Menü
Kieler Nachrichten | Ihre Zeitung aus Kiel
Wirtschaft Arme Menschen sterben früher
Nachrichten Wirtschaft Arme Menschen sterben früher
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
14:13 02.03.2017
Immer mehr Menschen in Deutschland drohen in Armut abzustürzen. Quelle: epd
Anzeige
Berlin

Immer mehr Menschen in Deutschland drohen in Armut abzustürzen. „Deutschland hat mit 15,7 Prozent Armutsquote leider einen neuen Höchststand seit der Wiedervereinigung erreicht“, sagte der Geschäftsführer des Paritätische Wohlfahrtsverbands, Ulrich Schneider, bei der Vorstellung des neuen Armutsberichts am Donnerstag in Berlin. Somit lagen 2015 in Deutschland 12,9 Millionen Menschen unter der Grenze für Armutsgefährdung.

Auch die Lebenserwartung der Deutschen hängt maßgeblich davon ab, ob sie arm oder reich sind. So leben wohlhabende Menschen in Deutschland deutlich länger als arme. Das berichtet das NDR-Magazin „Panorama“. Demnach werden die Unterschiede in der Lebenserwartung immer größer: „Die Lebenserwartung steigt für die wohlhabenden Menschen in jedem Jahr stärker als für die ärmeren Menschen, und deshalb vergrößert sich der Abstand“, sagte der Vorsitzende des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes, Rolf Rosenbrock, dem NDR.

Wohlhabende Männer leben knapp elf Jahre länger

Rosenbrock verwies auch auf eine Studie des Robert Koch-Instituts. Demnach sterben Männer, die an oder unter der Armutsgrenze leben, im Schnitt 10,8 Jahre früher als wohlhabende Männer. Bei Frauen betrage die Differenz etwa acht Jahre. Arme Männer hätten eine durchschnittliche Lebenserwartung von 70,1 Jahren, arme Frauen von 76,9 Jahren. Dagegen lebten wohlhabende Männer im Schnitt 80,9 Jahre, wohlhabende Frauen 85,3 Jahren.

Als Gründe für die geringere Lebenserwartung der Armen nannte Rosenbrock ein riskanteres Gesundheitsverhalten durch schlechte Ernährung, mangelnde Bewegung, Rauchen und Alkohol. Das erkläre jedoch nur die Hälfte des Unterschieds. Sozial Schwache seien auch größerem psychischen Druck ausgesetzt, unter anderen durch schlechtere Arbeitsbedingungen und Arbeitslosigkeit.

Der Paritätische Wohlfahrtsverband beruft sich auf das Statistische Bundesamt, das den Anteil der Menschen mit einem Einkommen unter 60 Prozent des mittleren Haushaltseinkommens misst. Die Quote stieg von zuvor 15,4 Prozent auf den jüngsten Wert aus dem Jahr 2015 an. Zehn Jahre zuvor lag sie noch bei 14,7 Prozent. „Die wirtschaftliche Entwicklung schlägt sich schon lange nicht mehr in einem Sinken der Armut nieder“, sagte Schneider.

Arbeitslose und Alleinerziehende haben hohes Armutsrisiko

Das Bundesamt stuft die Betroffenen als armutsgefährdet ein, der Wohlfahrtsverband als arm. „Es ist ein zunehmender Trend“, sagte Schneider. Die Schwelle liegt bei einem Single bei 942 Euro Einkommen im Monat, bei einem Paar mit zwei kleineren Kindern bei 1978 Euro.

Einem extrem hohen Armutsrisiko ausgesetzt sind Arbeitslose mit einer Quote von 59 Prozent und Alleinerziehende mit 43,8 Prozent. Besonders betroffen sind zudem Ausländer (33,7 Prozent) sowie Familien mit drei und mehr Kindern (25,2 Prozent). Der Anteil armutsgefährdeter Rentner (15,9 Prozent) stieg innerhalb von zehn Jahren um 49 Prozent (von 10,7 Prozent). Der Präsident der Volkssolidarität, Wolfram Friedersdorf, sprach von einer „Lawine“ an Altersarmut. „Es ist schon beängstigend, wie mit Älteren in der Gesellschaft umgegangen wird.“

Minderjährige und junge Erwachsene sind häufig betroffen, wenn sie aus ärmeren Elternhäusern stammen, keinen oder einen niedrigen Schulabschluss haben. Zwei Millionen Kinder und Jugendliche bekommen Hartz IV. Die Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbunds, Cordula Lasner-Tietze, mahnte: „Aus Kindern und Jugendlichen in Armut werden nicht selten junge Erwachsene in Armut und aus diesen wiederum arme Eltern.“ Insgesamt stehen zehn Verbände hinter dem Bericht.

In vier Ländern sinken die Quoten

Armut ist im Ruhrgebiet und in Berlin am tiefsten verankert. In vier Ländern sanken die Quoten: in Brandenburg, Sachsen-Anhalt, dem Saarland und Rheinland-Pfalz. In Nordrhein-Westfalen ist die überdurchschnittliche Armutsquote von 17,5 Prozent stabil geblieben. In elf Bundesländern wuchs die Armut - in Berlin stieg die Quote von 20 auf 22,4 Prozent, in Bremen von 24,1 auf 24,8 Prozent.

Das Armutsdefinition des Wohlfahrtsverbands - der Anteil der Menschen unter der 60-Prozent-Einkommensschwelle - ist umstritten. Der Deutsche Städte- und Gemeindebund kritisierte den Armutsbericht als „zu pauschal“. Über die reale Situation der Betroffenen sage das 60-Prozent-Kriterium nichts, sagte Hauptgeschäftsführer Gerd Landsberg der „Neuen Osnabrücker Zeitung“. Der Dortmunder Statistikprofessor Walter Krämer sagte den Zeitungen des Redaktionsnetzwerks Deutschland, wer herausfinden wolle, wie sich Armut entwickele, müsse sie an Notlagen festmachen. „Die Wohlfahrtsverbände wissen genau, warum sie keine seröse Armutsstatistik wollen: Dabei käme nämlich heraus, dass Armut seit Jahren sinkt.“

Linke-Chefin Katja Kipping forderte eine „radikale Umverteilung von oben nach unten“. Der Sozialverband VdK verlangte „gezielte Investitionen für die ärmere Hälfte der Bevölkerung“.

Von RND/dpa

Anzeige