.000 ausländische Betreuungskräfte in Deutschland

Das allerdings ist die Ausnahme. Nur etwa zehn Prozent der schätzungsweise rund 600.000 ausländischen Betreuungskräfte, die in deutschen Haushalten leben, haben nach Schätzungen der Verbände für häusliche Pflege einen Vertrag und führen Sozialversicherungsbeiträge ab. Der Rest arbeitet schwarz.

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Das Institut für Angewandte Wirtschaftsforschung (IAW) sah in seiner Studie zu Schwarzarbeit aus dem Jahr 2017 die Betreuung von Senioren auf Platz drei der Schattenwirtschaft - übertroffen nur noch vom Baugewerbe und dem Handwerk.

Pflege in Deutschland: Viele Ukrainerinnen illegal hier

Die Bedeutung ausländischer Betreuungskräfte in der häuslichen Pflege wird nach Ansicht des Bundesverbandes häusliche Seniorenbetreuung (BHSB) von der Politik totgeschwiegen. „Alle reden über die Immigration von Fachpersonal“, moniert der Vizevorsitzende Stefan Lux.

„Es gibt aber einen viel höheren Bedarf an gering qualifizierten Betreuungskräften, deren legale Immigration bis heute kaum möglich ist.“ Das sei ein weiterer Motor für die grassierende Schwarzarbeit in diesem Bereich. „Viele Ukrainerinnen sind längst illegal im Land.“

Hintergrund

Exkurs: Was kostet eine ausländische Betreuungskraft und woher kommt sie?

Eine von einer Agentur vermittelte ausländische Betreuungskraft kostet nach Angaben des Verbands für Häusliche Betreuung und Pflege (VHBP) im Monat zwischen 1800 und 2000 Euro. Das entspreche in etwa dem Niveau des Eigenanteils für einen Platz in einem Pflegeheim. Hinzu kommen den Angaben zufolge allerdings noch Kost und Logis für die im Haushalt lebenden Beschäftigten und die Lebenshaltungskosten des zu Betreuenden.

Der Eigenanteil ist das Geld, das die Pflegebedürftigen oder deren Angehörige für den Heimplatz aufbringen müssen, da die Pflegeversicherung nur einen Teil der Kosten übernimmt. Die Belastungen sind allerdings von Bundesland zu Bundesland sehr unterschiedlich.

Ursprünglich kamen die meisten Betreuungspersonen - zu 90 Prozent sind dies Frauen - aus Polen. Inzwischen aber rücke Südosteuropa, insbesondere Rumänien, in den Vordergrund, sagt der VHBP.

Ausländische Pflegekräfte sind wichtige Säule der Betreuung

Die Politik setzt nach Ansicht des Pflegeexperten und Rechtswissenschaftlers Thomas Klie aus Kostengründen in nicht verantwortlicher Weise auf diese Arbeitsverhältnisse. „Das ist eigentlich immer jenseits dessen, was rechtlich erlaubt ist. Und trotzdem kümmert sich die deutsche Politik weder auf Landes- noch auf Bundesebene in einer irgendwie ernsthaft zu nennenden Weise darum“, sagt er.

Dabei kommt kaum jemand an der Realität vorbei: „Es ist allen bekannt - die häusliche Versorgung wäre ohne diese Betreuung nicht zu bewerkstelligen“, sagt Prof. Michael Isfort, der am Deutschen Institut für Pflegeforschung (DIP) forscht. „Es ist ein großer Bereich geworden, der wesentlich zur Versorgung beiträgt.“ Das Thema müsse enttabuisiert werden.

Ohne ausländische Pflegekräfte bräuchte es mehr stationäre Pflegekräfte

Der Geschäftsführer des Verbandes für Häusliche Betreuung und Pflege (VHBP), Frederic Seebohm, fordert ein Ende moralisierender Kritik. Gäbe es keine ausländischen Betreuungskräfte, „dann bräuchte es auf einen Schlag 250000 bis 300000 zusätzliche Stationäre Pflegeplätze“, sagt er. Diese Arbeitsverhältnisse seien sozusagen alternativlos. „Umso erstaunlicher, dass die Politik den Kopf in den Sand steckt, 90 Prozent Schwarzarbeit duldet und keine Rechtssicherheit herstellen will.“

Zum Vorwurf eines ausbeuterischen 24-Stunden-Dienstes zitiert Seebohm eine nicht repräsentative Untersuchung, derzufolge die reine Arbeitszeit einer Betreuerin 6,75 Stunden beträgt. Von einem tatsächlichen Rund-um-die-Uhr-Einsatz könne nicht gesprochen werden. Das würden die allermeisten auch gar nicht akzeptieren, sondern dann ganz schnell kündigen, sagt er. Denn Betreuungskräfte seien begehrt, „die Machtverhältnisse haben sich geändert“.

Das sieht Pflegeforscher Isfort zwar nicht ganz so: Missbrauch gebe es durchaus und es müsse sichergestellt werden, dass Betreuer - zu weit über 90 Prozent Frauen - nicht ausgenutzt würden. Umgekehrt müssten auch die alten Menschen vor Ausnutzung und Ausbeutung bewahrt werden.

Ambulante Pflegedienste können Bedarf nicht auffangen

Aber auch er moniert ein Wegschauen der Politik. „Man wird sich dem Thema systematisch zuwenden müssen“, sagt Isfort. Deutschland sei auf diese Betreuungskräfte in den Haushalten angewiesen; ambulante Pflegedienste könnten den Bedarf in keiner Weise auffangen. „Sie werden mit Nachfragen überrannt, die sie gar nicht mehr bedienen können.“ Es lauere hier ein Kollaps in der Flächenversorgung.

Für die Verbände sind die ausländischen Betreuungspersonen eine von der Politik missachtete Lebenswirklichkeit und eine unverzichtbare Säule professioneller Versorgung. Das Bundesgesundheitsministerium will dies nicht kommentieren und verweist an das Bundesministerium für Arbeit und Soziales, das für arbeitsrechtliche Fragen zuständig sei. Von dort kommt die sparsame Antwort, dass die soziale Situation ausländischer Betreuungskräfte intensiv beobachtet werde. „Derzeit sind spezielle Regelungen für den genannten Personenkreis nicht vorgesehen.“

Polnische Pflegekräfte als Rettung

Für Andrea K. waren die beiden Polinnen die Rettung. Ein halbes Jahr hatte sie ihre Mutter selbst versorgt und sich dabei fast aufgegeben. Ins Heim stecken aber wollte sie ihre Mutter auf keinen Fall und kontaktierte schließlich die Vermittlungsagentur. Sie ist seitdem voll des Lobes für das Modell. „Ich habe nur positive Erfahrungen“, sagt sie. „Ich würde das jedem empfehlen.“

Von Anika von Greve-Dierfeld/dpa

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