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Wirtschaft In der Nische der Krise getrotzt
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07:00 06.06.2016
Von Gerhard Müller
Idylle auf dem Biohof: Yannick, Harald und Anne Rzehak (von links) und der Auszubildende Ansgar Mackensen sind mit ihren Kühen gut vertraut. Quelle: Gerhard Müller
Wulfshagenerhütten

Die Rzehaks liefern das Kontrastprogramm zu unserer Serie. Statt „Bauern in Not“ gilt für sie eher „alles im Lot“. Während der Preis für konventionell erzeugte Milch mit rund 20 Cent pro Liter einen Tiefstand erreicht hat, hält der Bio-Boom an. Die Rzehaks liefern das Beispiel, wie man in der Nische einer Krise trotzen kann.

 Die Anzahl der Bio-Betriebe und deren bewirtschafteten Flächen liegen bundesweit gemessen an der gesamten Landwirtschaft noch immer im einstelligen Prozentbereich. Relativ kleines Angebot, ordentliche Nachfrage, die freie Marktwirtschaft funktioniert in diesem Sektor. Harald Rzehak, 63, hat also auf das richtige Pferd gesetzt. „Öko-Landwirtschaft war zu Beginn für uns eine große Herausforderung“, erzählt der Diplom-Biologe, der sich schon als Student intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt hatte. 1976 war er Mitbegründer der Arbeitsgruppe für ökologischen Landbau an der Christian-Albrechts-Universität, nach seinem Studium untersuchte er fünf Jahre lang in einem Forschungsprojekt die Belastbarkeit von Agrar-Ökosystemen mit Pestiziden. Da war es logisch, dass er 1985 auf dem zehn Jahre zuvor von den Eltern übernommenen Hof komplett auf Bio umsattelte.

 Die Rzehaks liefern die Hälfte ihrer Jahresproduktion für 45, 46 Cent pro Liter an eine Bio-Molkerei, die andere Hälfte vermarkten sie auf dem Hof für einen Euro, und für Lieferung an Privatkunden fallen 1,30 Euro an. Den Hofladen, in dem es auch selbst erzeugtes Fleisch, Wurst, Käse und Joghurt sowie Bio-Bier einer Brauerei aus Münster in Westfalen zu kaufen gibt, betreibt Harald Rzehaks Frau Anne, die eigentlich mal als Lehrerin arbeiten wollte. Sie kümmert sich zudem um Organisation und Vermarktung. Die Rzehaks liefern dreimal pro Woche vor allem pasteurisierte Milch in Flaschen an Bioläden, Kindergärten und Großküchen. 45, 46 Cent erhalten sie für den Liter, der Preis ist konstant. Privatkunden können zudem unbehandelte Vorzugsmilch kaufen. Der Biohof ist einer von nur 80 deutschen Betrieben, die unbehandelte Rohmilch produzieren. Rund 25000 Kilo sind es in zwölf Monaten. Die Milch macht’s – in Wulfshagenerhütten gilt der alte Werbeslogan weiterhin. 48 gesunden Kühen sei Dank. Die werden zweimal täglich gemolken. In Handarbeit. „Ein Milchroboter kommt mir nicht ins Haus“, winkt Harald Rzehak ab. Er, sein Sohn Yannick und der Auszubildende Ansgar Mackensen erleichtern jede Schwarzbunte durchschnittlich pro Jahr um 7000 Liter – deren konventionelle Hochleistungs-Kolleginnen liefern locker die anderthalbfache Menge.

 Auf dem Biohof steckt eine Menge Arbeit. 65 Hektar Land, die Hälfte in Eigenbesitz, wollen bewirtschaftet sein. Auf den Flächen reift Wintergerste ebenso heran wie Erbsen als Viehfutter. Die Milch wird auf dem Hof pasteurisiert, allerdings mit nur 65 statt der sonst üblichen 75 Grad, das ist besser für den Geschmack. Halbautomatisch fließt sie in die zuvor penibel gesäuberten Flaschen, die Deckel werden per Hand daraufgedreht. „Über unser Arbeitspensum möchte ich lieber gar nichts erzählen“, sagt Harald Rzehak.

 Darüber reden möchte aber sein Sohn Yannick. Der 29-Jährige, der erst Geo-Ökologie und anschließend Landwirtschaft studiert hat, hat lange überlegt, ob er in den Betrieb einsteigen soll. „Ich wusste, wie viel meine Eltern arbeiten, das hat mich davon abgehalten.“ Während eines siebenmonatigen Praktikums auf einem Hof in Dumfries in Schottland merkte er, dass Landwirtschaft trotz der Belastung Spaß machen kann. Zum Beispiel auch mit dem Konzept „Soldarische Landwirtschaft“. Den Spaß will er sich erhalten und den Hof so bewirtschaften, dass die Freizeit nicht komplett auf der Strecke bleibt. „Dieser Aspekt ist mir wichtig“, betont er. Statt „mir“ hätte er auch „uns“ sagen können, denn seine Freundin Anna, 25, die noch Agrarwissenschaften studiert, will helfen, die Familientradition fortzusetzen. Zukunftssorgen? Yannick Rzehak blinzelt in die Sonne, lässt dann den Blick über grüne Wiesen und grasende Kühe in die Ferne schweifen. „Wir sind keine klassischen Milchviehbauern – zum Glück.“

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