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Schleswig-Holstein Die Gefahr auf dem Meeresgrund wächst
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08:11 12.05.2017
Etwa 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220000 Tonnen chemische Kampfmittel sollen in Nord- und Ostsee als Überbleibsel der beiden Weltkriege schlummern. Quelle: Bernd Wüstneck
Kiel/Rostock

Die Zahlen sind gigantisch und in ihrer Dimension unfassbar. Etwa 1,6 Millionen Tonnen konventionelle und 220000 Tonnen chemische Kampfmittel sollen in Nord- und Ostsee als Überbleibsel der beiden Weltkriege schlummern. Als ob das nicht reicht, rechnen Experten mit großen Mengen an Blindgängern aus dem militärischen Übungs- und Erprobungsbetrieb zu Friedenszeiten.

„Es ist inzwischen erkannt worden, dass man etwas tun muss“, sagt Edmund Maser vom Institut für Toxikologie und Pharmakologie der Universität Kiel. Denn dank der Forschungen seines Teams sei klar, dass freigesetzte Schadstoffe von Meerestieren aufgenommen werden.

Lange Zeit sei man davon ausgegangen, dass es reicht, die Munition abzudecken und sich selbst zu überlassen. Doch die Granaten rosten und geben ihre Inhaltsstoffe frei. Wie es dann mit diesen Stoffen weitergeht, ist eine der zentralen Fragen bei einem Symposium kommende Woche im Leibniz-Institut für Ostseeforschung Warnemünde (IOW).

Schon die Geschichte, die zum Ablagern dieser Unmengen Kampfstoffe führte, ist abenteuerlich. Sie stammten zum größten Teil aus deutschen Beständen, die im Krieg nicht genutzt wurden. „Die Alliierten hatten Angst, dass die Deutschen damit eine Art Partisanenkrieg führen könnten und schütteten einfach alles ins Meer“, berichtet Jens Greinert vom Helmholtz-Zentrum für Ozeanforschung in Kiel. Er ist Leiter des Projektes Udemm (Umweltmonitoring für die Delaboration von Munition im Meer).

Die Strategie „Aus dem Auge, Aus dem Sinn“ ist nicht aufgegangen, sagt Greinert. Selbst nach mehr als 70 Jahren sind die Kampfstoffe nicht unschädlich. So könne der Sprengstoff TNT nach wie vor explodieren, der TNT-Abbaustoff ADNT sei hochgiftig. „Aber es fehlt das Basiswissen, eine Folge der jahrzehntelangen Untätigkeit“, bedauert er. Die Politik habe das jedoch inzwischen verstanden. Nun gehe es daran zu erkunden, „was da unten vor sich geht.“

Bei den aktuellen Forschungsarbeiten helfen auch Meerestiere, berichtet Maser. Es gebe Pläne, dass künftig ferngesteuerte Roboter die Granaten aufschneiden und den Sprengstoff inaktivieren. Zuvor müsse bekannt sein, ob dabei Stoffe freigesetzt werden und wie sich das auf die Umwelt auswirkt. Muscheln als „Biomonitore“ sind hocheffektive Wasserfiltrierer und pumpen pro Stunde mehrere Liter Wasser durch ihren Körper. Die Kieler Forscher setzten sie in kleinen Körbchen unter anderem auf die Granaten, berichtet Maser. Bei „Vorher-Nachher-Messungen“ zeigte sich schon, dass sich schädliche TNT-Abbauprodukte im Muschelgewebe anreichern.

„Wir haben das Problem der austretenden Schadstoffe also schon jetzt“, sagt der Toxikologe. Er geht davon aus, dass die Stoffe irgendwann „auf unseren Tellern“ landen. Es gibt allerdings keine verbraucherrelevanten Grenzwerte, nach denen sich die Gesellschaft richten könne. Zudem summierten sich die verschiedenen Schadstoffe.

Ein vom IOW entwickeltes Simulationsmodell könnte Aufschluss geben, wie sich die Sprengstoffe ausbreiten. Grund sei das Wissen um Strömungen oder Temperaturen in der Ostsee, sagt IOW-Forscherin Anja Eggert. Das Modell gebe Hinweise, wann eine Bergung mit der damit verbundenen Gefahr von Freisetzungen sinnvoll erscheint oder ob sie zum geplanten Zeitpunkt wegen ungünstiger Strömungen in Richtung Küste nicht ins Auge gefasst werden soll, erklärt sie. Das Modell erleichtere aber auch die Suche nach womöglich unbekannten Quellen der Sprengstoffe. Tauchten irgendwo Kampfstoffe in hohen Konzentrationen auf, könnte zurückgerechnet und die Quelle möglicherweise identifiziert werden.

Klar ist allen Forschern, dass die Beseitigung der Kampfstoffe in Nord- und Ostsee Milliarden verschlingen wird, daran führe kein Weg vorbei. Denn die Gefahr werde immer größer. Es würden Fahrrinnen für Schiffe freigelegt und Pipelines gebaut, Offshore-Parks brauchten Landstromanbindungen. Auch wenn für die Granaten haltbare Materialien verwendet wurden - irgendwann geben sie alle ihren Inhalt frei.

Von lno

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